„Solche Lücken im Notarztdienstplan hat es noch nie gegeben!“ Der Mediziner, dessen Name nicht genannt werden darf, klingt am Telefon verärgert und besorgt. „Das ist ernst und bedrohlich“, sagt ein Kollege. Im Juli, der am Montag beginnt, sind etliche Dienste im Stadtgebiet Neu-Ulm unbesetzt – nach dem vorliegenden Plan von Mittwoch gibt es etwa keinen Notarzt für die Tagschichten am 1. Juli und 2. Juli, für die Nachtschicht am 4. Juli, die Tagschicht am 6. Juli, für beide Schichten am 7. Juli und so weiter. Grund dafür sei „definitiv kein Streik“, betont ein anderer Notarzt. Es sei ihnen schlicht nicht mehr möglich, diese Dienste zu machen.

Änderung im Gesetz

Hintergrund ist eine Änderung im bayerischen Rettungsdienstgesetz, wonach Notärzte nicht mehr selbst zum Einsatz fahren dürfen. Das war bisher Usus – nicht nur in Neu-Ulm – und wird zum 1. Juli vom Rettungsdienst-Zweckverband Donau-Iller auf ein Chauffeur-Modell umgestellt. Das hat den Vorteil, dass sich der Arzt auf seinen Einsatz vorbereiten kann und vor Ort vom Fahrer – einem Rettungssanitäter – unterstützt werden kann. Es hat den Nachteil, dass die Notärzte nicht mehr von ihrer Praxis oder von daheim starten können. Sie müssen sich während ihres Dienstes auf der neuen Rot-Kreuz-Rettungswache in Neu-Ulm aufhalten.

„Das geht aber nicht, weil ich dann ja meine Praxis schließen müsste“, sagt einer der betroffenen Notärzte. Also könne er nur noch Nachtschichten machen, mit Pausen dazwischen. Er hätte sich eine Übergangslösung gewünscht, viele Kollegen würden doch eh in wenigen Jahren in den Ruhestand gehen.

Ein junger Kollege meint: „Es war naiv zu glauben, dass sich genügend junge Notärzte finden werden, die sich tageweise auf eine Wache setzen. Das passt nicht mehr zu  den Work-Life-Balance-Vorstellungen der jungen Generation.“

Die Verantwortlichen der Kassenärztlichen Vereinigung (KVB), die die Notarztversorgung sicherstellen muss, geben sich optimistisch. Nach einer bayernweiten Ausschreibung konnten „einige Schichten“ besetzt werden, es gebe ein Kontingent an Springern, sagt ein KVB-Vertreter. „Wir tun unser Bestes, um die Lücken zu füllen.“ Das Chauffeur-Modell sei „ein Vorteil für Arzt und Patient“.

Notfalls Kliniken einbinden

Deutlicher wird Jan Terboven, Geschäftsführer des Rettungsdienst-Zweckverbandes: „Die Neu-Ulmer Bevölkerung wird nicht ohne Notarzt sein!“ Und die Ärzte werden auch in der Hilfsfrist von zwölf Minuten beim Patienten sein. Sollte sich keiner der niedergelassenen Ärzte für weitere Dienste melden, so könne die KVB bei den Kliniken anfragen. Zudem würden bei Personalmangel in Neu-Ulm auch die vier Ulmer Notärzte über die Donau fahren – von der Rettungswache am Michelsberg etwa sei es ja nicht weit. „Das ist heute schon tägliche Praxis.“  Und dann gebe es immer noch die Möglichkeit, einen Arzt vom Eselsberg oder vom Klinikum Augsburg mit dem Hubschrauber einzufliegen.

Die bisherigen vier, fünf Neu-Ulmer Notärzte, meint Terboven, versuchten Druck aufzubauen, um das für sie vorteilhafte System zu retten. Dabei hätten die Mediziner im Dezember 2016 in einem vom Neu-Ulmer OB Gerold Noerenberg und von Landrat Thorsten Freudenberger moderierten Gespräch der Umstellung auf Fahrer zugestimmt. „Von daher verwundert das Vorgehen der Notärzte ein wenig.“

Einer der betroffenen Ärzte betont: „Wir wollen arbeiten! Aber der Aufenthaltszwang auf der Wache ist für die meisten nicht hinnehmbar oder machbar!“

Das könnte dich auch interessieren:

Verwaltungsgericht bestätigt Chauffeur-Modell

Klage: Die Umstellung auf einen Fahrservice für Notärzte wie jetzt in Neu-Ulm steht auch in Illertissen bevor. Und einer der Betroffenen befürchtet dort „noch größere Schwierigkeiten“. In der Vöhlinstadt sind sogar acht Ärzte im eigenen Auto unterwegs – auch dort ist das historisch gewachsen und bisher mit Ausnahmeregelungen geduldet. Kürzlich hat ein Notarzt aus Vöhringen versucht, vor dem Verwaltungsgericht eine Genehmigung zu erstreiten, dass er ausnahmsweise ohne Fahrer von Vöhringen aus zu Einsätzen in Illertissen starten darf. Er zog die Klage zurück, nachdem die Kammer klar gemacht hatte, dass die Bestimmungen des Rettungsdienstgesetzes umzusetzen sind.