Reutlingen Paula jetzt voll unter Dampf

Reutlingen / Von Jürgen Herdin 22.04.2018

Das ist Eisenbahnromantik pur: Schon auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs konnten die Menschen gestern Vormittag die schwefligen Ausdünstungen der alten, mit Kohle befeuerten Lokomotive aus dem Jahr 1922 riechen. An den Gleisen angekommen, waren die stoßweise ausgeblasenen Dampfschwaden zu sehen – dazu gab es das nostalgische Signalhorn auf die Ohren.

Rund 400 Besucher waren dabei, die Fotoapparate klickten im Stakkato: Mit einer Fahrt voll unter Dampf  schnaubte die altehrwürdige Zahnraddampflok 97 501 gestern ganz offiziell und mit behördlichem Segen von Reutlingen nach Tübingen. „Das ist ein großartiger Tag. Sie haben die Hürden des Eisenbahnbundesamts erfolgreich überwunden“, jubilierte der Verkehrsminister des Landes, Winfried Hermann (Grüne).

Und der weiß, wovon er spricht.  Genehmigungs-Verfahren  mit Verkehrsfreigabe für historische Dampfloks besagen, dass auch diese den jeweils aktuellen Sicherheits-Standards entsprechen müssen. Der in Reutlingen ansässige Verein „Zahnradbahnfreunde Honau-Lichtenstein“ (ZHL) hat das nach nun 32 Jahren ehrenamtlicher Arbeit und großem finanziellen Aufwand endlich geschafft (wir berichteten). Zuletzt musste noch ein rund 40 000 Euro teures Modul an Bord, das für alle Züge in Deutschland Pflicht ist.

Unter den rund 400 Besuchern am Gleis zwei des Reutlinger Hauptbahnhof begrüßte ZHL-Vorsitzender Ralf Stoll neben anderen auch Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, Landrat Thomas Reumann, Abgeordnete und Verkehrsminister Winfried Hermann.

Der ist ein ausgewiesener Freund des Schienenverkehrs – und ging sogleich ins Detail. Seiner Recherche nach gibt es bundesweit nur noch drei Lokomotiven dieser Bauart. Und nur eine davon, die Reutlinger, darf auch auf die Schiene. Hermann schwärmte von „diesem komplexen, mechanischen Bauwerk, einem tonnenschweren Schmuckstück, das sehr bedeutend für die Eisenbahngeschichte ist.“ Am frühen Morgen schon hatte die 97 501 ihre Wagen für die Jungfernfahrt in den Hauptbahnhof gezogen. Sie koppelte dann ab, wendete nahe Sondelfingen, ging auf ein anderes Gleis, um sich später nahe des Reutlinger Westbahnhofs „rückwärts“ aufs Gleis zwei des Hauptbahnhofs zu bewegen. Nur so konnte sie, nun von der anderen Seite kommend, von vorne an die Waggons andocken. Mit Freude verfolgte auch Maria Radermacher die Feier. Die 87-jährige Aachenerin ist die Enkelin von Eugen Kittel, einem gebürtigen Eninger, der die Dampflok 1922 für die Königlich Württembergische Staatseisenbahn in Auftrag gegeben hatte. Er war Direktor für Maschinenbau und durfte die Lokomotive nach seinen eigenen Vorgaben bauen.

Als „ein Stück Heimat und kulturhistorisch Erbe“ würdigte Reut­lingens Landrat Thomas Reumann das so einzigartige Dampfross. Über dessen Schadstoff-Ausstoß solle aber, bitteschön, nicht groß debattiert werden, hatte ihn zuvor Herbert Maier, der Altvordere der Zahnradbahnfreunde gebeten. Maier ließ sich wie folgt vernehmen: „Die Feinstaubfrage stellt sich hier nicht, das ist eindeutig Großstaub!“

Und wie sieht es aus mit der Zukunft des Bahnverkehrs? Alle Redner bekannten sich zum Großprojekt Regionalstadtbahn – und hoffen auf ein entscheidendes Vorankommen im Jahr 2019. „Von uns jedenfalls bekommen Sie fürs Modul 1 die Unbedenklichkeitsbescheinigung“ versicherte Hermann. Für ihn ist es eine „Sensation, dass der Bund jetzt die Mittel im Gemeindeverkehrs-Finanzierungsgesetz verdreifachen will“. „Mit der Regionalstadtbahn werden wir viele Pendler auf die Schiene bekommen“, sagte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch. Und es gehe vor allem auch darum,  „die Alb so früh wie möglich anzubinden“, verlangte Thomas Reumann. Und wie wichtig das ist, macht ein Blick auf die Überführung der 97 501 am 29. September nach Münsingen deutlich. Die Fahrt geht über Plochingen und Ulm auf die Alb – das sind über 130 Kilometer. Mit der neuen Regionalstadtbahn wären es deren nur rund 40.

Und wie kam die Lok 97 501 zu ihrem neuen Namen? Richard Blank von den Zahnradbahnfreunden, mittlerweile verstorben, war es, der sich gerne an seine Kantinenwirtin Paula erinnerte. So wurde ihr nun ein bleibendes Denkmal in Form einer kleinen, ovalen Plakette gesetzt.

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