Reutlingen Lasst uns richtig tanzen!

Insgesamt 15 Bands, darunter auch Stragula, feierten am Freitag und Samstag das 50-jährige Bestehen des selbstverwalteten Jugendzentrums in der Reutlinger Albstraße.
Insgesamt 15 Bands, darunter auch Stragula, feierten am Freitag und Samstag das 50-jährige Bestehen des selbstverwalteten Jugendzentrums in der Reutlinger Albstraße. © Foto: Jürgen Spieß
Reutlingen / Von Jürgen Spieß 17.07.2018

Das Wetter wie bestellt, ein bunt gemischtes Line-up und ein bestens gelauntes Publikum: Am Freitag feierte das autonome Jugendzentrum Kulturschock Zelle mit einem Liveact-Marathon am Wochenende sein 50-jähriges Bestehen. Sowohl draußen wie drinnen sorgten sieben Bands und Liedermacher für ein sommerliches Festival-Feeling rund um die Zelle auf der Bobrzyk-Insel.

Die Zelle ist seit 50 Jahren ein Ort der Begegnung, des Ideenaustauschs und ein Ort der unkonventionellen Livemusik. Das zeigte sich auch am Freitagabend, als zahlreiche Ex- und Neu-Zellis den Platz vor dem autonomen Jugendzentrum enterten, um gemeinsam Livemusik unter freiem Himmel zu genießen. Viele lauschten im Liegen, im Sitzen oder Stehen und nicht wenige tanzten vor der Bühne, als wär‘s das letzte Mal.

Das erinnerte ein wenig an das legendäre Rockfestival in Woodstock, zumindest, was das Feeling angeht. Nein, mit Kommerz, etablierter Kultur und dem, was gerade so angesagt ist, hatte dieses lockere In- und Outdoor-Fest nun wirklich nichts zu tun. Die auftretenden Bands Hampitz, Dishlicker, Geigerzähler und Liedermacher Yok boten auf der Außenbühne mal tiefenentspannte, mal düstere und aufmüpfige Mukke und über allem stand der von den Musikern propagierte gemeinsame Traum von einer friedlichen, herrschaftsfreien, solidarischen Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus und jeglicher Art von Diskriminierung.

Ab 22.30 Uhr wurden die Live-Acts nach innen verlegt, und auch hier illustrierte das Geschehen das Gemeinschaftsgefühl, das die Zelle und ihre Besucher seit 50 Jahren versuchen zu leben. Das Dark-Elektro-Duo Plastikstrom, die Reutlinger Urgesteine Stragula und das Freiburger Trio Elende Bande mischten bis weit nach Mitternacht die Besucher auf, erinnerten an die bewegten Zeiten und erwiesen der Zelle die Ehre:

Den Opener machte das seit 1995 bestehende Reutlinger Duo Plastikstrom, das mit eisenharten, monotonen Rhythmen eine Konzertatmosphäre schuf, die den schmalen Grat zwischen Rebellion und Coolness jederzeit zu nutzen weiß. Die Beats krachten laut und stakkatomäßig von der Bühne. Sänger Matze Günzler und Keyboarder Jürgen Schips strotzten vor Energie und schleuderten rohe Songs auf Deutsch in die tanzende Menge.

Wohlige Schauer

Den Dark-Wave-Kompositionen verleiht Matze Günzler mit wütender Stimme mal morbiden, mal entrückten Glanz. Gerade in Stücken wie „Städtekrieg“ „Wandertag“ und vor allem dem alten Szene-Hit „Lasst uns tanzen!“ erweist sich Plastikstrom als Meister im Inszenieren unerbittlicher Elektrobeats, im Erzeugen wohliger Schauer. Zudem sind diese rohen Songs eine sichere Bank, wenn es darum geht, das Haus zu rocken. Dafür steht auch die Musik der seit Anfang der 80er-Jahre bestehenden Lo-Fi-Elektro-Covercombo Stragula. Die fünfköpfige Band aus Reutlingen arbeitet ebenfalls mit minimalen Mitteln und verwendet für ihren neckischen Mix aus Wave-Punk-Surf-Folk-Hardrock- und Disco-Klängen gerne alte Instrumente wie die legendäre Bontempi-Orgel. Dazu singen die Retro-Nerds „Die Badewanne ist voll“ und fluten die Zelle mit schaurigem Kellerpartyglanz.

Mit Verspätung entert zum Abschluss des Konzert-Marathons die Freiburger Rockband Elende Bande die Bühne und lässt es etwas ruhiger angehen. Doch auch hier ist alles darauf ausgerichtet, die bierselige Trägheit zu bezwingen und die überwiegend in schwarz gekleideten Besucher in Bewegung zu versetzen. Soviel steht fest: Alle auftretenden Bands werden das Jubiläumsfestival der Zelle, das am Samstag mit acht Hip-Hop-Acts fortgesetzt wurde, nicht so schnell vergessen.

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