DAV-Unterkunft für Wanderer im Verwallgebirge: Reutlingens höchste Hütte ist 50 Jahre alt
Im Jahr 1906, ein Jahr nach Gründung der Sektion Reutlingen des damaligen Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DÖAV), stellte man sich die Frage nach einer eigenen, geeigneten Hütte im Gebirge. Die Wildebene im Verwall war das Ziel der Verantwortlichen. Nachdem man dieses Gebiet durch den Hauptausschuss des Vereins 1907 als Arbeitsgebiet zugewiesen bekommen hatte, begann man mit der Erkundung der Zugänge zur und der Hauptberge rund um die Wildebene.
Der Hüttenbau kostete damals 24 000 Kronen, in etwa 20 000 Mark, und wurde durch Vorarlberger Zimmerleute errichtet. Am 3. August 1909 wurde die Reutlinger Hütte auf der Wildebene feierlich eingeweiht. Fortan stand sie den Bergsteigern und Bergwanderern als bewirtschaftete Unterkunft zur Verfügung.
In den Folgejahren wurde das Wegenetz durch das Silbertal, das Pfluntal und das Nenzigasttal angelegt. Der erste Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung. Erst im Jahr 1921 wurde die Hütte wiedereröffnet und war ab diesem Zeitpunkt auch wieder bewirtschaftet. Die Reutlinger Hütte war die Sommerhütte der Sektion neben der 1929 errichteten Winterhütte, der Kaltenberghütte. Zwischen den Kriegen waren beide Hütten beliebte Ziele der Reutlinger Alpinisten und anderer Sektionen.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 endete diese Zeit abrupt. Bis 1936 waren die Grenzen zwischen dem Deutschen Reich und Österreich gesperrt. In dieser Zeit verloren deutsche Sektionen Mitglieder, da diese nicht mehr in die Berge reisen durften. Auf den Hütten waren kaum noch Erträge zu erwirtschaften. Umso größer war die Freude in der Sektion, als die Grenzschließungen 1936 aufgehoben wurden und man erstmalig wieder nach Vorarlberg fahren konnte.
Ein Brand zerstört die Hütte
Während des zweiten Weltkriegs kam der Alpinismus im Alpenraum zum Erliegen. Und mit Ende des Krieges 1945 wurde der Deutsche Alpenverein aufgrund der Bestimmungen des Alliierten Kontrollrats aufgelöst und die Hütten enteignet. Dies änderte sich erst 1956, als die Hütten durch die Republik Österreich, die die Betreuung der sogenannten Reichsdeutschen Hütten übernommen hatte, an die Sektionen zurückgegeben wurden.
Die Reutlinger Hütte war zu diesem Zeitpunkt allerdings nur noch eine Ruine. Am 15. Juli 1953 brannte sie bis auf die Grundmauern nieder und konnte nicht mehr als Sommerhütte genutzt werden. Ab diesem Zeitpunkt wurde die ursprünglich als reines Skiheim geplante Kaltenberghütte erweitert und auch im Sommer bewirtschaftet. Die Überreste der Reutlinger Hütte wurden mehr oder weniger sich selbst überlassen.
Walter Schöllkopf, seit 1968 Erster Vorsitzender der Sektion Reutlingen, ist es zu verdanken, dass die Neue Reutlinger Hütte am Standort der alten Hütte als Bergsteigerunterkunft wiedererstanden ist. Dessen Sohn, Matthias Schöllkopf (70), berichtet, dass sein Vater bei einem Besuch auf der Wildebene die Vision entwickelt habe, dass am Standort der 1953 abgebrannten Reutlinger Hütte „Wieder etwas für die Sektion entstehen müsse und sei es eine Selbstversorgerhütte.“ Diese Vision hat er entsprechend vorangetrieben.
Bauzeit: zwei Tage
Die notwendigen Genehmigungen bei den Behörden habe er ebenso erwirkt, wie auch die Flugerlaubnis für den Helikopter, die wegen der anstehenden Brunftzeit des Rotwilds kurz vor Beginn des Bauvorhabens noch auf der Kippe stand. Hierzu waren viele und intensive Telefonate nötig. Ferngespräch hieß der damalige Kommunikationsweg. EMail, Skype oder WhatsApp waren Science Fiction.
