Schwäbisch Hall / Marcus Haas  Uhr
Drei neue Listen treten am 26. Mai für Plätze im Gemeinderat Schwäbisch Hall an. Damiana Koch und Peter Aichelin kandidieren auf der Bunten Liste und beziehen Stellung.

„Die Hexe vom Gemeinderat, die dickköpfige Fraktionslose“ – so bezeichnen Sie sich öffentlich selbst. Was meinen Sie damit, Frau Koch?

Damiana Koch: Die gute Hexe vom Gemeinderat, die liebevoll, aber kritisch die Verwaltungsspitze kontrolliert. Ich halte den OB nicht für inkompetent. Er ist ein guter Manager, aber die Stadt ist kein Konzern, sondern lebendig. Ich setze mich dickköpfig für mehr soziale Gerechtigkeit ein.

Haben Sie Verständnis dafür, dass andere Stadträte genervt sind und entsprechend reagieren, wenn Sie viele und auch irrelevant erscheinende Fragen im Rat stellen?

Koch: Meine Sprache ist mein Handicap. Am Anfang waren mir die Beleidigungen nicht egal, da flossen Tränen. Die Mitglieder der Fraktionen wollen tolerant sein und zeigen in der politischen Auseinandersetzung das Gegenteil. Mittlerweile kann ich aber gut damit umgehen.

Sie sind 2014 auf der Liste der Grünen in den Gemeinderat gewählt worden, Ende 2014 haben Sie die Fraktion wieder verlassen. „Sie ist kein Teamplayer und braucht ihre eigene Bühne, um sich präsentieren zu können“, sagt Andrea Herrmann dazu. Hat die Fraktionsvorsitzende der Grünen recht?

Koch: Wenn Teamfähigkeit bedeutet, dass ich den Mund halten und abnicken soll, ja, dann bin ich kein Teamplayer. So war das bei den Grünen.

Wie soll das mit der Bunten Liste funktionieren, falls es mehrere in den Rat schaffen? Wollen Sie die Bunte Liste nicht eher nur als Sprungbrett nutzen, um es in den Rat zu schaffen, um dann wieder Ihr eigenes Ding durchzuziehen?

Koch: Nein, das würde ganz anders laufen, weil es diese starke Fraktionsdisziplin wie bei den Grünen nicht geben würde.

Herr Aichelin, waren Sie schon mal in einer Partei, im Gemeinderat?

Peter Aichelin: Ich war von 1998 bis 2018 bei den Grünen und 2004 auf der Liste für den Kreistag, bin aber nicht gewählt worden. Ich bin ausgetreten, weil ich auf der Bunten Liste kandidiere.

Warum passen die Grünen nicht mehr für Sie?

Aichelin: Mir geht es mit der starken Fraktionsdisziplin ähnlich wie Damiana Koch. Ich will mich dieser Struktur nicht unterwerfen.

Warum wollen Sie in den Gemeinderat? Gibt es einen Auslöser?

Aichelin: Unsere drei Ziele lauten sozial, ökologisch und weltoffen. Konkreter Auslöser für meine Kandidatur ist die Verkehrssituation in Schwäbisch Hall. Es fehlt ein zusammenhängendes Konzept. Radwege haben oft große Lücken oder enden im Nichts. In der Innenstadt brauchen wir Elektrobusse, wenn der Haalplatz umgestaltet wird, sonst werden die Geschäfte abgehängt wie in der Gelbinger Gasse. Außerdem mangelt es an sozialem, an bezahlbarem Wohnraum in der Stadt. Das ist auch ein Problem für die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen.

Wie würden Sie das verändern?

Aichelin: Wenn beispielsweise eine ältere Frau allein in einem großen Haus wohnt, dann könnte die Stadt zwischen Vermieter und Mietern vermitteln und so ein Mehrgenerationenwohnen auf den Weg bringen.

Haben Sie eine Vision, ein Ziel?

