Was ist Liebe? Denk mal kurz darüber nach. Das haben auch die 19 Jungschauspieler des Jugendensembles der Freilichtspiele für ihr Stück „Liebe!“ getan. Heraus kamen unterschiedliche Szenen, die unter der Regie von Florian Götz zu einem Stück zusammengefasst wurden, das am vergangenen Mittwoch mit rund 120 Zuschauern ausverkaufte Premiere in der Haalhalle feierte.

„Ich glaube, ich habe mich in eine Frau verliebt“, gesteht Noemi ihrer besten Freundin Ana. „Es wäre so viel einfacher, mit einem Typen zusammenzukommen“, seufzt Noemi. Dieser gleichgeschlechtlichen Liebe stellen die Jugendlichen effektvoll die gesellschaftlichen Zwänge von Mann und Frau gegenüber.

„Der Mann muss größer sein“, „Die Frau möchte heiraten“, „Der Mann muss älter sein“, „Die Frau hat Angst vor Spinnen“. Bei jedem Klischee wird Katja und Lorena in der Mitte der Bühne ein Kleidungsstück über die Schultern gelegt. Bis sie letztendlich unter der Last der von der Gesellschaft aufgedrängten Vorstellungen und Klischees zusammenbrechen. Diese Szene regt durchaus zum Nachdenken an.

Große Gefühle auf der Theaterbühne

Theater Große Gefühle auf der Theaterbühne

Der richtige Hormonspiegel

Nicht nur schwere Kost präsentieren die Schauspieler. Sehr witzig zeigen Silja und Katja die chemischen Prozesse im Körper, die „Liebe“ auslösen. „Glücklich werden mit Chemie“ nennen sie es. Ben ist total verliebt in Ilayda. Sie aber nicht in ihn. „Mit dem richtigen Hormonspiegel kann man da herumtricksen“, sind die beiden Wissenschaftlerinnen überzeugt. Dafür haben sie vier Gäste eingeladen: Lara als hibbeliges Adrenalin, Chantal als Flower-­Power-Glückshormon Dopamin, Lorena als Kuschelhormon Oxytocin und Nina als gelassenes Serotonin. Noch einen Song von Ben dazu und siehe da, mit ein bisschen Nachhelfen verliebt sich die skeptische Ilayda doch.

Weiter geht es auf der Hippie-­Motto-Party von Jago. Dort wird aber nicht nur gefeiert, sondern die Jugendlichen sprechen über Monogamie und die nach wie vor oft noch als Tabu angesehene Polygamie, One-Night-Stands und Asexualität. „Die Monogamie gehört abgeschafft!“, fordert Ronja. Jago liebt eben Vivi und Louisa. Für Ana ist es okay, nur ganz viele enge Freundschaften zu haben. Und andere wollen einfach nur Spaß haben und ihre Freiheit genießen. Liebe im Sinne von „liebe deinen Nächsten“ ist Thema bei Ilayda. „Liebe macht nicht halt an einer Landesgrenze“, sagt sie. Trotz des vielen Hasses, den Parteien wie die AfD verbreiten, habe sie die Hoffnung auf ein gemeinsames Miteinander noch nicht verloren. Und auf keinen Fall sei sie politikverdrossen und mache bei den „Fridays for Future“-Demos mit, weil sie die Schule schwänzen möchte, sondern weil ihre Liebe auch der Umwelt gilt. „Wir sind nicht nur uns selbst die Nächsten“, macht sie klar.

Erstes Date bis Trennung

Die 19 Jungschauspieler lassen das Publikum an ihrer Gefühlswelt teilhaben. Von der Aufregung und Verzweiflung vor dem ersten Date bis hin zum Trennungsschmerz. „Liebst du mich noch?“, „Warum fragst du?“, „Ich muss es wissen!“, „Nicht mehr“. Doch was bedeutet Liebe nun für die Einzelnen? Feuer, Geborgenheit, Apfelkuchen mit Streusel, Leidenschaft, Emotionen, Familie, Essen, warme Sommernacht, Verwirrung, wunderschön, Berührung, Zucker, dass es Bockwürstle regnet und Knackwürste schneit, Sternenhimmel, Freiheit, Lachen, Pusteblume, Herr der Ringe, Barfußlaufen, mutig zu sein, Zeit mit der besten Freundin verbringen.

Und da sind wir wieder am Anfang des Stücks. Noemi hat sich in ihre beste Freundin Ana verliebt. „Sorry, aber ich fühle ganz anders“, sagt Ana. „Was machen wir jetzt?“, fragt Noemi. Die Frage bleibt unbeantwortet. Lieber stimmen Ana auf der Ukulele und Noemi am Keyboard einen Abschlusssong an.

Wildes und lautes Klatschen setzt ein, das Publikum ist begeistert. „Wunderbar! Toll!“, raunt es durch die Reihen. Ganz vorbei ist es noch nicht, denn die Jugendlichen führen noch eine Überraschungs-Modenschau auf. Um die Arbeit von Kostümbildnerin Karina Liutaia zu würdigen, die aus den rund 100 gespendeten Jeans für jeden ein individuelles Kostüm geschneidert hat. Ausgelassen, fröhlich, aber auch erleichtert wirken die Jugendlichen nach ihrer gelungenen Premiere.

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