Seit vorigem Oktober arbeitet das Jugendensemble der Freilichtspiele Schwäbisch Hall nun schon an dem „Haller Faust”, einer modernen Inszenierung des aus der Schule allseits bekannten „Faust”. Bei diesem Projekt soll es jedoch nicht darum gehen, das Original Wort für Wort zu übernehmen und nachzuspielen. Figuren und Handlungsverläufe aus „Faust” dienen zwar als Grundlage des Stücks, der Fokus liegt jedoch vielmehr auf den jungen Schauspielern, die sich mit sich selbst und zentralen Fragestellungen auseinandersetzen, die sich aus der Handlung und Problematik des Stücks ergeben: Wer bin ich und wer möchte ich sein? Was bedeutet für mich Gut und Böse und wie müsste ein Augenblick aussehen, damit ich sagen könnte „Verweile doch! Du bist so schön.”

Eigene Erfahrungen einbringen

Ziel ist es, dem Stück durch die Arbeit an sich selbst und durch das Einbringen eigener Erfahrungen, Wünsche und Ängste einen einzigartigen Charakter zu verleihen und den Jugendlichen dabei auch noch etwas Wichtiges mitzugeben. „Wenn man sich mit den wichtigen Fragen des Lebens, die sonst im Alltagsleben untergehen, intensiv beschäftigt, hat man die Möglichkeit, intensiver, reflektierter und bewusster zu leben”, erklärt Florian Götz, Dramaturg der Freilichtspiele Schwäbisch Hall. Außerdem sei solches Theater immer sehr persönlich, berührend und habe höchstes Ansteckungspotenzial für das Publikum. So könnten die Zuschauer den Schauspielern besonders nahekommen.

Zu einem Projekt, das zu einem solch großen Teil von den Jugendlichen selbst abhängt, gehört natürlich vor allem eins: gemeinsames Proben. Beim Aufwärmen zu Beginn einer solchen Probe soll zunächst einmal jeder seine Ruhe finden, um vom Alltagsstress abzuschalten. So fällt es leichter, sich auf die Arbeit mit anderen und nicht zuletzt auch mit sich selbst einlassen zu können. Es wird in unterschiedlichen Geschwindigkeiten gegangen: mal schnell, in Zeitlupe und dann jeder in seinem eigenen perfekten Tempo. „Jetzt seht ihr euch ganz kurz und schüchtern in die Augen, als würdet ihr einen Fremden anlächeln”, sagt Götz. Wie auf Knopfdruck verwandelt sich die Haalhalle in eine Fußgängerzone voller Menschen, die sich zum ersten Mal begegnen. Sofort fällt auf, wie gut das Jugendensemble aufeinander abgestimmt ist: Obwohl der Blick in dieser Aufgabenstellung meist auf den Boden gerichtet ist, gibt es keine Zusammenstöße.

Üben in Zweiergruppen

Nach dem kurzen Warm-up geht es an die Arbeit. Im Hintergrund läuft ruhige Musik; die Stimmung ist locker, aber doch konzentriert. In Zweiergruppen wird eine Szene des Stücks geübt, in der sich Faust und Gretchen zum ersten Mal begegnen. Regisseurin Martina Maria Reichert gibt Tipps. „Versuch mal, dich wirklich fallen zu lassen”, empfiehlt Reichert einer Gruppe. „Versetzt euch wirklich in die Situation und schaut euch an”, rät sie einem anderen Paar. „Ich möchte, dass da emotional was zwischen euch stattfindet.”

Die jungen Schauspieler lassen sich auf die Kritik ein, verbessern sich ständig und stellen vor allem ihr großes schauspielerisches Talent unter Beweis. Eine kleine Gruppe klügelt in der Zwischenzeit die perfekte Strategie für einen anderen Bestandteil des Stücks aus. Es wird mit Huckepack und Räuberleiter experimentiert, Berührungsängste gibt es keine. Im Hintergrund noch immer Musik und zwei Jugendliche, die über das Geschehen hinweg ihren Text durchgehen.

„Insgesamt wird bei den Proben sehr assoziativ gearbeitet und aus dem, was die Jugendlichen einbringen, kann sehr viel Neues entstehen”, sagt Götz. So sollten die jungen Talente einmal passend zur Thematik 100 Fragen aufschreiben, die für sie ihr Leben ausmachten. „Aus diesen Fragen entsteht sowohl eine Szene fürs Stück als auch die Möglichkeit, die Fragen wieder aufzugreifen und weiterzubearbeiten”, erklärt er.

So setzt sich die Gruppe während der Probe auch zusammen, um mitgebrachte Lieblingsszenen aus Büchern oder Filmen zu besprechen. „Auf gewisse Weise ist das doch eine total tolle Faust-Geschichte”, meint Reichert zur Vorstellung einer mitgebrachten Buchszene. Möglicherweise wird der Einfluss dieser Szene auf das Stück bald auch bei der Premiere des „Haller Faust” am 6. Oktober zu sehen sein.