Pogromnacht Die Katastrophe vor der Katastrophe

Reutlingen / Kathrin Kammerer 09.11.2018

Es ist ein ganzes Menschenleben her. Vor 80 Jahren splitterten in Deutschland die Fensterscheiben jüdischer Häuser, Synagogen und Geschäfte. Mehr als 1300 Juden wurden in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 getötet, mehr als 30 000 verhaftet. Es war die „Katastrophe vor der Katastrophe“, erinnerte Pfarrer und Lehrer Gregor Mundt.

In der Reutlinger Marienkirche fand – ganz in alter Tradition – am Donnerstagabend ein Gedenkgottesdienst statt. In Reutlingen gab es damals, 1938, keine Synagoge, so Mundt. Aber es gab noch ein paar verbliebene, jüdische Geschäfte. Diese wurden zerstört – für jeden sichtbar, mitten in der Stadt.

Schrecken unter der jüdischen Bevölkerung

Der vom Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK) initiierte Gottesdienst wurde dieses Mal von Schülern der Theodor-Heuss-Schule gestaltet. Sie lasen Einträge aus einem Umlaufbuch der Schule vor und Gesetzestexte aus den frühen Jahren der Nazi-Herrschaft. Damit verdeutlichten sie den rund 200 Zuhörern eindringlich, welche Verunsicherung und auch welcher Schrecken schon in den frühen 1930er-Jahren unter der jüdischen Bevölkerung geherrscht haben muss. Juden dürfen nicht mehr im Staatsdienst arbeiten, die Deutschen sollen nicht mehr in jüdischen Geschäften kaufen, Juden dürfen ihren Beruf nicht mehr frei wählen, irgendwann werden sie komplett aus dem öffentlichen Leben zurück gedrängt, jüdische Kinder dürfen keine deutschen Schulen mehr besuchen, deutsche Kinder werden gleichzeitig zu absolutem Gehorsam und Pflichtgefühl erzogen. Die Kette der Ereignisse war fatal.

Mit Ruth Michel war auch eine der rar gewordenen Zeitzeugen des Holocaust in der Marienkirche zu Gast. Die mittlerweile 90-jährige Frau erzählte, wie sie als „Vaterjüdin“ aufwuchs – also mit einem jüdischen Vater und einer evangelischen Mutter –, wie sie aus Deutschland nach Polen flüchtete und dort zunächst unter der Besetzung der Roten Armee lebte. 1941 marschierten die Deutschen ein.  „Juden mussten weiße Armbinden tragen“, erinnerte sich Michel. „Nachts wurden unsere Fenster eingeworfen. Es gab kein Fenster mehr in unserer Straße, das noch heil war.“ Im Dezember 1941 wurden die 205 Juden des Dorfes Mykulytschyn gefangen genommen, drei Tage eingesperrt und dann in einem Wald erschossen. Darunter war auch Ruth Michels Vater. Das damals 13-jährige Mädchen überlebte als polnische Zwangsarbeiterin getarnt den Zweiten Weltkrieg. Nun fühle sie sich verpflichtet, als Überlebende den Ermordeten eine Stimme zu geben, sagte sie in der Kirche.

Antisemitismus wurde nicht von den Nazis erfunden

Die Rede von Alexander Lerner von der jüdischen Gemeinde in Reutlingen berührte die Zuhörer ebenso – wenn auch auf eine ganz andere Weise. „Antisemitismus wurde nicht von den Nazis erfunden“, betonte er. Egal ob es die Pest, der Marxismus, der Sozialismus oder die Psychoanalyse war – an allem gab man schon vor den Nazis den Juden Schuld.

Und das Schlimmste sei: Der Judenhass sei auch nach den Nazis nicht verschwunden. Seit 2010 wurden jährlich in ganz Deutschland mehr als 1200 antisemitische Übergriffe registriert, so Lerner. Seit 2014 sogar mehr als 1400. Er ist nicht gekommen, um zum 80. Mal Asche auf das Haupt der Juden zu streuen, sagte er mit großem Nachdruck. Er ist gekommen, um zu erinnern und um so zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt.

Nach dem Gottesdienst zogen mehr als 150 Reutlinger mit Rosen und Kerzen über den Marktplatz zur Holocaust-Gedenktafel an der Volkshochschule.

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