Aichelin: Ich träume von einer Innenstadt, in der es viele unterschiedliche Begegnungsräume für Menschen gibt.

Frau Koch, wie sieht Ihr Schwäbisch Hall 2030 aus?

Koch: Ich war im Selbsttest mit einem Rollator in der Stadt unterwegs und wegen des Pflasters, der vielen Treppen sowie anderer Hürden genervt. Das Problem könnte mit Schnellwegen und Parkplätzen für Rollatoren gelöst werden. Das gibt es in Städten wie Emden in Niedersachsen bereits.

Wenn Sie so viel Budget hätten, wie Sie wollten, was würden Sie damit für die Stadtentwicklung zuerst auf den Weg bringen?

Koch: Ich würde kostenlose Fitnessgeräte für alle Generationen, für Menschen mit und ohne Behinderung an allen Spielplätzen der Stadt aufstellen.

Aichelin: Gemeinnütziges Wohnen hätte Priorität. Ich würde soziale und bezahlbare Wohnungen bauen lassen, mit Mietpreisen, die lediglich für den Betrieb reichten.

Prognose: Was für ein Wahlergebnis erzielt die Bunte Liste bei der Kommunalwahl?

Koch: Wenn es drei Sitze im neuen Gemeinderat werden, wäre ich zufrieden.

Das könnte dich auch interessieren:

Die Stadtwerke Schwäbisch Hall produzieren seit 2018 genau so viel umweltfreundlichen Strom, wie Elektrizität in ihrem Netz verbraucht wird.

Die Wolpertshausener Räte üben Kritik an den Ausgleichsmaßnahmen beim Ausbau der A6. Erneut fordern sie eine Schmutzwasserklärung und besseren Lärmschutz.

Lehrer am Schulzentrum in Michelbach

Peter Aichelin wurde am 19. März 1956 in Stuttgart geboren. Er wuchs in der Landeshauptstadt und in Tübingen auf. Nach dem Abitur studierte er Deutsch und Geschichte auf Gymnasiallehramt an der Uni Tübingen. Im Anschluss an den Zivildienst absolvierte er sein Referendariat am Seminar in Heilbronn. 1988 kam Aichelin als Lehrer ans Evangelische Schulzentrum in Michelbach. 2002 zog er von Michelbach nach Hall. Er ist verheiratet, hat vier Töchter und zwei Stieftöchter und einen Enkelsohn. Aichelin war 20 Jahre bei den Grünen, aber nie im Gemeinderat. 2018 trat er aus, um auf der Bunten Liste bei der Wahl am 26. Mai zu kandidieren. Ehrenamtlich war er lange Kreisvorsitzender des ökologischen Verkehrsclubs VCD und engagiert sich im Freundeskreis Asyl. Er organisiert das Zusammenstehen für den Frieden auf der Großen Treppe, liest gerne und geht ins Theater. cus

Seit Dezember 2014 fraktionslos im Rat

Damiana  Koch wurde am 26. September 1975 in Magé bei Rio de Janeiro in Brasilien geboren und wuchs bei ihren deutschen Großeltern auf. Nach deren Tod kam sie als 15-Jährige zu ihrer Mutter nach Deutschland. Sie hat bei Heilbronn Krankenpflege gelernt, sich in Anästhesie und Intensivpflege weitergebildet (fachgebundene Hochschulreife). 2004 zog Damiana Koch nach Schwäbisch Hall. 2014 wurde sie auf der Liste der Grünen in den Haller Gemeinderat gewählt. Im Dezember 2014 verließ sie die Fraktion und sitzt seitdem fraktionslos im Rat. Sie kandidiert bei der Gemeinderatswahl am 26. Mai auf der Bunten Liste, die sie gegründet hat. Koch ist verheiratet, hat mit ihrem Mann zwei Kinder, das Brasil-Zentrum in Uttenhofen gegründet, sie engagiert sich für Straßenkinder in Rio de Janeiro. Sie gibt Zumba-Kurse für Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung. cus