Jahrzehntelang wurden die Vorfälle um die Baumwollweberei während der NS-Zeit in Eningen beschwiegen. Die Alte Weberei, in der am Sonntag beim Tag des offenen Denkmals eine Führung angeboten wird, war einst in jüdischem Besitz. Die Eigentümer wurden bestohlen, ihr Besitz arisiert. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat erst im vergangenen Jahr gegenüber dem Erben von Agathe und Ernst Saulmann die Engelgruppe „Drei Engel mit dem Christuskind“ aus dem 15. Jahrhundert, die sich im Bode-Museum in Berlin befindet, restituiert. Möglich war dies nur, weil 2013 in einem Münchner Keller der Auktionskatalog der einst zwangsversteigerten Kunstsammlung Saulmann entdeckt wurde und man damit einen Nachweis über die von den Nazis enteigneten Kunstgegenstände hatte. Die Saulmanns sammelten Gemälde, Möbel, Kunstbücher, Skulpturen. Aufgetaucht sind bis heute nur elf Kunstgegenstände aus dem gesamten Besitz.

Ohne die 1895 von Franz Saulmann und Otto Massenbach als GmbH erbaute und gegründete und später vom Sohn Ernst Saulmann weitergeführte Mechanische Baumwollweberei hätten die meisten Eninger Familien kein Einkommen gehabt. Die Gemeinde unter der Achalm zählte in den Zwanziger und Dreißiger Jahren rund 5000 Einwohner. Von den 1500 Familien gehörten rund 1000 zum Stand der Fabrikarbeiter, 500 davon standen bei der Baumwollweberei in Lohn und Brot. So war also auch das Wohl und Wehe der Kommune vom wirtschaftlichen Erfolg der Baumwollweberei abhängig.

Ernst Saulmann war als sozial eingestellter und fürsorglicher Unternehmer bekannt, der auch in schwierigen Zeiten für seine Arbeiter sorgte. Doch Anfang der Dreißiger Jahre geriet das Unternehmen infolge der Rezession in eine Schieflage. Kredite, unter anderem auch aus der Schweiz, wurden zwar gewährt, aber das Unternehmen war dennoch nicht mehr rentabel.

Am 28. Dezember 1935 verließen die Saulmanns das Land und gingen nach Florenz. Für die NS-Propaganda ein gefundenes Fressen, warf die NS-Presse Saulmann doch vor, das Unternehmen absichtlich ausgeplündert und sich bereichert zu haben. Agathe Saulmann hat später berichtet, dass eine Ansprache des NSDAP-Kreisleiters Sponer am 15. Dezember 1935 zu ihrem raschen Entschluss geführt hatte. Sponer hatte die Arbeiter aufgestachelt und sie zu einem Aufstand gegen den Juden Saulmann angetrieben, damit er diesen in Schutzhaft nehmen könne. Da wussten die Saulmanns, dass sie keine Zukunft im Land haben.

Die Mechanische Baumwollweberei wurde am 11. März 1937 zwangsversteigert und arisiert, ebenso wie der private Landbesitz der Saulmanns. Auch ihre Kunstsammlung wurde geraubt und in Einzelteilen in München versteigert. Den Zuschlag für die Baumwollweberei erhielt Josef Leger, der seit 1927 führender Mitarbeiter in der Weberei war. Das Ehepaar Saulmann erhielt aus dem Erlös keinen Pfennig.

Die Saulmanns wurden 1938 aus dem faschistischen Italien ausgewiesen und gingen nach Nizza. Doch auch dort fanden sie keine Ruhe. Die Deutsche Wehrmacht überfiel Frankreich und besetzte es, die Juden waren auch hier nicht mehr sicher. Ernst und Agathe Saulmann wurden im berüchtigten Lager Gurs interniert. Ernst Saulmann hat sich von den dortigen Strapazen nie mehr erholt und verstarb im April 1946. Agathe Saulmann hat sich ebenfalls von der Verfolgung nicht mehr erholt. 1951 unternahm sie einen Selbstmordversuch und verstarb an dessen Folgen.

Agathe und Ernst Saulmann hatten bereits 1927 ein großes Anwesen, den Erlenhof des Fabrikanten Louis Laiblin in Pfullingen gekauft. Die Fabrikantengattin, Tochter des berühmten Berliner Architekten Alfred Breslauer, hatte ein damals für Frauen ausgefallenes Hobby: Sie besaß einen Pilotenschein und ein eigenes Leichtflugzeug. Und auch sonst passte sie so gar nicht in das biedere Schwaben. Sie trug gerne Hosen, rauchte Pfeife, hatte sich von ihrem ersten Mann scheiden lassen und dann 1926 den 17 Jahre älteren Ernst Saulmann geheiratet.

Agathe Saulmann kehrte nach dem Krieg nach Eningen zurück, um ihr Recht einzufordern und den gestohlenen Besitz zurück zu holen. Im damals größten Wiedergutmachungsprozess in der französischen Besatzungszone klagte sie auf Rückgabe der Mechanischen Baumwollspinnerei. Sie gewann zwar in erster Instanz, willigte dann aber in zweiter Instanz in eine Ausgleichszahlung ein. Wahrscheinlich hatte sie auch keine Kraft mehr, um im immer noch judenfeindlichen Umfeld der Nachkriegszeit ihre Rechte durchzusetzen. Im Juli 1951 erschien im „Eninger Heimatboten“ eine kleine Notiz: „Frau Agathe Saulmann, die zuletzt in Baden-Baden wohnte, beging Mitte vorigen Monats Selbstmord“. Und der Heimatbote lieferte auch gleich die Beweggründe für den Selbstmord: Sie sei wohl manisch-depressiv gewesen.

Kein Wort zum schweren Unrecht, das man dem Ehepaar angetan hatte. Und bis heute erinnert nichts in Eningen an den einst so bedeutenden und sozialen Arbeitgeber. Das Ehepaar Saulmann sollte, so scheint es bis heute, in Vergessenheit geraten. Auf eine angemessene Würdigung ihrer Leistung für die Eninger Bevölkerung wartet man bis heute.

Führung durch die Alte Weberei am Sonntag


Am Sonntag, 8. September, bietet der Schwäbische Albverein Eningen zum Tag des offenen Denkmals einen Rundgang samt Führung mit Hermann Walz in der Alten Weberei an. Treffpunkt 14 Uhr, Parkplatz Edeka. Das Gebäude steht mit dem ehemaligen Kesselhaus und dem Kamin als Kleindenkmal unter Denkmalschutz, ist es aber wert, mit seiner historischen Bausubstanz besucht zu werden.

1956 wurde das Areal vom Möve Werk übernommen, 1982 von der Zell-Schönau AG, die 1992 in Konkurs ging. Seitdem gehört das Areal verschiedenen Eigentümern und wird als Gewerbepark genutzt. Der Gemeinderat hat beschlossen, für das Areal und die umliegenden Gewerbebetriebe ein Sanierungsgebiet zu bilden. Hermann Walz wird eine Einführung geben und dann durch das Umfeld und die ehemaligen Produktionsräume führen.