Am ersten Ferientag ging es direkt los, erzählt Heidi Renner: Eine Mitarbeiterin des Reutlinger Tierheims fand zwei Käfige vor dem Gebäude – sie waren nicht gesichert. Darin tummelten sich 14 Farbratten: die beiden Eltern und ihr Nachwuchs, die jüngsten Baby-Ratten waren erst einige Wochen alt. Was folgen sollte, konnten Renner und ihre Kollegen Ende Juli zwar schon erahnen: Es sind schließlich nicht die ersten Ferien, in denen Menschen ihre Haustiere gegen drei unbeschwerte Wochen am Gardasee eintauschen.

Heute – etwas mehr als vier Wochen später – sagt aber selbst die erfahrene, 48-jährige Tierheim-Pressesprecherin: „In diesem Jahr war es besonders schlimm. Und besonders kurios.“ Renner arbeitet seit 30 Jahren im Tierheim: Zunächst als Ehrenamtliche, seit zehn Jahren ist sie festangestellt. „Alles ist schnelllebiger geworden in den vergangenen Jahren“, resümiert sie. „Manche Menschen behandeln ein Tier wie einen Gegenstand: Wenn sie keinen Spaß mehr dran haben, tauschen sie es eben aus oder geben es weg.“ Eltern schenken den Kindern beispielsweise zu Weihnachten ein Haustier. Wenn das Zusammenleben oder die Pflege dann halt doch nicht so einfach wird, wie man es sich vorgestellt hat, wird das Tier wieder weggeben oder ausgesetzt.

Tiere aus allen Ecken des Landkreises wurden abgegeben

Die Tiere, die in den vergangenen Wochen abgegeben wurden, stammen aus allen Ecken des Landkreises. Ein Gang durch die Katzenstation: Die beiden Geschwister Wanko und Waldo wurden in Walddorfhäslach gefunden, Pancho Anfang August in Reutlingen, Fox vor zwei Wochen in Dettingen, Isi vor vier Tagen in Wannweil. In Münsingen fand die Polizei zwei Katzen, die regungslos in einem Straßengraben lagen: Wohnungskatzen, vermutet Renner – wahrscheinlich wurden sie ausgesetzt und sind dann vor Schock erstarrt. Kater Klitschko wurde im Bad Uracher Teilort Wittlingen gefunden: voller Flöhe, mit Schnupfen und Husten. Die Suche des Tierheims nach dem Besitzer blieb erfolglos. Wurde er ausgesetzt? Heidi Renner und ihre Kollegen können nur mutmaßen.

Auf der Alb bekommen viele Bauernhof-Katzen Nachwuchs in der Wildnis

Die jüngsten Bewohner der Katzenstation sind Ganja, Grace, Gleda und Gero: vier Katzenbabys, gerade sechs Wochen alt. Gemeinsam mit ihrer Mutter Giana wurden sie im Trochtelfinger Teilort Wilsingen gefunden. Woher sie kommen? Auch hier kann Renner nur mutmaßen: „Auf der Alb gibt es viele Bauernhof-Katzen, die weder kastriert noch tätowiert sind“, sagt sie. Diese Katzen werden oft ausgesetzt oder rennen weg, dann bekommen sie Nachwuchs in der Wildnis. Die vier Babys werden nun aufgepäppelt: Wenn sie zehn Wochen alt sind können sie im Doppelpack vermittelt werden. Was Heidi Renner auch betont: Nicht jede Katze, die in der Urlaubszeit ins Tierheim kommt, wurde mutwillig weggegeben. Manche entwischen auch beispielsweise den Nachbarn, die eigentlich für die Fütterung zuständig sind. Andere werden gezielt in Pension gegeben. Pro Tag kostet das 20 Euro für einen Hund, 13 Euro für eine Katze und neun Euro für zwei Kaninchen.

Timmy, ein dreijähriger American Cocker Spaniel, wurde von seiner Besitzerin in einer Tierklinik abgegeben: Er hatte einen Bandscheibenvorfall – und die Frau gab an, weder Geld noch Kapazität für die Betreuung zu haben. Timmy landete im Tierheim. Nachbarn meldeten Heidi Renner und ihren Kollegen später, dass die Besitzerin nun mit dem Wohnmobil in den Urlaub gefahren sei.

Angebunden, ausgesetzt, vor dem Tierheim abgestellt: die Sommerferien-Opfer

An einem anderen Ferien-Morgen stand ein Mann auf dem Tierheim-Parkplatz. Er drückte einer Mitarbeiterin die beiden Hunde Avila und Mika in die Hand: Die habe er gefunden, für eine Aufnahme seiner Personalien habe er aber keine Zeit, sagte er – denn er müsse zur Arbeit. Schäferhündin Mira wurde von einer Wandergruppe an eine Hütte in Sonnenbühl angebunden gefunden. Sie war verstört, berichtet Heidi Renner. An einem anderen Nachmittag kam ein Anruf: Was man tun könne, wenn man einen Hund im Wald gefunden hat, wollte ein Mann wissen. Einige Stunden später brachte er das Tier ins Heim zu Heidi Renner und ihren Kollegen. Einen Tag später rief er dann nochmal an und teilte mit, dass er herausgefunden habe, wie der Hund heißt. So könne man ihn nun besser vermitteln.

Heidi Renner lacht etwas verzweifelt auf: „Ja, das sind die kuriosesten Geschichten, die man da zu hören bekommt.“ Ob sie die alle glaubt? Sie zuckt mit den Schultern: „Was sollen wir auch sonst machen? Hauptsache den Tieren geht es gut.“ Zwei völlig verängstigte Hunde fand sie vor zwei Wochen abends angebunden vor dem Tierheim. Das Posting auf ihrer Facebook-Seite brachte einen Hinweis auf die Besitzer – und diese behaupteten, die Hunde seien ihnen entlaufen.

Bei ausgesetzten Kaninchen gibt es eine hohe Dunkelziffer

Noch in der selben Nacht bekam Renner einen Anruf aus Hayingen: Eine Frau meldete, dass sie beobachtet habe, wie ein Hund an einer Laterne angebunden wurde. Als sie die Besitzerin darauf angesprochen habe, habe ihr diese die Leine in die Hand gedrückt und die Hunde-Papiere aus dem Autofenster geworfen. Derrick tauften die Tierheim-Mitarbeiter den ausgesetzten, sechsjährigen Labrador schließlich.

Eine hohe Dunkelziffer gibt es bei ausgesetzten Kaninchen: „Wie viele da dem Fuchs zum Opfer fallen, können wir gar nicht sagen“, berichtet Heidi Renner. Auch die beiden Wasserschildkröten Washington und Boise sind Opfer der Sommerferien: Eine wurde im Arbachtal gefunden, die andere im Teich der Finderin. „Bei Landschildkröten ist es wahrscheinlich, dass sie auch entwischen können. Aber bei Wasserschildkröten kann davon ausgegangen werden, dass man sie ausgesetzt hat“, sagt Renner.

Ob wirklich alle Tiere in den Sommerferien wissentlich ausgesetzt wurden? Man weiß es bei den wenigsten, wiederholt Heidi Renner. Sie hat selbst zwei Hunde und zwei Katzen. Deshalb kann sie aber zumindest eines mit Sicherheit sagen: „Wenn die weglaufen, dann setze ich alle Hebel in Bewegung, damit sie gefunden werden.“

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