Sie wollen arbeiten, aber sie können nicht: Die meisten der 500 Beschäftigten der Firma Reiff, für die im Februar das vorläufige Insolvenzverfahren eröffnet wurde, sind wahlweise in ihren Filialen zum Däumchen drehen verdammt, oder sie brauchen gar nicht erst an ihrem Arbeitsplatz erscheinen. Allein im Servicebereich gibt’s derzeit noch etwas zu tun. Doch in den Werkstätten und Montagehallen läuft ohne Material-Lieferungen, in diesem Fall Reifen, garnichts. Sehr wohl etwas gelaufen ist allerdings am Freitagvormittag in der Werkhalle des Reutlinger Standorts an der Grathwohlstraße. Bei einer großen Betriebsversammlung sollten alle Fragen, die die Mitarbeiter an die Geschäftsführenden hatten, geklärt werden.

Weder der Geschäftsführer,
noch der Insolvenzverwalter war da

Tatäschlich waren von fast allen 31 Standorten Beschäftigte erschienen. Sie waren unter anderem aus Konstanz und Heidelberg, aus Waiblingen, Mannheim und Frankfurt angereist und natürlich war auch das Gros der Reutlinger Belegschaft vor Ort, um endlich zu erfahren, wie es weitergehen soll. Allein: Weder der Geschäftsführer Francesco Saccani war erschienen – laut Verdi-Gewerkschaftssekretärin Carola Gross hatte Saccani mitgeteilt, dass er in Zeiten von Corona Massenveranstaltungen meide  –, noch war der vorläufige Insolvenzverwalter Miguel Grosser aus Frankfurt angereist. Er hatte zwar eine Arbeitsrechtlerin und einen Personaler nach Reutlingen entsandt – die aber hatten vom Betriebsrat kein Rederecht bekommen. „Wir wollten nicht, dass die beiden die Leute einlullen. Wir wollten mit den Verantwortlichen selbst sprechen. Von ihnen wollten wir unsere Antworten bekommen“, so Gross.

Allein 100 Beschäftigte aus Reutlingen

So bekamen 400 Beschäftigte – darunter rund 100 aus Reutlingen – ihre Informationen von Gross, aber auch vom ehrenamtlichen Anwalt des Betriebsrats, Frank Berger, und von Betriebsratsvorsitzendem Bernd Ziegler. Das Trio fordert jetzt erstmal einen sogenannten starken Insolvenzverwalter, der die Geschäfte komplett führt bis das eigentliche Verfahren offiziell eröffnet wird. Das dürfte wohl um den 1. Mai herum der Fall sein. Bis dahin bekommen die Mitarbeiter auch ihren vollen Lohn ausbezahlt. Wie es danach weitergeht, ist indes fraglich. Immerhin aber haben die Mitarbeiter, die kündigen wollen und für die bis dato noch eine sechsmonatige Kündigungsfrist gilt, ab Mai die Chance, den Betrieb schneller zu verlassen. Denn momentan, so Carola Gross, sind viele frustriert, weil es keine Aufträge zu erledigen gibt. „Die Beschäftigten haben inständig darum gebeten, dass endlich wieder Reifenlieferungen kommen, damit sie weiterarbeiten können. Und die Lieferanten betteln wohl auch, dass sie bald wieder liefern können“, sagt Gross. Berger ergänzt, dass genau jetzt eben auch die Hochsaison in der Reifen-Branche ist, in der es eigentlich am meisten zu tun geben würde. 60 Prozent der Einnahmen werden in dieser Phase normalerweise erwirtschaftet.

Einer, der die Konsequenz zieht

Einer, der die Konsequenz  aus dem Dilemma gezogen hat, ist Ronny Schmid. Der 41-Jährige, der bei Reiff in Waiblingen arbeitet und am Freitag nach Reutlingen zur Betriebsversammlung gekommen ist, hat zum Monatsende gekündigt. Für das, was sich derzeit bei seinem Noch-Arbeitgeber abspielt, findet er nur drei Worte: „Traurig, traurig, traurig“. Ähnlich enttäuscht ist auch der Betriebsratsvorsitzende. „Dass von der Geschäftsführung niemand mehr greifbar und kein Ansprechpartner verfügbar ist“ macht Bernd Ziegler arg zu schaffen. „Ich bin enttäuscht, dass keiner von den Verantwortlichen gekommen ist“, sagt der Mann, für den jetzt das Fundament für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit vollends zerbröckelt ist. Aber Ziegler, Gross und Berger geben nicht auf. Nächsten Freitag geht die Betriebsversammlung, die gestern nur unterbrochen wurde, weiter. Jeden Freitag will sich die Belegschaft nun treffen – so lange, bis einer der Verantwortlichen bereit ist, ihnen Rede und Antwort zu stehen.