Sie wollen neue Wege der Erinnerungs- und Begegnungskultur gehen. Und das bedeutet: Den anderen kennenlernen, der Erinnerung ein Gesicht geben. Die Freie Evangelische Schule (FES) organisiert derzeit erstmals einen Schüleraustausch mit Israel. In Kontakt kamen die FES und die Makif Gimel Highschool in Ashdod im Süden Israels über das Programm „Marsch des Lebens“. Schirmherr ist der Reutlinger CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Donth, der Austausch unter dem Thema „Neue Wege der Erinnerungs- und Begegnungskultur entdecken“ „wird zudem von der Kultusministerkonferenz und vom Axel Springer Verlag unterstützt.

Elf Israelis, 16 Reutlinger

Elf Israelis waren in den vergangenen Tagen zu Gast in Reutlingen, 16 Neuntklässler der FES werden in den Herbstferien Ende Oktober für eine Woche in das Heilige Land reisen. Nach Ashdod, einer Stadt mit mehr als 200 000 Einwohnern und direkt am Mittelmeer gelegen.

Fast wäre der Austausch in letzter Minute noch ins Kippen geraten. Denn am Tag bevor die Israelis nach Deutschland fliegen sollten, wurde das Attentat auf die Synagoge in Halle verübt. Aber, berichtet Rahel Heim, Lehrerin an der FES und zusammen mit ihren Kollegen Bastian Gaulinger und Christopher Schäfer Mitorganisatorin des Schüleraustausches, dann hätten sich die Israelis einstimmig dafür ausgesprochen, den Schüleraustausch wahrzunehmen und nach Deutschland zu reisen. „Sie wollten unbedingt kommen“, berichtet Rahel Heim. Die FES und die Organisatoren haben enorme Sicherheitsvorkehrungen getroffen. So wurde zum Beispiel die Polizei über den Aufenthalt informiert und auch alle Besichtigungsorte waren abstimmt. „Den Israelis wurde zudem geraten, nichts zu tragen, was hebräische Schriftzüge aufweist“, berichtet Heim. Eine Sicherheitsmaßnahme, die leider im Jahr 2019 in Deutschland wieder nötig ist.

Intensive Begegnungen

Ein dickes Programm haben die Schüler in den wenigen Tagen, in denen sie in Deutschland waren, absolviert. So wurde die Gedenkstätte für die Opfer des Olympia-Attentats 1972 in München besucht, ebenso wie die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Dachau. In Tübingen begaben sich die Schüler auf den Geschichtspfad zum Nationalsozialismus. Ein Ausflug in den Schwarzwald gehörte ebenso zum Programm wie Shoppen, Bowling und der Unterrichtsbesuch. Aber auch intensive Begegnungen, zum Beispiel mit Jugendlichen der Initiative „Marsch fürs Leben“, die von ihren Vorfahren während der NS-Zeit berichteten und sich bei den jüdischen Gästen für das ihnen und ihren Vorfahren zugefügte Leid entschuldigten. Ein bewegender Moment, wie Rahel Heim berichtet. „Ein israelischer Schüler erzählte sogar, dass sein Uropa im KZ Dachau interniert war.“

Dem „Nie wieder“ ein Gesicht geben, nennen es Rahel Heim und ihre Kollegen, wenn sie sich für den Schüleraustausch mit Israel einsetzen und damit auch einen Beitrag leisten gegen Antisemitismus. „Als christliche Schule ist uns die Beziehung zu Israel wichtig.“ Ein voll gepacktes Programm der Begegnung und des Erinnerns ist nur eine Seite der Medaille. Entscheidend sind die persönlichen Begegnungen zwischen den Schülern und in den Gastfamilien. Diese neuen Beziehungen sollen auch in Zukunft fortgesetzt werden. Zunächst ab Ende Oktober in Israel.

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Vor 46 Jahren startete die Freie Evangelische Schule Reutlingen


Die Freie Evangelische Schule ist eine bewusst evangelisch, das heißt vom Evangelium her geführte Schule, wie es in den Leitlinien heißt. Die Schüler sollen auf der Basis des christlichen Glaubens eine klare Orientierung über die grundlegenden Werte des Menschseins erhalten. Gegründet wurde die Schule 1973 mit 49 Schülern in Betzingen.

1977 konnte am Fuße der Achalm ein eigenes Schulgebäude bezogen werden. Zugleich wurde mit dem Aufbau der Hauptschule begonnen. Ab dem Schuljahr 1981/82 wurde die Grundschule dreizügig und die Hauptschule zweizügig, 1988 wurde die Grundschule fünfzügig. 1989/90 erfolgte ein Anbau, die Turnhalle wurde 1991/92 erweitert.

2006 wurde neu gebaut. Neben Klassen- und Fachräumen finden sich im neuen Gebäude eine Mensa einschließlich Küche, ein Raum der Stille, ein Lern-Atelier, das Schüler Café sowie verschiedene Räume für kreative Ganztagsangebote.

Nachdem die FES bisher eine Grund- und Haupt-/Werkrealschule war, begann im Jahr 2009 der Aufbau eines eigenen Realschulzweiges. In einem neu gestalteten Gebäude, einer ehemaligen Werbeagentur am Standort In Laisen 56, entstanden Schulräume für insgesamt sechs Klassen. Auf diesem Areal mit großzügigem Pausenhof fanden dann alle Klassenstufen fünf und sechs der Freien Evangelischen Schule ein neues Zuhause.