Eine Mutter steht am Dienstag um kurz nach 8 Uhr mit ihrem Kind an der Bushaltestelle „Steinbach Mitte“. Es ist kalt. Sie wartet vergeblich. „Jetzt werde ich ein Taxi rufen, um meinen dreijährigen Sohn Uriel ins Kinderhaus Katharina zu bringen“, sagt Irina (29). Sie findet den Streik der Busfahrer sehr schlecht.

Auf dem Eventplatz am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) beim Haller Kocherquartier haben sich rund 120 Fahrer versammelt. Sie tragen Banner mit sich, schwenken Fahnen der Gewerkschaft Verdi. Die Busfahrer fordern 5,8 Prozent mehr Gehalt – bezogen auf das Jahr 2019.

„Es bleibt wenig übrig“, sagt der Busfahrer Johnson Paul (48) aus Neckarsulm. „Ich muss viel fahren, um auf 2700 Euro brutto im Monat zu kommen“, rechnet der Busfahrer vor, der eine rote Verdi-Fahne über der Schulter trägt. „Alle reden vom Umweltschutz, und wir sind diejenigen, die etwas dafür tun.“

Bildergalerie Streik: Busfahrer lassen Busse stehen

Verdi-Landesfachbereichsleiter Andreas Schackert schnappt sich das Mikrofon: „Mit den Kosten, die alle auf uns zukommen, können wir nicht mithalten.“ Während alles teurer werde, müsse auch der Lohn gesteigert werden. Daher sei der Tarifvertrag von den Arbeitnehmern zum 31. Dezember 2018 gekündigt worden. Als unverschämt wird es von den Gewerkschaftern bezeichnet, dass die Arbeitgeber noch kein Angebot auf den Tisch gelegt haben. Daher wurde nun der Warnstreik ausgerufen, um für die Verhandlung am Donnerstag in Böblingen Nachdruck zu verleihen.

Arbeitgeberverband kritisiert Streiks

Die Arbeitgeberseite sieht das naturgemäß anders: „Mit teils ganztägigen Arbeitsniederlegungen versucht Verdi schon vor den eigentlichen Verhandlungen, eine günstige Gesprächsposition zu erstreiken. Vor diesem Hintergrund befürchtet der Arbeitgeberverband eine langwierige Tarifauseinandersetzung“, teilt der Verband baden-württembergischer Omnibusunternehmer (WBO) mit. Yvonne Hüneburg, stellvertretende Geschäftsführerin des WBO, wertet die Forderung von 5,8 Prozent für zwölf Monate als maßlos: „Der Fahrgast ist nicht das Verdi-Sparschwein. Viele ÖPNV-Nutzer sind auf einen bezahlbaren ÖPNV angewiesen.“ Am Ende müsse eine Lohnerhöhung über eine Steigerung bei den Fahrpreisen finanziert werden.

Die Passagiere würden 16 Millionen Fahrten im Landkreis pro Jahr machen, klärt Dieter Albrecht, Liniennetzplaner des Kreisverkehrs auf. Als Mitarbeiter des Verkehrsverbunds, der nicht über eigene Busse und Fahrer verfügt, sondern Firmen beauftragt, ist Albrecht kein Akteur bei Tariffragen, kennt sich aber sehr gut aus. Er schätzt, dass an einem Wochentag 80.000 Fahrten von Passagieren im Landkreis erfolgen. Wenn je eine Hin- und eine Rückfahrt erfolgt, und rund die Hälfte der Busse bestreikt werden, sind damit grob geschätzt 20.000 Personen betroffen.

Hilfe per Facebook

Schon in den Tagen zuvor haben Lehrer die Eltern per Rundmail vorbereitet. Viele Buspassagiere sind offensichtlich aufs Auto umgestiegen. Friedrich Ulmer, Inhaber des Fotogeschäfts in Hall, bot am Vortag per Facebook an, Pendler von Bibersfeld mit in die Stadt zu nehmen. Ulmer: „Das hat aber leider niemand wahrgenommen.“

„In einzelnen Klassen haben Schüler gefehlt“, berichtet Lehrer Mario Krockenberger von der Gewerblichen Schule in Hall. „Für uns hält sich die Auswirkung des Streiks in Grenzen, da ohnehin viele Berufsschüler mit dem Auto kommen.“

Streiks im öffentlichen Personennahverkehr sorgen in Ballungsräumen zu Staus und Verkehrschaos. Das ist im ländlichen Raum nicht zu beobachten. In Hall sind allein in den Parkhäusern der Innenstadt gestern Vormittag 801 Plätze frei.

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Busfahrer verdienen 14,64 bis 17 Euro pro Stunde


Der Tariflohn für Einsteiger beträgt laut Verdi 14,64 Euro pro Stunde. Nach zwei Jahren steigt er auf 16,07 und nach zehn Jahren auf 17 Euro. Am Wochenende gibt es Zulagen.

Die Arbeitszeiten sind für viele Busfahrer schlecht organisiert. „In der Wechselschicht fährt man morgens 5.30 Uhr bis 9 Uhr und von 12 bis 19 Uhr“, berichtet Heinrich Greis (58) aus Neuenstadt. Der Busfahrer sagt, dass viele Kollegen die Mittagspause im Betrieb absitzen. Manche Fahrer würden bis zu 40 Überstunden pro Monat leisten. Die Arbeitszeiten seien nicht familienfreundlich.

Monatlich erhält ein Busfahrer nach Angaben der Gewerkschaft 2500 bis 3500 Euro  – inklusive Überstunden und Zulagen. Der Arbeitgeberverband schreibt hingegen: „Ein Busfahrer in unseren Mitgliedsbetrieben verdient durchschnittlich 3500 bis 4000 Euro brutto. Der Lohn steigt jährlich.“