Beruflich kümmern sich die beiden Frauen um Recht und Ordnung, privat unterhalten sich die beiden Polizistinnen über den Mord am Ehemann der Jüngeren.

Insulin genutzt um ihren Mann umzubringen

Aus dem anfänglichen, vermeintlichen Spaß wird irgendwann Ernst. Im Februar nutzte die 40-Jährige Insulin, um ihren Mann umzubringen. Sie hat es zwei Wochen vorher von der 42 Jahre alten Kollegin per Dienstpost zugeschickt bekommen.

Prozess gegen zwei Polizistinnen vor dem Tübinger Landgericht Hauptangeklagte ging planvoll und zielgerichtet vor

Tübingen/Reutlingen

Ehemann überlebte nur kanpp

Sie gab ihm zunächst 100 Einheiten. Das Fünffache dessen, was die Mitangeklagte als Diabetikerin für einen Tag braucht. Weitere 200 Einheiten folgten der ersten Injektion. Der Ehemann überlebte nur knapp. Eine Antwort darauf, wie es zur Tat kommen konnte, hatte keiner der Beteiligten in den Plädoyers am Landgericht Tübingen.

Staatsanwalt: Es war eine normale Ehe

Es war eine normale  Ehe, sagte Staatsanwalt Dr. Thomas Trück in seinem Plädoyer. Es gab keine sexuelle oder körperliche Gewalt. Die psychische Gewalt, unter der die Angeklagte angab in der Ehe gelitten zu haben, bezog er nicht mit ein. Es  war eine Ehe, in der es immer wieder Streitigkeiten gibt. In der die Frau Rechnungen versteckte, weshalb eine Pfändung drohte, und sie das Zeugnis des Sohnes fälschte. Bevor das aufflog, plante sie kaltblütig und minutiös, ihren Mann aus dem Weg zu räumen.

Frau handelte aus Heimtücke, niederen Beweggründen und Grausamkeit

Grundlage von Trücks Argumentation ist ein Chatverlauf, der sich auf dem Smartphone der Mitangeklagten befand. In dem wird immer wieder über die Mordabsichten und das Insulin gesprochen, das sie ihrem Mann als Vitaminspritze verkaufte. Heimtücke, niedere Beweggründe und Grausamkeit wirft er ihr vor und sieht alle Merkmale eines Mordes erfüllt, der nur um Haaresbreite beim Versuch blieb.

„Es grenzt an ein Wunder, dass er überlebt hat.“ Lebenslänglich fordert er daher für die Angeklagte. Die Mitangeklagte sah er nicht als Mittäterin, schwächte die Anklage auf Beihilfe ab und forderte sieben Jahre Haft. Sie sei den Manipulationen der Angeklagten erlegen und hat ihr das Insulin geliefert.

Verteidigerin: Das war keine normale Ehe!

„Das war keine normale Ehe“, widersprach Verteidigern Dr. Birgit Scheja, die das Wesen ihrer Mandantin in der Vordergrund stellte. Diese sehe sich als graue Maus, die ihrem Ehemann nie etwas recht machen konnte. Sie fühlte sich zuletzt ungeliebt, wertlos, unwichtig und in einem Gefängnis psychischer Gewalt gefangen. Sie fühlte sich mit ihrem Mann nicht auf Augenhöhe und war unfähig sich zu öffnen.

Der Chat mit der Mitangeklagten, die für sie nur eine Bekannte war, habe sie als Ventil genutzt. Die Distanz zur Kollegin habe es ihr erst möglich gemacht, über die Probleme in der Ehe und dem steigenden psychischen Druck zu sprechen. Ein Streit, in der er ihr E-Book zerstört haben soll, ihr mit Scheidung gedroht haben und ihr die Kinder wegnehmen wollte, habe sie in eine psychische Ausnahmesituation versetzt. „Sie wollte seinen Tod nicht“, bekräftigte Scheja und forderte eine Strafe, die deutlich unter lebenslänglich liegt.

Als „Hölle“ nahm die Mitangeklagte die Ehe der Kollegin wahr. Sie glaubte ihren Erzählungen, vertraute ihr, ohne nachzufragen. Immer wieder riet sie ihr, sich Hilfe zu suchen, erklärte ihre Verteidigerin Sonja Fingerle. Warum sie schließlich das Insulin lieferte, darauf ging sie nicht ein.

Sie empfand die Anschuldigung von Steffen Kazmaier, Anwalt der Nebenklage, ihre Mandantin sei narzisstisch, als unnötig. Kazmaier unterstellte beiden Frauen, den Mord kaltblütig geplant zu haben. Beide hätten gewusst, was sie taten. Deshalb sieht er die Kollegin weiterhin als Mittäterin an. Auch dem widersprach Fingerle. Die 42-Jährige habe keinen Einfluss auf den Tatablauf genommen. Die Angeklagte habe ihr um 6 Uhr morgens geschrieben, sie habe das gesamte Insulin verabreicht.

„Das hat sich irgendwie verzweifelt angehört.“

Da es ein kurzwirksames Insulin war, ihr die Kollegin mittags am Telefon erzählte, sie sei mit ihm bereits im Krankenhaus gewesen, ging sie davon aus, dass er außer Gefahr war. Nur deshalb habe sie versucht, die Tochter zu beruhigen. Später schrieb sie im Chat: „Das hat sich irgendwie verzweifelt angehört.“ Von den „dramatischen Szenen“ die sich abgespielt haben, habe sie keine Ahnung gehabt. Erst in Haft erfuhr die Frau, dass manche Geschichten der Kollegin frei erfunden waren. Sie trage schwer an der Tat, erklärte Fingerle.

Unverzeihliche Tat

Beide Frauen können im Rückblick nicht sagen, wie es zur Tat kam. Beide entschuldigten sich beim Ehemann und den Kindern. Es war das erste Mal, dass die Hauptangeklagte eine Regung vor Gericht zuließ und sich schluchzend für das entschuldigte, was die Kinder zu ertragen haben. Ihre Tat sei unverzeihlich. Nun liegt es am Gericht zu entscheiden, ob die Hauptangeklagte kaltblütig und planvoll vorgegangen ist. Oder ob sie in einer psychischen Ausnahmesituation gehandelt hat. Das Urteil wird am Freitag, 13. Dezember, gesprochen.