Neben Matthias Schöllkopf können auch noch Willi Pauschert (85) und Armin Kühner (82), die beim Aufbau mit dabei waren, von den Tagen auf der Wildebene berichten. Die im Tal gesägten Balken wurden binnen zwei Stunden auf die Wildebene geflogen. Die Ehrenamtlichen der Sektion trugen die Balken auf den Schultern zur Baustelle und reichten sie den Zimmerleuten zu. Diese „strickten“ die Hütte Kranz um Kranz in die Höhe. Am ersten Abend wurde der halbfertige Rohbau mit einer Plane überspannt und diente bereits zum ersten Mal als Nachtlager. Am zweiten Tag schritten die Arbeiten in bewährter Manier fort, so dass die Hütte am folgenden Abend bereits ‘unter Dach‘ war und wieder Schutz als Bergsteigerunterkunft bieten konnte.
Mit Matratzenlagern, großem Tisch nebst Sitzgelegenheiten und Kochplatz ausgestattet, wurde die Hütte am 27. September 1970 unter Beteiligung einer großen Anzahl von Sektionsmitgliedern eingeweiht. Seit dieser Zeit hat sich viel getan auf der Hütte. Denn es ändern sich sowohl die Ansprüche der zahlreichen Besucher, vor allem aber auch die der Sektionsverantwortlichen an die Funktionalität der Hütte. Ebenso stellen die Anforderungen der Behörden den DAV immer wieder vor neue Aufgaben. Die Hüttenwarte und die Ehrenamtlichen der Sektion müssen immer wieder neue Ideen entwickeln und diese vor Ort umsetzen.
Brennholz kommt per Helikopter
Dadurch, dass das Brennholz nicht mehr wie früher von den Bergwanderern auf die Hütte getragen wird, sondern ein bis zweimal im Jahr mit dem Helikopter eingeflogen werden muss, wurde die Hütte mit einem entsprechend effizienten Holzherd ausgestattet und der Hüttenraum rundum isoliert. Neue Isolierglasfenster, die modernsten Anforderungen genügen, wurden 2019 eingebaut. Das Brennholz lagert wind- und wettergeschützt in einem eigens dafür errichteten Holzschopf. Vor der Hütte lädt eine befestigte Terrasse zum Verweilen ein. In den vergangenen 50 Jahren wurden in den Erhalt der Hütte mehr als 100 000 Euro investiert.
Notlager ist immer offen
Auch den Belangen der Umweltverträglichkeit wird von Seiten des DAV ein hoher Stellenwert beigemessen. So wurde 2018 eine komplett neue Toilettenanlage installiert. Die Hinterlassenschaften der Bergsteiger werden in einer sogenannten Siebsackanlage gesammelt, die am Jahresende von Ehrenamtlichen der Sektion entleert wird. Die Siebsäcke werden dann zu gegebener Zeit ebenfalls mit dem Helikopter ins Tal geflogen, wo sie dann durch Fachfirmen sachgerecht entsorgt werden.
Damit die Hütte das Kleinod auf der Wildebene bleibt, das sie immer war, bemüht sich die Sektion darum, dass an den Wochenenden der Sommermonate Juli, August und September ein ehrenamtlicher Hüttendienst vor Ort ist. Dieser Hüttendienst hat auf der Hütte einen separaten Schlafraum, ist Repräsentant der Sektion und sorgt für die Einhaltung der Hüttenordnung.
Die Hütte ist ansonsten für Alpenvereinsmitglieder nur mit einem AV-Schlüssel zugänglich. Um aber auch Bergsteigern, die keinen Schlüssel haben, Schutz vor plötzlich auftretenden Kälte- und Wettereinbrüchen zu bieten, verfügt die Hütte mittlerweile über ein Notlager, das immer offen ist und zwei Personen Platz zum Übernachten bietet.

