Schwäbisch Hall Diakonissen im Wandel der Zeit

Oberin Bärbel Koch-Baisch, Doris Kling und Schwester Hilde Ebert sind für den diakonischen Weg berufen.
Oberin Bärbel Koch-Baisch, Doris Kling und Schwester Hilde Ebert sind für den diakonischen Weg berufen. © Foto: Für den diakonischen Weg berufen (v.l.n.r.): Oberin Bärbel Koch-Baisch, Doris Kling und Schwester Hilde Ebert. Meredith Hicks
Schwäbisch Hall / MEREDITH HICKS 09.08.2016
Das Jahr 1969 war ein Einschnitt für Haller Diakonissen. Sechs Jahre später gab es eine weitere große Veränderung. Zeitzeuginnen erinnern sich.

Graues Kleid, weiße Schürze, Haube, Brosche mit Kreuz: Die Tracht der Diakonissen des Diak-Mutterhauses ist rar geworden im Schwäbisch Haller Stadtbild. Ein Blick zurück in die Zeit Ende der 1960er-Jahre erklärt, warum das so ist.

„Die Zeit der Studentenrevolution, neuer Lebensstile und der aufkommenden Frauenbewegung ging auch am Diak nicht vorbei“, sagt Bärbel Koch-Baisch (55), seit Ende 2013 Oberin und geschäftsführende Pfarrerin des Diakonie-Klinikums. „Vor dem Hintergrund des damaligen gesellschaftlichen Wandels machten sich die deutschen Mutterhäuser Gedanken, wie ihre Arbeit weitergehen konnte. Das taten natürlich auch die Verantwortlichen im Diak.“

Im Jahr 1969 entschieden sie sich, die Diakonissengemeinschaft und die Verbandsschwesternschaft unter dem Dach der „Haller Schwesternschaft“ zusammenzuschließen. Damit war für jede Frau mit der entsprechenden Ausbildung der Weg frei, im Diak tätig zu sein, ohne Diakonisse werden zu müssen.

„Für uns Diakonissen war das ein schwerer Einschnitt“, erinnert sich Schwester Hilde (88). „Wir hatten damals schon Bedenken, dass sich dies auf unser Haus negativ auswirken könnte. Aber wir haben auch die Notwendigkeit für diese Veränderung erkannt“, so die Schwester mit dem regem Geist und den klaren blauen Augen.

Zu dieser Zeit vollzogen immer weniger junge Frauen das Gelübde, in Ehelosigkeit und Armut innerhalb der isolierten Glaubens- und Dienstgemeinschaft der diakonischen Schwestern leben zu wollen. „Aber unsere Schwestern sind damals wie heute schon immer offen und fortschrittlich gewesen. Trotz der großen Veränderungen ist deren Credo: Wenn es dem Diak hilft, dann ist es gut“, erläutert Koch-Baisch.

Schwester Hilde Ebert stammt aus Kreßberg-Bergbronn und ist im Januar 1952 in das Haller Mutterhaus eingetreten. Nach Aufnahme und Ausbildung zur Kinderkrankenschwester wurde sie im Jahr 1958 in der Kirche St. Michael mit neun weiteren Diakonissen eingesegnet. Zu der Feier kamen 600 Schwestern aus nah und fern. „Das war ein wunderbares und berührendes Erlebnis“, so Schwester Hilde, die mit 37 weiteren Schwestern ihren sogenannten Feierabend auf dem Haller Diakgelände verbringt.

Im Haller Diak gab es damals noch rund 500 Diakonissen. Im Jahr 1985 wurde die letzte Diakonisse eingesegnet, die heutige stellvertretende Oberin Schwester Margarete Mühlbauer.

Im Jahr 1975 erfolgte eine weitere Öffnung, die auch Männern den Zugang verschaffte. Damals entstand die bis heute tragende „Gemeinschaft der Haller Schwestern und Brüder“, die von der Oberin geleitet wird. Aktuell hat die Gemeinschaft rund 960 Mitglieder. „Mitglied in der Gemeinschaft können Mitarbeiter des Evangelischen Diakoniewerks werden, die den diakonischen Auftrag bejahen und einer christlichen Kirche angehören, die zur Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen zählt“, erklärt Doris Kling. Sie arbeitet seit 1982 im Diak und führt das Sekretariat der Oberin. Mitglied der Haller Schwestern und Brüder ist sie seit 1997.

„Wir richten unseren Dienst an der befreienden Botschaft von Jesus Christus. Die Gemeinschaft ist Teil der christlichen Unternehmenskultur unseres Hauses“, so Oberin Koch-Baisch. „Unsere Schwestern und Brüder geben monatlich einen Beitrag von 1,2 Prozent ihres Grundgehalts an das Diak ab, Ruheständler fünf Euro pro Monat. Hiermit wird beispielsweise die Seelsorgerin in unserer Kinderklinik finanziert“, erklärt Doris Kling stolz.

„Was die Tracht betrifft, gab es seit März 1986 eine überarbeitete Trachtordnung, in der das Tragen der Tracht gelockert wurde und auch Zivilkleidung erlaubt ist“, verweist Doris Kling auf die nächste Zäsur. „Für die Zivilkleidung gibt es seitdem die Brosche mit Kreuz in kleinerer Größe oder als Anhänger.“

Für alle drei Frauen war der diakonische Weg eine Berufung. Schwester Hilde: „Es war Gottes Ruf, der mir den Weg zur Schwester gezeigt und mich geführt hat.“ Bis heute folgt sie diesem Ruf auch im sogenannten Feierabend und tut noch Tag für Tag ihren Dienst im Diak-Hochhaus. „Die tägliche kleine Reise dorthin ist für mich das große Glück.“

Einsegnung als Diakonisse erst nach fünf Jahren

Ausbildungsgang Vor der Ernennung zur Diakonisse standen eine halbjährige „Probezeit“, die die jungen Frauen in der Behindertenarbeit verbrachten, sowie eine fachliche Ausbildung als Kranken- oder Kinderkrankenschwester. Zu Beginn der Ausbildung  stand ein dreimonatiger sogenannter Unterkurs. Vor der Einsegnung gab es einen dreimonatigen Oberkurs, in dem biblisch-theologische Themen und Diakoniegeschichte vermittelt und ethische Fragestellungen diskutiert wurden. Erst nach etwa fünf Jahren wurden die Schwestern als Diakonissen eingesegnet.  Verbandsschwestern, heute diakonische Schwestern, leben in der Glaubens- und Dienstgemeinschaft, jedoch nicht wie die Diakonissen in der Lebensgemeinschaft.

Rückgang Im Jahr 1936 gab es im Schwäbisch Haller Mutterhaus des Diakonie-Klinikums  noch 538 Diakonissen. Ab 1937, mit dem Erstarken des Nationalsozialismus, gingen die Eintrittszahlen zurück. Nach dem Krieg stiegen sie kurzfristig zwar noch einmal an, waren aber dann seit 1954 rückläufig. Zwischen den Jahren 1978 und 1981 gab es nur noch vier Eintritte.

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