Was haben Sie gemacht, als Sie nur noch ein halbes Jahr vor Ihrem Schulabschluss standen? Sie haben vermutlich gelernt und versucht, dem Schulstress standzuhalten. Oder Sie waren zu oft feiern, weil Sie die letzten Momente Ihrer Jugend mit Ihren Schulfreunden noch auskosten wollten. Was Sie vermutlich nicht getan haben, war ein Buch zu veröffentlichen. Vier Schüler des Bertha-von-Suttner Gymnasiums Pfuhl/Neu-Ulm jedoch haben genau dies getan. Im Rahmen des W-Seminars Physik „Das reale und virtuelle MINT Klassenzimmer der Zukunft“ haben Marcel Greiner, Kai Anter, Jonas Vatter und Jannes Weghacke zwei Schulbücher verfasst.

Zustande gekommen ist das Ganze hauptsächlich durch das Engagement ihrer Seminarleiterin und Lehrerin Heike Schnaubelt, die am BvSG den Bereich Robotik leitet. Sie begleitet und unterstützt die zugehörigen AGs des Gymnasiums seit vielen Jahren bei Wettbewerben und der Weiterbildung in diesem spannenden, zukunftsorientierten Thema. Dadurch hat sie schon seit einiger Zeit Kontakt mit der Firma Technik-LPE, welche das Schulbuch-Projekt überhaupt erst ermöglicht hat. Das Unternehmen entwickelt und vertreibt Lehr- und Lernmittel für Schulen, Hochschulen und Universitäten rund um das Thema Innovation und Zukunft im naturwissenschaftlich-technischen Bereich.

Moderne Medien im Unterricht

Da das Bertha-von-Suttner-Gymnasium ein Vorreiter der Robotik an deutschen Schulen ist, war eine Zusammenarbeit also nur eine Frage der Zeit. Unter dem neuen Schulleiter Mark Lörz blüht die Schule in Sachen Digitalisierung und Zukunftsorientierung weiter auf. Viele Lehrkräfte arbeiten inzwischen mit einem stiftbedienbaren Laptop, der im Zusammenhang mit dem Beamer eine hochflexible digitale Tafel bildet, deren Inhalte leicht mit den Schülern geteilt werden können. So ziehen moderne Medien Schritt für Schritt weiter in den Unterricht ein.

Auch die Schüler ziehen Vorteile aus der Zukunftsorientierung. Seit November haben alle Fünft -bis Zwölftklässler kostenfrei Zugangsdaten für Office365. Das Abo ermöglicht den Einsatz von Programmen wie OneNote oder Teams, welche vor allem in der Oberstufe große Zustimmung bekommen. Des Weiteren kam 2017 der humanoide Roboter Pepper von SoftBank Robotics an das Gymnasium. Das BvSG ist damit die erste und bisher einzige weiterführende Schule Deutschlands, die eine solche Maschine besitzt.

Die besagten Schulbücher handeln von Peppers kleinem Bruder NAO, ebenfalls ein humanoider Roboter, mit welchem das BvSG seit einigen Jahren arbeitet. Da erst kürzlich das Modell NAO 6 auf dem Markt erschienen ist, war Technik-LPE sehr darum bemüht, den Umgang mit den neuen Technologien zugänglicher für Schulen und Universitäten zu machen.

Weil es hierfür bislang noch überhaupt keine Schulbücher gab, arbeiteten die vier Schüler der Q12 an gleich zwei Lehrbüchern. „Learn it NAO 6“ erläutert Basiswissen und dient somit dem allgemeinen Verständnis dieses Roboters und des Umgangs mit ihm. Das zweite Buch, „Do it NAO 6“, enthält 20 kreative Projektideen, die mit NAO umgesetzt werden können. Das Autorenteam verarbeitete darin das gesammelte Wissen, welches die Robotik AGs der letzten Jahre erarbeitet und zusammengetragen haben.

