Ausverkauftes Haus, nicht allzu lange Reden beim Festakt, eine denkwürdige Uraufführung, eine famose Beethoven-Neunte und dann noch Standing Ovations – was will man mehr! Die Württembergische Philharmonie Reutlingen durchlebte mit ihrem Publikum am Sonntag und Montag einen wahren Festrausch mit allem Drum und Dran. Sogar mit fünfstöckiger Geburtstagstorte.

Eigentlich sind 75 Jahre kein Alter für ein Orchester. Andere Klangkörper, entstanden aus Hofkapellen zum Amusement von Royals oder Fürstenhöfen, haben schon über 500 Jahre auf dem Buckel. Die Philharmonie, das betonten alle Reden zu Recht, hat eine anders gelagerte Geschichte. Sie ist 1945 entstanden – unmittelbar nach der Menschheitskatastrophe des Zweiten Weltkriegs – und zwar als bürgerschaftliches Friedensprojekt.

Entstanden als Friedensprojekt

Auf diese Gründungshistorie des Orchesters bezogen sich alle drei Festvorträge, aber auch alle drei ausgewählten Musikwerke des Abends. Zunächst die „Fanfare for the Common Man“ aus Kriegszeiten 1942, deren Titel sich auf das vielzitierte „Jahrhundert des Normalbürgers“ bezog, das damals US-Vizepräsident Henry A. Wallace ausgerufen hatte. Das Thema, auch olympisch erprobt, ist allbekannt, vielen altgedienten Rockern auch noch von Emerson, Lake & Palmer her im Ohr (1977). Vielen Philharmonie-Fans ist es von Aaron Coplands 3. Sinfonie in Erinnerung, die Chefdirigent Fawzi Haimor neulich in einer sensationellen Interpretation präsentierte.

Auch jetzt, beim Festakt, gelang es dem Blech- und Schlagwerkensemble der Philharmonie, den historisch grundierten Charakter dieser „Fanfare“ zu vermitteln: als durchaus feierlich inszenierte Mahnung, als Weckruf auch, als Aufforderung, Krieg und Terror zugunsten eines demokratischen Miteinanders zu beenden. Ganz klar, der Abend war auch musikalisch geschichtsträchtig angelegt. Denn Ähnliches wie zur „Fanfare“ ließe sich auch von Beethovens Neunter (1824) sagen, freilich vor anderem Hintergrund - eher im Sinne eines von der französischen Revolution geprägten Aufbruchs gegen die Standeszwänge einer Adelsherrschaft, hin zu einer neuen bürgerlichen Gesellschaft: „Alle Menschen werden Brüder!“ Die Neunte jedenfalls war es, die den Philharmonie-Chefdirigent Fawzi Haimor letztlich zur klassischen Musik brachte.

Fawzi Haimor liebte schon als kleines Kind die Neunte

Bereits als kleiner Knirps, erzählte er uns in einem Interview, habe er sich für dieses Werk begeistert, jede Note abgehört und auf der Violine, die er schon ab vier Jahren spielte, mitgefiedelt. Es gibt viele Arten, Beethovens Neunte zu präsentieren: staatstragend-weihevoll wie Karajan, emotional aufgewühlt wie Bernstein, freudig und quirlig wie Paavo Järvi. Bei Fawzi Haimor ist es die unbändige Rasanz, der mitreißende Elan, der seine Interpretation vor allem des letzten Satzes prägt. Die Kämpfe im Finale – zwischen lieblichen Anfängen, drastischer Chaosgefahr, warnenden Abbrüchen und furioser Jubel-Ekstase: All dies gestaltet Haimor mit einer geradezu ungeheuerlichen, energetisch geladenen Dramatik.

Angesichts einer Weltsituation, in der selbst Kriege globalen Ausmaßes wieder in bedrohliche Nähe gerückt sind, mag Beethovens menschheitsumarmender Gestus („diesen Kuss der ganzen Welt!“) vielen als allzu idealistische, womöglich hohle Beschwörung anmuten. Doch Haimors Lesart der Neunten integriert solche Zweifel, indem er die schon bei Beethoven einkomponierten Brüche, Bedenken und Moll-Verdunklungen deutlich und mit Nachdruck in Szene setzt, aber dann am Ende den geläutert optimistischen Sog aufgreift, rafft und fulminant triumphieren lässt.

Gut, im imponierenden Turbo-Furor dieser Interpretation mag vielleicht manches Detail untergehen. Doch gleichzeitig spielt Haimor virtuos mit den Kontrasten, lässt das Scherzo wie einen hektischen Spuk vorüberhuschen und inszeniert das Adagio als großen, beseelten, aber auch zeitvergessenen und zeitweilg durchs Blech aufgestörten Orchestergesang.

