Gestern wurde der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) für mehrere Stunden zum Busfriedhof. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) hatte bei der Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft (RSV) zum Streik aufgerufen. Ab 8 Uhr fuhr fast kein Bus mehr im Stadtverkehr, viele wurden am ZOB geparkt. Dort versammelten sich die Busfahrer. Verdi fordert 5,8 Prozent mehr Lohn vom Arbeitgeberverband, dem Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer (WBO).

Wie viel ein Busfahrer momentan verdient? Da wollen die meisten nicht ins Detail gehen. Nur so viel sei gesagt: Wer zehn Jahre arbeitet, der steigt im Tarif auf die Endstufe. Dann verdient er 17 Euro pro Stunde. Höher geht es nur noch in Ausnahmefällen. Ein Busfahrer, der vor einem Jahr angefangen hat, spricht von 14 Euro Stundenlohn. Einer, der in Tübingen am Vortag gestreikt hat, sagte, dass er weniger als 2000 Euro am Ende des Monats rausbekommt.

Am 18. Januar fand die erste Verhandlungsrunde zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverband statt: Es gab keine Einigung. Am morgigen Donnerstag ist die zweite Runde. Wenn sich Arbeitgeber und -nehmer wieder nicht einig werden? Dann ist „der Streik sicher noch ausbaufähig“, kündigt Verdi-Bezirksgeschäftsführer Benjamin Stein an. Gestern fuhren die Busfahrer nämlich noch den Schülerverkehr, auch der Schnellbus an den Flughafen fiel nicht aus. Die moderate Streik-Version, so Stein.

Die Busfahrer erzählen, dass sie teilweise elf Stunden auf der Arbeit sind, aber nur sieben davon bezahlt bekommen. Die restlichen vier Stunden sind Pausen an diversen Endhaltestellen. Das nennt sich Teilschicht-Modell. Sie fahren also beispielsweise von 5.30 Uhr bis 7 Uhr, machen Pause bis 12.30 Uhr, dann fahren sie wieder weiter bis 18 Uhr.

Das zerstückelt einem den ganzen Tag, sagen Kritiker. Man kann sich aber auch damit arrangieren, sagt eine 45-jährige Busfahrerin: Sie erledigt beispielsweise in der langen Vormittagspause einiges im Haushalt. Als Ausgleich für den zerstückelten Tag bekommt sie ein festes Wochenende und einen festen Bus. „Das hat auch seine Vorteile“, sagt sie. Die Streikenden sagen an diesem Vormittag nämlich auch: Die RSV ist – im Vergleich zu anderen Busunternehmen – noch ein guter Arbeitgeber.

Laut Tarifvertrag haben Busfahrer eine 39-Stunden-Woche; macht 169 Stunden im Monat. „Im Schnitt kommen die meisten auf 190 bis 200 Stunden“, sagt Ralf Brückner von Verdi. Nicht außer Acht lassen darf man die hohe Verantwortung: „Ich fahre 700 bis 800 Menschen pro Tag und habe noch viel mehr Menschen und Autos um mich herum“, sagt Joachim Schenk. „Ich kenne keinen anderen Beruf, in dem man neun Stunden konzentriert hinter dem Lenkrad sitzen muss.“ Die 45-jährige Busfahrerin ergänzt: „Mein Arzt hat gesagt, ich muss langsam machen, sonst bekomme ich einen Schlaganfall.“ Vom permanenten Stress.

Und dann wäre da ja noch das Toiletten-Problem, das die streikenden Busfahrer reihum ansprechen. Viele Endhaltestellen haben kein Klo. Und wenn es eins gibt, dann kommt man meistens mit Verspätung an und muss gleich weiterfahren, sagen sie. Aber um Toiletten geht es hier nicht. „Gutes Geld für harte Arbeit“ (wie auf einem Banner steht, der an einem Auto hängt) würde sie auch schon zufriedener stellen.

Verdi-Bezirksleiter betont: Betriebsräte sind wichtig


Betriebsräte sind immens wichtig in Busunternehmen, betont Benjamin Stein. Und so verteilen er und Ralf Brückner fleißig kleine Flyer an all die Busfahrer, die an diesem Streikmorgen trotzdem durch den ZOB fahren. Es sind Fahrer von kleineren Unternehmen, erklärt Stein. Die sind entweder gar nicht im Tarifvertrag oder haben keinen Betriebsrat, viele Mitglieder sind auch nicht bei Verdi. Da sei die Hemmschwelle zum Streik deutlich höher, als bei Unternehmen mit starken Betriebsräten, wie beispielsweise der RSV, sagt Stein. Viele Mitarbeiter hätten Angst um ihren Job, manche Mitarbeiter mit Migrationshintergrund kennen auch ihr Streikrecht noch gar nicht. kam