Debatte Nahverkehr in Neu-Ulm: Lieber Seilbahn statt Tram?

So sieht die Seilbahn in Koblenz aus, die zur Bundesgartenschau 2011 gebaut worden ist.
So sieht die Seilbahn in Koblenz aus, die zur Bundesgartenschau 2011 gebaut worden ist. © Foto: BUGA Koblenz 2011 GmbH
Neu-Ulm / Edwin Ruschitzka 19.11.2018
Der Neu-Ulmer OB Gerold Noerenberg ist immer noch kein Befürworter einer Straßenbahnlinie nach Ludwigsfeld. Er bringt eine Gondel ins Spiel.

Es war ein Begräbnis erster Klasse, damals im Dezember 2012. In Neu-Ulm tobte seinerzeit schon der Vorwahlkampf für die Kommunalwahl im März 2014. Zu Grabe getragen wurde förmlich der Straßenbahnbau in Neu-Ulm. Nicht finanzierbar, hieß es. Dem stimmten auch die glühenden Befürworter einer Tramlinie in Neu-Ulm zu, wie die Fraktionen der SPD und der Grünen. Aber es gab Schuldzuweisungen: Die Verwaltung, allen voran der CSU-OB Gerold Noerenberg, hätten das Projekt zu lange verzögert. Wogegen sich die Beschuldigten vehement zur Wehr setzten.

Keine Mittel für Bau

Auch jetzt, sechs Jahre später, weist der 2014 knapp wiedergewählte OB die Verantwortung fürs Scheitern einer Straßenbahnlinie in Neu-Ulm weit von sich. Von den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm waren damals zwei Streckenführungen nach Ludwigsfeld untersucht worden. Die erste wäre an der Kosten-Nutzen-Grenze einer standardisierten Bewertung gescheitert, weshalb es keine Mittel aus dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz gegeben hätte. Bei der zweiten, modifizierten Strecke über die Memminger und Breslauer Straße sei zwar in Aussicht gestellt worden, dass man die Grenze überschreiten könne. Für die Umsetzung, so hieß es, fehle aber die Zeit. Denn: Bis 2019 hätte die Strecke gebaut und auch abgerechnet sein müssen. Diese Frist wurde später nach hinten aufs Jahr 2025 verschoben. Dass das Jahr 2019 unmöglich einzuhalten sei, sahen vor sechs Jahren auch die Straßenbahn-Fans unter den Stadträten ein. Es sei denn, Neu-Ulm hätte die 70 Millionen Euro für die Linie nach Ludwigsfeld selbst getragen.

„Macht zurzeit keinen Sinn“

Noerenberg ist auch heute noch kritisch, wenn er nach den Chancen einer Straßenbahnlinie auf Neu-Ulmer Stadtgebiet befragt wird. Selbst wenn man erneut einen Anlauf nehmen und die Vorgaben überschreiten würde, hätte man erst in vielen Jahren die Chance auf einen Bewilligungsbescheid – wenn überhaupt. Zurzeit, so Noerenberg, mache es keinen Sinn, das Projekt anzugehen, denn auch die Mittel seien inzwischen ausgeschöpft.

Viel lieber spricht er von zukünftigen Verkehrssystemen. Noerenberg stellt sich dabei die Frage, wie der öffentliche Personennahverkehr in 10, 20 oder 30 Jahren aussehen werde. „Da wird der öffentliche Personennahverkehr zum Kunden kommen müssen und nicht umgekehrt.“ Noerenberg denkt dabei an Bestell-Taxis mit autonomen Steuerungssystemen, ja sogar an Flugtaxis. Der eigene Pkw werde insgesamt so teuer, dass ihn sich kaum mehr einer leisten könne.

Auch wenn sich Neu-Ulm im Süden mit neuen Wohn- und Gewerbegebieten an der Memminger Straße stark entwickelt, werde eine Straßenbahnlinie bis nach Ludwigsfeld und vielleicht weiter nach Wiblingen nur schwer finanzierbar sein, weil man dann auch den Autobahnzubringer B 28 und den Illerkanal überwinden müsse. Noerenberg: „Das ist doch nicht bezahlbar!“ Für die Firma Continental, die von Ulm nach Neu-Ulm an die Filchnerstraße umziehen wird, so Noerenberg, seien Radwege sehr viel wichtiger gewesen. Und: Auch das neue Wohngebiet „Illerpark“ sei von Bedeutung gewesen, weil dort viele Continental-Mitarbeiter wohnen könnten.

