Pfullingen Resolute Frauen verjagen den Nazi-Chef

Mit den Zeitzeugen (von links): Geschichtsvereins-Vorsitzende Waltraud Pustal sowie Barbara Anticevic, Andrea Steiner, Julie Alfonsi und Matthias Drescher vom Film- & Fernseh-Labor Ludwigsburg.
Mit den Zeitzeugen (von links): Geschichtsvereins-Vorsitzende Waltraud Pustal sowie Barbara Anticevic, Andrea Steiner, Julie Alfonsi und Matthias Drescher vom Film- & Fernseh-Labor Ludwigsburg. © Foto: Jürgen Herdin
Pfullingen / Von Jürgen Herdin 16.04.2018

Mitte April 1945 in Pfullingen: Die Nazi-Bonzen der Stadt und andere Parteisoldaten um ihren Anführer, den Pfullinger NS-Stadtkommandant Julius Kieß, waren abgehauen, forderten jedoch zuvor von Rentnern und Buben, von denen manche noch keine 14 Jahre alt waren, den „Werwölfen“, durchzuhalten – bei Androhung der Todesstrafe.

Der Krieg aber war verloren, die Franzosen hatten Reutlingen am 20. April 1945 eingenommen. Doch es gab noch einige Wehrmachts- und Waffen-SS-Leute, die alle, die zum Beispiel eine weiße Fahne schwenken sollten, erschießen sollten.

Ein „Volkssturm-Bataillon“ hatte Panzersperren an den Einfallstraßen aufgebaut. Doch um die 50 Pfullinger Frauen räumten in Todesgefahr die Barrikaden beiseite. Angeführt von Sofie Schlegel gingen die Frauen beim Einmarsch der französischen Truppen den ersten Panzern in weißem Kleid und mit einem weißen Leintuch an einer Stange entgegen, um die Zerstörung Pfullingens zu verhindern. Es fiel kein Schuss mehr, die Stadt und ihre Bewohner waren gerettet.

Zuvor hatte eine der „widerständigen Weiber“, die drohten, das Rathaus zu stürmen, einem Nazi-Schergen ihren Regenschirm auf den Kopf geschlagen. NS-Stadtkommandant Julius Kieß machte sich durch den Hinterausgang des Rathauses aus dem Staub. 1947 wurde der Sparkassen-Oberinspektor vom „Staatskommissiariat für die politische Säuberung“ in Stuttgart als „Minderbelasteter“ eingestuft.

„Es ist schier unglaublich, aber in keiner anderen Stadt Deutschlands gab es zum Kriegsende einen ausschließlich von Frauen geführten Aufstand gegen das Nazi-Regime“. Matthias Drescher, Chef des Film- & Fernseh-Labors Ludwigsburg und sein Team haben das über Jahre recherchiert – und konnten damit den „rebellischen Weibern“ um Sophie Schlegel posthum eine große Ehre erweisen.

Was umso bemerkenswerter ist, da Pfullingen ja bereits Ende der 1920er Jahre Hochburg der Nationalsozialisten in der Region Reutlingen war. Das ist ein Stoff, aus dem ein spannendes und authentisches Filmdokument werden soll, ein  wahrhaftiges zumal. „Wir haben uns in das Thema reingebissen und möchten von Ihnen heute erfahren, wie sie diese Zeit erlebt haben“, bat Drescher die Anwesenden.

Seine Adressaten im Bürgerbüro waren Frauen und Männer – teils weit jenseits der 80 Lebensjahre, die diese dramatischen Tage im April 1945 selbst miterlebt haben. Gastgeber des Treffens im Bürgertreff war der Geschichtsverein Pfullingen, den die Ludwigsburger Filmemacher um Unterstützung bei der Datenrecherche und bei der Vermittlung von Kontakten gebeten hatten.

Gerne kam die Geschichtsvereins-Vorsitzende, Prof. Waltraud Pustal, dieser Bitte nach. Sie unterstützt damit das Film-Projekt wegen seiner historischen Bedeutung. Pustal schaltete ihr Tonband ein, denn für die Pfullinger Geschichtsschreibung kann hier noch jede Menge bislang Verborgenes zu Tage treten.

Selbstverständlich mit von der Partie war auch Stadtarchivar Stefan Spiller. Denn dem geht es wie vielen seiner Kollegen: Nazi-Leute, die nach 1945 bald wieder in Amt und Würden waren, ließen wichtige Dokumente verschwinden.

Das weiße Kleid und die weiße Fahnen: Sofie Schlegel, sie starb 1958, war Betreibern einer Wäscherei, eine der Protagonistinnen des „Pfullinger Frauenaufstands” vom April 1945. Und an sie erinnerten sich viele der Zeitzeugen, die ins Bürgerbüro gekommen waren. Junge Männer von damals berichteten zum Beispiel, dass sie noch kurz vor Kriegsende in St. Johann zum „Volkssturm“-Training geholt wurden.

Zu „Werwölfen“ sollten sie dort ausgebildet werden. Doch die Auflösungserscheinungen waren allzu offensichtlich. Statt sich laut Befehl an ihren Einsatzort für den „Endkampf“ zu begeben, gingen die Buben einfach nach Hause. „Wieder daheim, riss mir meine Mutter die Uniform vom Leib und verbannte sie in einer Tonne“, berichtete einer der Zeitzeugen. Denn es war vorbei. Gesiegt hatten nicht die Nazis, sondern die Pfullinger Weiber um Sofie Schlegel.

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