Göppingen / Arnd Woletz Ein Gmünder Unternehmen investiert drei Millionen Euro, damit in Göppingen wieder  Einäscherungen möglich sind. Novum: Ein Ethikbeirat soll die Pietät garantieren.

Sechs Jahre lang mussten Verstorbene aus Göppingen und Umgebung zur Ein­äscherung  in andere Krematorien gebracht werden – zum Teil in entlegene Gegenden. Dieser im Gemeinderat zuweilen als „Leichentourismus“ kritisierte Vorgang soll bald ein Ende haben: Gestern präsentierten die Investoren des neuen Krematoriums ihre Pläne im Rahmen eines Pressegesprächs. Und sie bekamen öffentlichkeitswirksam die Baugenehmigung für den Neubau ausgehändigt. Er soll auf einem städtischen Grundstück am östlichen Rand des Hauptfriedhofs entstehen und vom Friedhofsgelände zugänglich sein.

Mit dem Krematorium-Bau endet auch ein langer Kampf der Göppinger Bürgervertreter. Seit die altehrwürdige Anlage im Hauptfriedhof aus Sicherheitsgründen zwangsweise stillgelegt worden war, kämpften die Lokalpolitiker dafür, dass die Hohenstaufenstadt wieder eine solche Einrichtung bekommt. Die Stadtverwaltung zögerte mit dem Neubau. Mit dem privaten Betreibermodell fand die Stadt nach langem Tauziehen schließlich eine Lösung. Zum Zug kommt das Unternehmen, das in Schwäbisch Gmünd seit zwei Jahrzehnten ein deutlich größeres Krematorium betreibt. Baubeginn für das drei Millionen Euro teure Gebäude in Göppingen soll im Juni sein. Bereits ein gutes Jahr später könne der Betrieb beginnen, hoffen die Investoren.

Einen „historischen Moment“ nannte Oberbürgermeister Guido Till gestern die Übergabe der Baugenehmigung. „Nach vielen Jahren des Stillstands“, wie Till einräumte. Über den bevorstehenden Baustart freue er sich sehr, vor allem auch deshalb, weil es gelungen sei, einen ethisch einwandfreien Betreiber zu finden, der sich auch auf die Bedingungen der Stadt für einen pietätvollen Betrieb eingelassen habe.

Dazu gehört unter anderem, dass ein Ethikbeirat eingerichtet wird. Ihm sollen Vertreter der Kirchen, des Gemeinderats, der Verwaltung und des Betreibers angehören. Er soll darauf achten, dass ein pietätvoller Umgang mit den Verstorbenen herrscht. Das sei „ein absolutes Novum“, betonte Daniel Preiß, Geschäftsführer der Betreiberfirma. Diese Lösung nannte er „hervorragend, neu und innovativ“. Zu den Kriterien gehört auch die Verwendung eines Etagenofens. Durch diese Technik wird sichergestellt, dass die Asche der nacheinander verbrannten Leichname sich nicht mischt. Auch das war vielen Gemeinderäten wichtig. Außerdem gibt es in Göppingen eine Obergrenze von 2500 Einäscherungen pro Jahr. Etwa zwei Drittel dieser Zahl seien nötig, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu erhalten, sagte Rechtsanwalt Peter Jursch, der für die Betreibergesellschaft sprach.

Subventionen flössen nicht, wie Till betonte. Er appellierte an die Bürger, das Angebot anzunehmen. Sie könnten auf die Bestattungsunternehmen einwirken, ihre Angehörigen in Göppingen einäschern zu lassen. Er hofft außerdem, dass auch die Bestattungsunternehmen mitziehen. Dumpingpreise und Bonuszahlungen an die Bestatter seien jedenfalls „nicht unser Geschäftsmodell“, betonte Jursch.

Neben der zentralen Ofenanlage über zwei Geschosse nimmt in dem Neubau die Filteranlage einen großen Raum ein. Sie stelle sicher, dass die Emmissionswerte weit unterhalb der Grenzwerte liegen. Außerdem sei das Krematorium mindestens 250 Meter von benachbarten Wohnhäusern entfernt, wie Baubürgermeister Helmut Renftle betonte.

Neben Personalräumen und Büros sowie dem Kühlraum für bis zu 38 Särge wird es beim Haupteingang einen Bereich geben, an dem Angehörige das Verbringen des Sarges in den Ofen durch ein Fenster verfolgen können, wie Architekt Christian Preiss erklärte. Das sei nahen Angehörigen oft wichtig, berichtete Daniel Preiß. Insgesamt stehe der pietätvolle Abschied im Vordergrund und „dass die letzte Reise eines Verstorbenen nicht quer durch Deutschland führt“, wie Peter Jursch betonte. Das ist im Sinne Tills: „Es geht eine Zeit zu Ende, in der viele Menschen beruhigt sein können, die besorgt waren, weil sie nicht wussten, wo der Leichnam ihres Angehörigen verbrannt wird.“

Wie geht es weiter am Hauptfriedhof?

Auf die Frage, ob im Hauptfriedhof nun auch die unter Denkmalschutz stehende Aussegnungshalle und die angrenzende Leichenhalle renoviert würden, reagierte OB Till genervt. Das sei vom Krematorium-Bau unabhängig, knurrte Till, und werde so schnell wie möglich erledigt. Im Gemeinderat gibt es bekanntlich heftige Kritik an dem Ansinnen, diese Sanierungsarbeiten erst nach dem Jahr 2023 anzugehen.