Eine schlagkräftige Philharmonie

Möglich wird dies alles mit einer in Festlaune musizierenden, punktgenau präzisen und schlagkräftigen Philharmonie, aber auch mit höhensicheren, angenehm unschrill skandierenden Chören, so dem Chor der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen (Einstudierung: Michael Alber) und dem Projektchor Camerata Serena (Einstudierung: Nikolaus Henseler).

Handverlesene Solisten überzeugen zudem in durchaus homogenen Ensembles: Polina Pastirchak (Sopran), Hermine May (Alt), Ray M. Wade (Tenor, kurzfristig eingesprungen) und David Jerusalem (Bassbariton, Sohn des früheren Philharmonie-Fagottisten und späteren Weltklasse-Heldentenors Siegfried Jerusalem). Dass ein Orchester zum Jubiläum nicht nur Altbewährtes bringt, sondern auch noch mit der Uraufführung eines Auftragswerks ein gewisses Risiko eingeht, ist ungewöhnlich. Aber umso lobenswerter. Und es passt auch zum Pioniergeist jener Gründergeneration, die sich inmitten von Trümmern und materiellen Nöten nicht davon abhalten ließ, von einem neuen Orchester zu träumen.

Gleich vorweg: Das rund 20-minütige Oratorium „Ice, Wind, War & Spring“ von WPR-„Composer in Residence“ Kareem Roustom, einem US-Amerikaner mit syrischem Vater, schlug denn auch andere Töne als Beethovens Hymnus an. Es verwendet Texte von französischen Hugenotten und Überlebenden der Kriege und Glaubenskonflikte um 1572, aber auch Texte von Walt Whitman und Rainer Maria Rilke. So schlägt Roustoms fünfsätziges Werk einen Bogen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart – und ergänzt Beethovens Neunte durch intimere, nachdenklichere Töne. Es bewegt sich in einer vibrierenden Sphäre zwischen den Themen Krieg, Gewalt und Versöhnung, wobei es in der naturhaften Wiederkehr eines befreienden Frühlings auch so etwas wie Trost und Hoffnung ausstrahlt. Musikalisch sucht Roustom neue Wege – irgendwo im weiten Feld zwischen Anklängen an die Polyphonie jener Zeit vor fast 500 Jahren, aber auch mit Anmutungen an Brittens „War Requiem“ (1962).

Orchester und Chöre bieten einen grandiosen Bilderbogen

Orchester und Chöre unter Fawzi Haimor bewältigen die teils extremen Herausforderungen der komplexen Partitur und inszenieren das Werk vor allem als grandiosen Bilderbogen mit geradezu naturmythischen Klängen. Seltsam gläserne, glitzernde Vibraphon- und Glockenspiel-Sounds erinnern an funkelnde Eiskristalle. Sanftes Gewoge, psalmodierende Chöre, Wind-Gongs und murmelnde Figurationen erzählen von der Vergänglichkeit des Lebens, aber auch von der lebensspendenden Energie des Wassers. Dies-irae-Anklänge, Seufzer, scharfe Blech-Akzente und donnerndes Schlagwerk gipfeln in der unerbittlichen Frage: „Meine Seele, wo sind nun die großen Worte? Wo sind die großartigen Höfe der Könige, die gegen den Himmel Krieg führten?“

Es folgt Walt Whitmans „Reconciliation“, Roustoms vierter Satz, der einen ganz anderen Kuss als Beethovens Schiller-Hymnus thematisiert – nämlich jene musikalisch von Haimor packend realisierte Szene, in der sich ein Soldat fast zärtlich über die Leiche eines toten „Feindes“ und Gefechtsgegners beugt. Bis das Ganze in Rilkes „Vorfrühling“ mündet, der Vision einer heilsamen Jahreszeit, die gleichzeitig Aufbruch signalisiert. So entsteht ein Zaubergarten: fragile Naturmotive mit weit ausholenden filmmusikalischen Szenerien, dann wieder spöttische Passagen, aber auch gegen Ende eine nahezu magisch sich ausbreitende Dur-Fläche. Kompliment an alle Beteiligten:

Unter der Leitung Haimors gelingt so etwas wie eine große, nachdenkliche Erzählung – farbenprächtig aufgefächert. Gleichzeitig zeigt Haimor Roustoms Werk als klingende Reflektion über die letzten Fragen zwischen Krieg und Frieden, Tod und Leben. Ganz im Geist der Anfänge des Orchesters nach 1945.

Kaleidoskop: A Tribute to The Beatles


Titel der legendären Band in originalen Orchesterarrangements spielt die Württembergische Philharmonie im nächsten Kaleidoskopkonzert am Donnerstag, 23. Januar, 20 Uhr. In der Reutlinger Stadthalle gastiert die „Classical Mystery Tour“, die die Titel auf Originalinstrumenten präsentiert.