In einem Punkt stimmen die Mitglieder des Netzwerks „Mensch und Natur Region Reutlingen“ vollkommen überein. So wie bisher könne und dürfe es mit dem Flächenverbrauch nicht weitergehen. „Wir brauchen einen Plan B“, unterstreicht Johann Kutter, man benötige kreative Ideen, um den Verbrauch von Flächen im Außenbereich zu vermeiden. Es müsse vorrangig darum gehen, die Schätze der Erde wie Boden, Wasser, Luft, Pflanzen, Tiere, Menschen und Menschen zu sichern. Die Flächennutzung dürfe sich nicht länger an beliebigem Wirtschaftswachstum und steigenden Einnahmen durch Gewerbesteuer ausrichten, betont Kutter.

Mit dabei beim Pressegespräch am Montagvormittag im alten Rathaus waren neben Vertretern der Naturschutzorganisationen BUND und NABU auch Mitglieder mehrerer Bürgerinitiativen. Das Netzwerk ist ein Bündnis von Personen, die in Bürgerinitiativen und öffentliche Organisationen wie BUND oder NABU eingebunden sind.

Weg vom standardisierten Dneken

„Wir brauchen ein gründliches Umdenken in der Bevölkerung dafür, dass sich etwas ändert. Wir müssen vom standardisierten Denken wegkommen“, erklärt beispielsweise Thomas Höfer vom Naturschutzbund Reutlingen (NABU).

Bürger wollen mitentscheiden

Der reine Appell an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft reicht den Mitgliedern des Netzwerks nicht aus. Das Ziel der Aktivisten ist, viel mehr Bürgern die Beteiligung am Entscheidungsprozess zu ermöglichen, um so einen Plan B zu entwickeln, wenn es beispielsweise um die Änderung/Fortschreibung des Flächennutzungsplanes geht. Hier spielt das Informieren und dem Vermitteln von Kompetenzen eine wichtige Rolle.

In der Organisation stärker

„Organisiert sind wir stärker“, sagt beispielsweise der Pfullinger Pierre Godbillon, der wie seine Frau Sigrid in der Bürgerinitiative „Rettet das Arbachtal“ aktiv ist. Das Netzwerk ermögliche den Austausch von Know-how, hob er als wichtigen Punkt hervor. „Man lernt neue, gleichgesinnte Leute kennen“, unterstreicht Günther Brändle, Vorsitzender der Bürgerinitiative „Liebenswerter Nordraum“ in Altenburg, die gegen das 30 Hektar große Gewerbegebiet „Mahden II“ kämpft. Brändle ist überzeugt, dass ein Gewerbegebiet dieser Größe den Charakter der Nordraumgemeinde grundlegend verändern würde. Gleichzeitig bekomme man aber auch Kontakt zu Vertretern aus Verwaltung und Gemeinderat.

Aus Sicht von Roland Hentz von der Bürgerinitiative gegen den Ausbau der Buchbachstraße in Mittelstadt kann das Netzwerk einen Beitrag leisten, das allgemeine Interesse stärker in den Fokus zu rücken. Immer wenn sich die BI an die Stadt gewandt habe, seien die Mitglieder mit dem Vorwurf des Eigeninteresses konfrontiert worden.

„Das Netzwerk ist wichtig, um Leute um sich herum zu haben, die einen unterstützen und mit denen man diskutieren kann“, sagt Elke Rogge, die in der Gönninger Bürgerinitiative „Kein Neubaugebiet Hinter Höfen“ aktiv ist. Auch sie verweist auf die vielen leerstehenden Häuser und die Verkehrsprobleme in der Samenhändlergemeinde.

Druck aufbauen

„Vernetzen ist der Weg, um ins Gespräch zu kommen“, ist Ingrid Jakobi überzeugt. Das Aufbauen von Druck stärke auch die Position von aufgeschlossenen Mitarbeitern in den kommunalen Verwaltungen, ist das Mitglied des BUND-Kreisvorstand Reutlingen überzeugt. Sie regte an, ähnlich wie in Aalen oder Radolfszell einen Flächenmanager auch in Reutlingen einzustellen, der sich nur um leerstehende Wohn- und Gewerbegebäude kümmert.

Von der Zukunftswerkstatt zum Netzwerk Mensch und Natur Region Reutlingen


In seinem Eingangsstatement zum Pressegespräch hat Johann Kutter die Entstehungsgeschichte des Netzwerks „Mensch und Natur Region Reutlingen“ nachgezeichnet – von der Forderung der Grünen nach einem „Reutlinger Wachstum mit Weitsicht im Oktober 2017 über die Zukunftswerkstatt „Wie wollen wir leben in Reutlingen?“ (November 2017) und Sabine Winklers Film, „Kein schöner Land – Flächenfraß im Großraum Reutlingen“ bis zur Netzwerkgründung im November. Vor allem Winklers unerwartet erfolgreicher Film habe zum Wiederaufleben vieler Bürgerinitiativen geführt.

Unter dem Motto „Verschon mein Haus und das des Nachbarn auch“ hat Kutter folgendes handlungsleitendes Prinzip formuliert: Die schädigende Wirkungen weiteren Flächenverbrauchs im Außenbereich wirken sich nicht nur vor Ort verheerend aus, sondern auch in der Region und weit darüber hinaus. Ein Weiter-so wie bisher zerstört unsere natürlichen Grundlagen. Wir brauchen einen Plan B: die Entwicklung von Städten, Stadtteilen und Dörfern, den Wohnraumbedarf, zukunftsfähige Arbeitsplätze sicherstellen, ohne weitere Flächen im Außenbereich zu verbrauchen. Dies ist möglich und wird gelingen, wenn sehr viele Bürger in der Region dafür aktiv werden. Das Netzwerk will sich daher regional neu aufstellen, vorhandene oder neue entstehende Bürgerinitiativen beraten, den Meinungs- und Informationsaustausch sowie die Vernetzung örtlicher Aktivitäten und von Ortsgruppen der Verbände in der Region stärken. rab