Gestern hat Landrat Thomas Reuman stellvertretend für den Landkreis Reutlingen die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ unterschrieben. Alle Fraktionsvorsitzenden des Kreistages und dutzende, in der Palliativpflege engagierte Reutlinger taten es ihm gleich. Sogar Grünen-Staatssekretärin Bärbl Mielich war anwesend und unterzeichnete.

Sterben – es ist weiter ein verdrängtes Thema. Wann erfährt der durchschnittliche Deutsche zum ersten Mal vom Tod? „Mit 35 Jahren, wenn ihn Mama anruft und sagt, dass der Opa gestorben ist.“ Die Geschäftsstellen-Leiterin der Charta, Franziska Kopitzsch, war extra aus Berlin angereist und fand deutliche Worte. Sie beschrieb zwei Reaktionen von Mitmenschen, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Die einen sagen „Wow, das muss ja schwer sein“, die anderen nuscheln verlegen „Oh, das muss es auch geben, ja“. Einige Zuhörer murmelten zustimmend – ihnen scheint es bei ihrer Arbeit im stationären und im ambulanten Hospizdienst ähnlich zu gehen.

Staatssekretärin Mielich betonte, dass der Tod genauso wieder in die Mitte der Gesellschaft getragen werden muss, wie die Geburt. 200 Experten aus 50 gesellschaftlich und gesundheitspolitisch relevanten Institutionen hatten die Charta mit ihren Leitsätzen in den Jahren 2008 bis 2010 ausgearbeitet.

Wie trägt man den Tod wieder in die Mitte der Gesellschaft? Wie bildet man welche Menschen in Palliativpflege weiter? Wo sterben die Menschen in Zukunft? Diese Fragen wurden gestellt – und zumindest in Ansätzen beantwortet. Rund 23 500 Unterschriften hat die Charta nun. Nicht unbedingt viele, wenn man die Relevanz des Themas betrachtet, monierte Geschäftsstellen-Leiterin Kopitzsch. „Sogar der Geflügelverband hat mit seiner Charta zur Geflügelhaltung mehr Unterschriften gesammelt.“ Umso wichtiger, dass auch viele Reutlinger gestern unterschrieben.

Seit 1994 gibt es in der Achalmstadt den Verein Ambulanter Hospizdienst, seit 2010 auch einen ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst, seit 2004 die Brückenpflege in den Kreiskliniken. 2012 haben die Kliniken ein „Palliativ Care Team“ eingerichtet, seit 2012 gibt es in Reutlingen die Stiftung Palliativpflege. 2014 wurde dann am Steinenberg eine Palliativstation mit acht Betten eröffnet. „In einer Gesellschaft des langen Lebens muss die Versorgung sterbender Menschen einen Platz haben“, sagte Landrat Thomas Reumann.

Im Juli hatte der Kreistag die Unterzeichnung der Charta einstimmig beschlossen. Gestern setze Reumann nun als erster seine Unterschrift, viele folgten. Eine Unterschrift ist schnell gesetzt – diese hatte aber auch einen gewissen Symbolcharakter. „Wir verpflichten uns hiermit, an diesem Thema auch in Zukunft dran zu bleiben.“

Hospiz Veronika in Eningen: Rund 500 Anfragen pro Jahr


In Eningen gibt es seit 2001 das Hospiz Veronika. „Wir haben rund 500 Anfragen pro Jahr“, sagt dessen neuer Leiter Andreas Herpich. Macht eine oder zwei Anfragen pro Tag. Darunter sind Menschen, die krank sind, aber aktuell noch daheim leben können. Dazu gehören aber auch Menschen, die in absehbarer Zeit sterben werden, die große Schmerzen und vielleicht auch keine pflegenden Verwandten daheim haben. „Es dauert zwei bis drei Wochen, bis es zu einer Aufnahme kommt“, sagt Herpich. Manchmal sterben die Menschen dann schon vor dieser Aufnahme, so Herpich. Die Warteliste umfasst rund 50 Menschen.

„Momentan haben wir eine Unterversorgung in der stationären Hospizpflege“, lautet sein Fazit. Weitere Einrichtungen gibt es in Esslingen, Stuttgart, Leonberg und Villingen-Schwenningen. „Die geplanten Hospize in Tübingen und Nagold sind sehr sinnvoll.“ Bei der allgemeinen Palliativpflege bestehe noch ein Defizit, so Herpich. Diese Pflege betrifft alle, die krank und von Schmerzen belastet sind, die aber noch nicht so starke Symptome haben, dass sie ins Hospiz aufgenommen werden können. kam