Wir brauchen gemeinsame, kraftvolle Antworten auf die europakritischen Tendenzen“, sagte Kreissparkassen-Vorstand Michael Blaesius am Freitagabend. Wie diese Antworten aussehen könnten, darauf erhofften sich die zahlreichen Zuhörer in der Kreissparkassen-Kundenhalle am Marktplatz Anregungen von Günther Oettinger.

„Uns in Deutschland geht es gut“, sagte der Kommissar für Finanzplanung und Haushalt in der Europäischen Union (EU). Aber: Es gebe auch die anderen Länder wie Polen, Ungarn, Italien und Großbritannien, die mit Populismus und Provokationen, mit der Einschränkung von Grundrechten und dem Brexit versuchen würden, die EU zu destabilisieren.

Hinzu kämen weltweite Risiken wie ein insolventes Venezuela, „ein fragwürdiger Präsident“ in Brasilien, die Türkei mit 26 Prozent Inflation und vieles mehr. „Wir erleben heute einen Kampf der Systeme“, so der EU-Politiker. Auf der einen Seite stehe „die parlamentarische Demokratie mit allen Freiheiten, Rechten, Toleranz und mit Freizügigkeit“, andererseits fänden sich „Plankapitalisten, Autokratien, Einparteiensysteme, die unser System zerstören wollen“. Oettingers Fazit: „Wenn wir die parlamentarische Demokratie erhalten wollen, müssen wir dafür kämpfen.“ Und: „Wenn wir die Welt ein bisschen nach unseren Werten mitgestalten wollen, geht das nur im europäischen Team – alles andere ist zu klein und zu ineffizient“, betonte der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Auch Deutschland sei zu klein, zu ineffizient. Dabei dürfe sich der heutige Exportweltmeister gar nichts auf seine Stärke einbilden, denn: „2005 war Deutschland der kranke Mann Europas.“ Die momentane Stärke wäre ohne den großen europäischen Binnenmarkt  nicht möglich gewesen, so Oettinger. „Und Europa steht natürlich für die Friedensunion, für die Verbreitung von Werten – es ist unsere Verantwortung, in dieser Dimension zu handeln, den Kontinent der Freizügigkeit zu erhalten, wie es keinen zweiten gibt.“  Dazu gehöre auch, den Frieden auf den Balkan weiter zu exportieren.

Doch Oettinger konnte außer moralisch auch witzig sein: „In meiner Jugend bin ich mit meinem Simca und langen Haaren nach Frankreich gefahren, bin zweimal an der Grenze jeweils eine halbe Stunde gefilzt worden.“

Heute gebe es eine Straßenbahn zwischen Kehl und Straßburg, die im Acht-Minutentakt fahre. „Unglaublich.“ Als 19-Jähriger sei er zudem in Südtirol als Hilfsskilehrer an Wochenenden während des Studiums aktiv gewesen: „Wenn das Wetter schlecht war, sind wir freitags nach der Vorlesung losgefahren, wenn gutes Wetter war, haben wir sie ausfallen lassen.“ Insgesamt vier Mal habe er auf der Hin- und Rückfahrt Geld tauschen müssen, D-Mark in österreichische Schilling, die dann in italienische Lira und wieder zurück.

„Wir müssen über die Vorzüge von Europa sprechen“, forderte Oettinger – und die gebe es durchaus. Aber es fänden sich auch Defizite: Bei der digitalen Revolution etwa laufe Europa völlig hinterher. „Apple pay setzt sich weltweit durch, jetzt hat die Kreissparkasse ‚pay direkt‘ entdeckt, ‚direkt‘ mit ‚k‘ – ha so ein Schwachsinn.“ Doch Oettinger vergaß auch nicht, sein berühmtes Englisch anzuwenden – und zwar auf Donald Trumps Lieblingsparole. „Was heißt denn ‚America first‘, das heißt doch dann ganz klar Europe second oder Europe third oder sogar Europe nothing.“

Günther Oettinger forderte zudem wieder völlig ernst und vehement eine europäische Armee: „Wir müssen mehr in die Wehrfähigkeit investieren als in die Rente mit 63 oder in die Mütterrente oder in ähnlichen Schwachsinn“. Doch der Europa-Kommissar konnte noch deftiger, nachdem er allerdings zuvor sehr vernünftig darauf hingewiesen hatte: „Dass Sie nicht in Mali oder Niger geboren wurden, dafür könnten Sie alle ein bisschen fröhlicher sein.“ Stattdessen würden sich einige Leutchen in Deutschland fragen: „Was macht denn dein Golf-Handicap? Ha, so ein Scheiß“, kommentierte Günther Oettinger und bekam aus der Reihe der Unternehmer sogar noch Applaus dafür. Die Dekadenz lasse grüßen, kommentierte der Politiker.

Zum Abschluss rief Oettinger aber noch mit einem dringenden Appell zur Teilnahme an der Europawahl auf: Populisten aller europäischen Länder würden sich zur Wahl stellen, „um Europa von innen heraus zu zerstören“. Deshalb sei es umso wichtiger, am Sonntag, 26. Mai 2019, zur Europawahl zu gehen.

Robin Morgenstern folgt Gerd Tauster


Die Familienunternehmer im Regionalkreis Südwürttemberg haben einen neuen Vorsitzenden: Auf Gerd Tauster folgte am vergangenen Freitagabend bei der Jahresversammlung in der Reutlinger Kreissparkasse Robin Morgenstern und die Nachfolge von Morgenstern trat bei den Jungunternehmer Isabel Grupp an. nol