Gerade auf der Südachse müsse man über andere Systeme nachdenken, nicht über die Straßenbahn. Noerenberg bringt dabei eine alte und oft belächelte Idee ins Spiel, eine Seilbahn. Diese könne man vom Ulmer Hauptbahnhof zum Neu-Ulmer Bahnhof und weiter nach Ludwigsfeld und Wiblingen führen. Dies wäre technisch sicher möglich, auch in 10 bis 15 Metern Höhe über der Eisenbahnstrecke.

Die Seilbahn war vor mehr als 20 Jahren von den Freien Wählern und deren OB-Kandidat Kurt Paleczek sowie bei der letzten OB-Wahl 2014 vom PRO-Kandidaten Stephan Salzmann angesprochen worden. Darüber könne man heute wieder sprechen, sagt Noerenberg, der eine Seilbahn im Vergleich zur Straßenbahn für viel kostengünstiger hält. Die Investitionen könnten wesentlich geringer sein, auch die Personalkosten.

Das Ganze müsse man sich näher anschauen und untersuchen. „Damals habe ich auch geschmunzelt“, sagt Noerenberg. Aber nach der Bundesgartenschau 2011 in Koblenz, wo eine Seilbahn-Verbindung als Besucher-Attraktion gebaut wurde, sieht der Neu-Ulmer OB das offenbar anders.

Schon mit Czisch gesprochen

In einem privaten Gespräch mit dem Ulmer OB-Kollegen Gunter Czisch habe er die Seilbahn bereits thematisiert, ihm dabei erklärt, dass man darüber  nachdenken müsse, vielleicht in einer vergleichenden Machbarkeitsstudie Seilbahn contra Straßenbahn: „Mal schauen, was dabei rauskommt.“ Sein Fazit: „Die Straßenbahn ist für mich jedenfalls nicht das allein selig machende Fortbewegungsmittel.“

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Was die Fraktionen zur Straßenbahn in Neu-Ulm sagen

Reaktionen An der Einstellung zur Straßenbahn in Neu-Ulm hat sich in den vergangenen sechs Jahren nur wenig geändert. Das ergibt eine Umfrage bei den Fraktionen.

CSU Ob der Busverkehr alleine die gestiegenen Mobilitätsanforderungen der wachsenden Stadt erfüllen kann, müsse kritisch geprüft werden. Deshalb könne man die Straßenbahn nicht gänzlich aus den Überlegungen streichen, schreibt Johannes Stingl, der aber die Finanzierung hinterfragt. Ein Bahnhalt in Gerlenhofen könne Auslöser zu weiteren Überlegungen bei schienengebundenen Verkehren in Neu-Ulm werden.

SPD Antje Esser ist der Ansicht, dass der schienengebundene Nahverkehr der beste Weg ist, Menschen zu transportieren. „Die SPD Stadtratsfraktion ist also ein Befürworter und Unterstützer der Straßenbahn.“ Andere Alternativen wie Hochseilbahnen oder E-Busse seien keine sinnvolle Lösung.

Grüne Auch für Mechthild Destruelle ist die Straßenbahn weiter „ein Verkehrsmittel, das in Betracht kommt“. Eine Vision wäre eine Linie nach Ludwigsfeld und über Pfuhl nach Burlafingen.

FWG Eine Straßenbahn auch in Neu-Ulm findet Christina Richtmann hervorragend, gerade angesichts des wachsenden Verkehrsaufkommens in der Stadt. Eine Streckenführung nach Ludwigsfeld und Pfuhl sei dabei genauer zu untersuchen.

FDP Die Straßenbahn müsse wieder auf die Tagesordnung kommen und mit dem Bus verglichen werden, schreibt Alfred Schömig. Das werde die FDP beantragen.

PRO Die Straßenbahn ist für Stephan Salzmann „kein Innovationsknüller“. E-Busse seien eine bessere Alternative. Die Straßenbahn verschandle mit Masten und Drahtnetzen die Landschaft. „Innovativer und mit zahlreichen Vorteilen verbunden sind urbane Seilbahn-Systeme.“

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