Sieben Hitler-Jungen zu finden war gar nicht so einfach. Aber kurz vor Drehbeginn hat’s dann doch noch geklappt – dank Henry, Paul und Ludwig, die als Verstärkung aus Stuttgart angereist sind, um sich in Pfullingen in alte Uniformen zu zwängen und bei einer Dokumentation des SWR über das Kriegsende mitzuspielen.

In die Uniformen gezwängt

„Die sind ganz schön eng. Und es ist ein bisschen seltsam, wenn man die an hat“, wird’s dem Trio kurz vor seinem Einsatz am Set doch ein bisschen mulmig angesichts der historischen Bedeutung der Kleidungsstücke. „Das ist schon eindrücklicher als im Geschichtsunterricht. Vor allem, wenn man dann noch ein Gewehr in den Händen hält“, finden die drei, die 14 und 15 Jahre alt sind und gerade von einer Maskenbildnerin und dem Einkleide-Team in Hitler-Jungen verwandelt worden sind.

Während sich Henry, Paul und Ludwig auf den Weg machen, weil sie in wenigen Minuten als Komparsen auf dem Marktplatz agieren müssen, können die Pfullinger Albvereins-Frauen in aller Ruhe ihr Mittagessen genießen. Sie haben ihre ersten großen Szenen schon hinter sich und lassen es sich jetzt in der Mensa der Wilhelm-Hauff-Realschule, die an diesem Samstag Umkleide, Maske und Kantine in einem ist, gut gehen. Die Rollen, die sie heute verkörpern, dürften sie alle nur zu gut aus der Pfullinger Geschichtsschreibung kennen. Denn in der SWR-Dokumentation geht es um die 50 Frauen um Sofie Schlegel, die kurz vor Kriegsende die Barrikaden in der Echazstadt abgebaut haben, die die französischen Truppen am Einmarsch hindern sollten. Schlegel soll den Soldaten damals in einem weißen Kleid und mit einem weißen Leintuch an einer Stange entgegen gegangen sein, um die Zerstörung Pfullingens zu verhindern. Von solch couragierten Menschen wie den Pfullinger Frauen will der SWR in seiner 90-minütigen Dokumentation berichten. „Wir möchten den kleinen Helden, die nicht so bekannt sind, ein Denkmal setzen“, sagt SWR-Redakteur Norbert Bareis, der an diesem Samstag die Dreharbeiten auf dem Pfullinger Marktplatz verfolgt. Sechs Episoden zum Ende des Zweiten Weltkriegs werden in dem Film erzählt – darunter eben auch jene, in der es um die mutigen Pfullingerinnen geht, die damals ein großes Risiko eingegangen sind. Sie wurden von den Nazis massiv mit Waffen bedroht. „Aber es gab zum Glück keinen Schießbefehl“, weiß Bareis.

Der Orden am richtigen Platz

80 Darsteller sind in den Pfullinger Szenen zu sehen, die am Samstag den ganzen Tag über hauptsächlich auf dem Marktplatz gedreht wurden. 40 SWR-Mitarbeiter waren dabei im Einsatz und vor allem in der Maske und beim Einkleiden war exaktes Arbeiten gefragt. „Da muss jeder Orden am richtigen Platz sitzen. Schließlich handelt es sich um ein Doku-Drama, bei dem alles so sein muss, wie es früher tatsächlich war. Es dürfen auch keine Piercings oder Tattoos zu sehen sein“, erklärt Bareis. Und Bernhard Stegmann von der Produktionsfirma AV Medien ist froh, dass es in Berlin einen Fundus mit den entsprechenden Uniformen gibt.

Während es bei der Besetzung der Hitler-Jugend eher zäh lief, war der Ansturm derer, die die Pfullinger Frauen spielen wollten, weit größer als gedacht. „Am Schluss mussten wir sogar einigen Interessentinnen absagen“, berichtet Stegmann. Eine, die eine Komparsenrolle ergattert hat, ist die Pfullingerin Susanne Hofmann. Sie hatte von der Darstellersuche des SWR gelesen und sich und ihren Sohn schnell angemeldet. „Wann hat man schon mal die Gelegenheit bei so einem Dreh dabei zu sein“, sagt sie. Doch was fast noch wichtiger war für Hofmann: „Das Thema des Films.“ In der Geschichte der eigenen Stadt eine Rolle zu spielen – interessanter geht’s wohl kaum.

Erst im Landtag und dann im Fernsehen


Das Doku-Drama zum Kriegsende wird am 29. April im Landtag Premiere haben. Am 3. Mai wird es dann um 20.15 Uhr im SWR-Fernsehen ausgestrahlt. Außerdem stellt es der Sender in seine Mediathek.