Es ist schwer, schwierige Fragen mit Leichtigkeit zu beantworten“, heißt es im Stück – zum Beispiel die Frage, warum es Arme und Reiche gibt, obwohl man ja alles auch gerecht verteilen könnte. Erich Kästner fällt in der Weltwirtschaftskrise 1931 auch keine leichte Antwort ein, aber mit seinem „Pünktchen und Anton“ – Kinderkrimi beschreibt er die Krisenlage immerhin kindgerecht und realistisch. Louise, genannt Pünktchen, kommt aus reichem Hause, aber ihre Eltern haben nie Zeit für sie. Anton ist arm und hat keine Zeit für seine Mutter. Weil er das Geld heranschaffen muss: seine alleinerziehende Mama ist sehr krank.

Im Wolkenkuckucksheim

Die neue Jung-LTT-Chefin Oda Zuschneid bringt das Freundschafts-Stück in all seinen freundlichen, traurigen, moralischen, lustigen, altmodischen, zeitlosen, gesellschaftskritischen und kitschigen Facetten auf die große Bühne des LTT und setzt noch ein paar psychedelische, musikalische und metatextuelle Farbtupfer obendrauf.  Caroline Stauch hat für die unterschiedlichen Milieus eine detailverliebte Bühne geschaffen, mit viel Wolkenkuckucksheim, Elend und Pomp. Der Freundschaft wird gehuldigt mit zwei großen, vergitterten „A“ und „P“-Leuchtbuchstaben, während sich das Bühnenbild ständig wandelt: Mal sehen wir das Krankenlager von Antons armer Mutter, mal befinden wir uns in der Villa von Pünktchens Familie. Hinter der feinen Tafel hängt ein riesiges Gemälde - ein „echter Dingdong“, der sich durch spritzige Kunst auszeichnet, die in ihrem Chaos der gehüpften Hektik der Inszenierung entspricht: Die Figuren rennen oft gestresst über die Bühne und sind mit ihrem Leben eigentlich überfordert. An der Tafel thront der gestrenge Herr Direktor Pogge (Rupert Hausner), der lieber Zeitung liest, als sich mit seiner Tochter zu beschäftigen und abends mit seiner anspruchsvollen Frau immer ins „große Schauspielhaus“ muss. Der mondänen Dame (Jonas Breitstadt) entgeht vor lauter Kunstgenuss und Konsumwahn, dass ihre Tochter (Kristin Scheinhütte) nachts in der nebligen Wäscherei des Adlon aushilft, um ihrer Erzieherin (Insa Jebens) zu helfen, die von ihrem fiesen Verlobten Robert, dem „Teufel“ (Jonas Breitstadt), erpresst und gedemütigt wird. Der gemeine Robert plant einen Einbruch in die Villa, was wiederum der schlaue Anton (Elias Popp) durchschaut, der die dicke Berta vorwarnt, die daraufhin dem Einbrecher mit ihrer quietschenden Plastikbeule eins über die Rübe ziehen kann, bis der „Wachtmeister“ eintrifft. Und so geht es in der quirligen Kästner-Show drunter und drüber, ständig passiert etwas, ein lustiger Effekt jagt den nächsten, damit die jungen Zuschauer bei der Stange bleiben. Das Ensemble führt außerdem als blauhaariges Erzählerkollektiv (Dramaturgie: Michel op den Platz) durchs Stück, das teilweise in die Gegenwart verlegt wurde, gleichzeitig aber auch den manchmal ein wenig altbacken wirkenden Kästnerkosmos beibehält. Die Erzähler streiten sich um die Rollen, sind aber alles andere als allwissend, so dass Anton auch mal ergänzen muss. Ansonsten wird leidenschaftlich gesungen und musiziert, gerne im Zwanzigerjahresound, mit Chanson, Kanon oder Dixieland, das Ensemble singt dabei wunderschön mehrstimmige Sätze und traurige Weisen: „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“. Mit Saxophon und Blech-Percussion auf Waschbrett und Trampolin klappert auch ein klein wenig Dreigroschenoper-Stimmung durch. Wobei der Einbrecher bei Brecht sicherlich ein sympathischerer Held wäre, der sich nur holt, was ihm weltmoralisch zusteht. Und schon sind wir bei den schwierigen Fragen, die nur schwer zu beantworten sind, auch wenn die Inszenierung meistens leichtfüßig, fluffig, manchmal psychedelisch daherkommt. Nicht nur durch den Soundtrack (Musik: Barbara Borgir), sondern auch bei Pünktchens (Alb-)Traum, in dem sich eine verkehrte Welt auftut, in der Kinder das Sagen haben. Aber egal, wie, wo und mit wieviel Geld: Was zählt, ist Freundschaft. Am Ende dürfen alle unter luftigen Tuchwolken tanzen.

Die nächsten Termine im freien Verkauf


Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ läuft im Jungen LTT. Die nächsten Termine im freien Verkauf sind 16., 24., 26. und 27. Dezember sowie 27. Januar; 16. Februar; 12. Mai und 16. Juni.