Die Idee ist nicht neu, besitzt aber aus Sicht der Reutlinger Kulturschaffenden viel Charme und Potenzial. Die derzeit leerstehende Paketpost könnte, so ihre Überlegung, zu einem Ort für Kultur und Gewerbe werden. Bei der Kulturnacht im September war die Idee entstanden, eine Unterschriftenaktion ins Leben zu rufen, vor kurzem hat das Netzwerk Kultur Reutlingen eine Online-Petition nachgeschoben, wie Edith Koschwitz gestern auf Nachfrage sagte. Derzeit liegen 600 Unterschriften vor, die Online-Petition hatte bis gestern Abend 447 Unterstützer gefunden, davon 217 aus Reutlingen.

Unter den Unterstützern finden sich auch bekannte Künstler wie Renate Quast: Sie hat unterschrieben, „weil Räume für Kunst (Ateliers, Archive, Ausstellungsräume…) in Reutlingen fehlen und seit Jahren dringend benötigt werden“.

Zu wenig Räume für die Kultur

Die Achalmstadt habe viel Potenzial im Bereich Kunst, Kreativwirtschaft, Musik, Projektarbeit – und ein gut funktionierendes Netzwerk. Das sei eine perfekte Voraussetzung für Innovationen und eine lebendige Szene, schreiben Koschwitz und Gerhard Loew, Vorsitzender des Netzwerks Kultur Reutlingen, in der Petition. Seit Jahren fehlten in Reutlingen Räume, „in denen Macherinnen und Macher, Bands, Künstlerinnen und Künstler geeignete Bedingungen vorfinden.

Paketpost-Areal als einmalige Chance

Das Areal der ehemaligen Paketpost bietet eine einmalige Chance dafür, benachbart zu franz.K und Kunstgebäude Wandelhallen“. In einigen Jahren solle das Gebäude abgerissen werden und ein Neubau für eine Rathauserweiterung entstehen. Bis dahin solle es leer stehen.

Lücke in der Kulturmeile schließen

Dagegen beziehen die Kulturschaffenden Position. Sie appellieren daher an die Stadtspitze, an das Baudezernat und den Gemeinderat, mit der „Paketpost als Kulturpost eine Lücke in der Kulturmeile Reutlingens“ zu schließen. „Geben Sie Kreativität, Kultur und der urbanen, produzierenden und gestaltenden Szene Raum. Das Image Reutlingens wird davon profitieren!“ heißt es weiter in der Online-Petition.

Loew und Koschwitz verweisen auf das Schicksal der Planie 22. Seit 2010 leiste sich die Stadt diese Brache mitten in der Stadt. „Bis zur willkürlichen Entmietung war die Planie 22 ein Ort für Kultur, Handel, Gewerbe und Projekte. Seitdem steht die denkmalgeschützte Anlage weitgehend leer und verfällt“, kritisieren sie. Die Stadt habe dadurch auf mögliche Mieteinnahmen verzichtet, ein kreatives, lebendiges und produktives Milieu sei ersatzlos zerstört worden, bemängeln Loew und Koschwitz.

Die beiden befürchten, dass die Paketpost ein ähnliches Schicksal erfahren könnte. „Langwierige Wettbewerbsverfahren sind geplant, danach Vergabeverfahren und Planungsphase – Abriss, Neubau als Standort für die Verwaltung, Zwischennutzung als Aktenlager“, heißt es in der Petition. Der schleichende Verfall der bisher noch intakten Gebäudesubstanz sei bereits im Gange. Lieber ein zweiter teurer Leerstand als Kultur, die man nachher nicht wieder los wird. Anderswo werde kreativen Milieus der rote Teppich ausgerollt und ihre Bedeutung für die Stadtentwicklung erkannt.

Paketpost vermieten

Die Paketpost könnte, fordern Loew und Koschwitz, an mehr als 30 Künstler, Projekte, Gründungen und Gruppen vermietet werden. Die Flächen im Erdgeschoss könnten für Veranstaltungen, Tagungen, Workshops, Coworking, Hackatons, Messen und Ausstellungen genutzt werden, verbunden mit Gastronomie und Bühne – Vernetzung und Inspiration inklusive. Im Untergeschoss stünden Proberäume für Bands zur Verfügung. Auch für Studierende und Konferenzen ist der Ort attraktiv. Aus der guten Vernetzung des Kulturbereichs könnten leistungsfähige Organisations- und Trägerstrukturen entstehen, heißt es abschließend.

Ende Januar 2020 will das Netzwerk Kultur die Unterschriften und das Ergebnis der Online-Petition an OB Thomas Keck übergeben.

Info Die Online-Petition findet sich unter https://openpetition.de/!bhtll.

Was sagt die Stadt?


Eine Stellungnahme der Stadt war gestern nicht zu erhalten und wird in der morgigen Ausgabe nachgereicht. Die bisherige Position sah vor, auf das Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs für die City Nord zu verweisen, das voraussichtlich im April kommenden Jahres vorliegen wird. Von Seiten der Stadtverwaltung gibt es auch Überlegungen, dort ein Technisches Rathaus zu errichten.  rab