Ehrung Pionierin der Frauen- und Lesbenbewegung

Am Montag überreichte Sozialminister Manne Lucha in der VHS das Bundesverdienstkreuz am Bande an Monika Barz.
Am Montag überreichte Sozialminister Manne Lucha in der VHS das Bundesverdienstkreuz am Bande an Monika Barz. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / Norbert Leister 02.05.2018

„Hättet ihr gedacht, dass wir so viele sind?“ Das ist nicht nur der Titel eines Buchs von Prof. Monika Barz, sondern traf auch am Montagabend auf die Gästeschar zu. „In meinen kühnsten Träumen hätte ich nicht gedacht, dass heute so viele Gäste kommen würden“, sagte die Pädagogin, Wissenschaftlerin und Aktivistin, die laut Dr. Ulrich Bausch seit vielen Jahren im Aufsichtsrat der VHS Reutlingen vertreten ist.

Viele Gäste waren angereist. Viele aus Reutlingen, viel Prominenz und gar Besucher aus den USA und Schweden, wie der VHS-Geschäftsführer sagte. Er kenne Monika Barz schon seit den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Im Jugendclub und der Theater-AG in Bad Boll hätten sie sich getroffen, zusammen Musik gehört und auch erlebt, als „ein 17-Jähriger weinend zusammengebrochen ist“, berichtete Bausch. Der Jugendliche habe Höllenqualen durchlebt – weil er schwul war, ausgegrenzt, verletzt und diskriminiert wurde. „Heute ist lesbisch und schwul zu sein normal“, es sei nicht alles gut, aber doch deutlich besser als in den 80er Jahren, als lesbisch oder schwul zu sein noch ein Kündigungsgrund in der evangelischen Kirche war. „Dass es heute anders ist, liegt an Personen und Persönlichkeiten wie Monika Barz“, sagte Dr. Ulrich Bausch.

„Mit ihrer ganzen Person stellen Sie sich seit Jahrzehnten in den Dienst der politischen Frauen- und Lesbenbewegung“, sagte Baden-Württembergs Sozialminister Manne Lucha. „Sie haben damit das Thema in der Gesellschaft sichtbar gemacht und für gleiche Rechte und Toleranz gekämpft.“ Dazu sei nicht nur jede Menge Engagement und Kraft vonnöten gewesen, sondern auch eine eindeutige und klare Haltung sowie ganz viel Mut und Sozialcourage – und das in jenen Zeiten der 80er Jahre, „nachdem die 68er die Welt neu denken wollten, aber weiter in sehr patriarchalen Denkstrukturen“ verhafteten.

1983 organisierte Monika Barz zusammen mit Dr. Herta Leistner und Ute Wild die erste Tagung für lesbische Frauen im kirchlichen Raum. In diesen Zeiten ein Unding. Aber: „Ich danke ganz besonders Christoph Bausch“, sagte Monika Barz in ihrer Dankesrede. Christoph Bausch, Ulrich Bauschs Vater, hatte damals seine schützende Hand über die zarten Anfänge der lesbischen Bewegung in der evangelischen Kirche gehalten – trotz vieler Anfeindungen aus der Kirche heraus.

Grundsätzlich brauche es laut Manne Lucha „Ausdauer, Beharrlichkeit und Klugheit“, um etwas zu verändern – und all das zeichne Prof. Monika Barz aus. Seit langem ist sie im Vorstand des Landesfrauenrats, war von 1995 bis 2013 im Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Baden-Württemberg, hat das Netzwerk LSBTTIQ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queere) im Ländle mitgegründet und sich mit dem Verein „Sisters“ für den Ausstieg von Frauen aus der Prostitution eingesetzt.

Zwar ist Barz seit zwei Jahren im Ruhestand, nachdem sie von 1993 bis 2016 als Professorin im Bereich „Theorie und Praxis Sozialer Arbeit mit Mädchen und Frauen“ an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg (und zuvor in Reutlingen) gelehrt hatte. Doch ruhig sei sie bei weitem nicht: Im Sommer etwa trete sie laut Lucha als Sportlerin und als Unterstützerin bei den „Gay Games“ in Paris an.

„Dass ihr alle heute da seid, ehrt nicht nur mich“, betonte Barz. Ihre Ehrung sei eine für die gesamte Bewegung, die sich für mehr und bessere Rechte von Frauen und von Lesben einsetze. Und sie lobte auch ihre Mitstreiterinnen Herta Leistner und Dr. Irmgard Ehlers – die ihre Nachfolge an der Evangelischen Akademie in Bad Boll angetreten habe. Nicht zu vergessen Angela Jäger, als Sprecherin des Netzwerks LSBTTIQ. Alle drei Frauen nahmen nach der Ehrung an einer Podiumsdiskussion teil, bei der mehrere Generationen der lesbischen Bewegung zu Wort kamen.

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