Zwar wurden sie von der Seminarleiterin Frau Schnaubelt und ihrem Informatiklehrer Herrn Schuster unterstützt, haben aber sehr viel Eigenleistung und Einsatz gezeigt. Neben dem alltäglichen Schul- und Freizeitstress hat jeder von ihnen etwa 200 Stunden Arbeit in das Projekt investiert und bis zu 60 Seiten geschrieben. Im Vergleich dazu mussten ihre Mitschüler nur 15 Seiten für ihre Seminararbeit verfassen.

Die Jungs bereuen es allerdings nicht. „Wir sind schon stolz. Im Endeffekt haben wir uns selbst übertroffen. Es war wirklich stressig und anstrengend, aber dafür stehen unsere Namen nun in Schulbüchern, die vermutlich die nächsten zehn Jahre in ganz Deutschland verwendet werden. Irgendwie cool.“

Auch für die Technik-LPE war die Zusammenarbeit mit Schülern etwas Neues. Zwar hat sich die Firma schon öfters externe Hilfe geholt, um Bücher über ihre Produkte verfassen zu lassen, dabei handelte es sich bisher allerdings um Lehrer oder Professoren. In einem Gespräch verriet die Vertriebschefin Christiane Schulz, dass sie anfangs durchaus besorgt war. Sie war sich nicht sicher, ob die Zwölftklässler die passende Struktur aufbauen könnten, vor allem in der vorgegebenen Zeit. Diese Furcht hat sich jedoch als überflüssig erwiesen: „Wir sind wirklich begeistert! Die Kommunikation hat reibungslos funktioniert und das Endergebnis konnten wir direkt in den Druck geben. Wir mussten nichts mehr selbst ändern oder hinzufügen, es hat einfach alles gestimmt.“ Eine derartige Kooperation wird das Unternehmen deshalb in Zukunft wiederholen.

Eine Entlohnung für ihre Arbeit gibt es für die Schüler natürlich auch. Neben einer Beilage für zukünftige Bewerbungen wurde den Jungs noch ein Wunsch freigestellt, dessen Kosten dann von Technik-LPE übernommen werden, beispielsweise ein Kurztrip nach dem Abi.

Viel Einsatz verlangt die Digitalisierung auch den Lehrkräften ab, etwa die Einarbeitung in die Software Office 365. Daher fanden Workshops an der Schule statt, die vom Medienentwicklungsteam des Kollegiums organisiert wurden. Die drei Referenten Michael Jeschke, Felix Müller und Kurt Söser führten in die Programme OneNote und Teams ein und zeigten den Lehrkräften, welche Einsatzmöglichkeiten es im Unterricht und darüber hinaus auch in der Zusammenarbeit untereinander und mit den Schülern gibt.

Angemessen kommunizieren

Der Impulsvortrag von Kurt Söser zeigte auf, wie rasant sich die digitale Lebenswelt der Schüler heute verändert, und machte den Lehrkräften Mut, sich konstruktiv auf die neuen Medien einzulassen. Denn obwohl die Jugendlichen mit den Fingern auf dem Smartphone schneller unterwegs sind als Eltern und Lehrpersonen, müssen sie dennoch lernen, angemessen miteinander über die digitalen Medien zu kommunizieren und diese auch produktiv und gewinnbringend im Lernprozess oder später in der Arbeitswelt einzusetzen.

Das Bertha-von-Suttner-Gymnasium möchte in dieser Hinsicht vorangehen und erproben, welche neuen Unterrichtsmethoden und Technologien der Förderung der Schüler dienen und wie Lernen zukunftsgerecht gestaltet werden kann.

Parallel zu den Workshops über die neue Unterrichtssoftware beschäftigten sich einige Lehrkräfte mit dem Thema „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Dies gehört zu einem der Schwerpunkte der Unesco-Projektschule in Pfuhl und soll nach dem Wunsch von Schulleitung, Lehrkräften und Schülern aus gegebenem Anlass genauso das Schulprofil bestimmen wie die Umwälzungen durch die Digitalisierung. Daher durchleuchtet die Schule Aktivitäten wie etwa ihren Weihnachtsbasar auf ihre Nachhaltigkeit und bietet in der Oberstufe in Zukunft außerdem Seminare an, die sich mit entsprechenden Fragen auseinandersetzen sollen.