Aus ganz Deutschland und sogar aus der Schweiz waren sie am Dienstagnachmittag gekommen, Tiefbaufachleute aus Ämtern, Bauunternehmer und Planer, 80 an der Zahl, um sich auf Deutschlands erster Modellbaustelle für BIM im Tiefbau zu informieren, wobei BIM (Building Information Modeling) für modellbasiertes Bauen steht. Eingeladen hatte die Hayinger Firma MTS Schrode, die seit vielen Jahren für innovative Ideen und Lösungen im Tiefbaubereich steht.

30 Millionen Umsatz

Firmenchef Rainer Schrode stellte in der MTS-Akademie zunächst sein Unternehmen vor, das vergangenes Jahr einen Umsatz von 30 Millionen Euro erzielt hat und 180 Mitarbeiter beschäftigt. Schrode betonte, dass man jedes Jahr sehr viel in Forschung und Entwicklung stecke, sprach von zehn Prozent des Umsatzes, um Bauprozesse nachhaltig verändern und verbessern zu können. Die Zukunft liege dabei in der Digitalisierung: „Das ist eine Riesenchance für uns alle“, sagte Schrode. Mit BIM, dem digitalen Bauen also, könne Prozess- und Kostensicherheit erreicht werden.

Die Sanierung der Ortsdurchfahrt im Ehinger Stadtteil Erbstetten sei ein Pilotprojekt, mit dem man wertvolle Erfahrungen mit der Digitalisierung im Tiefbaubereich sammeln wolle und werde. Es handle sich dabei um eine Maßnahme mit einem Auftragsvolumen von zwei Millionen Euro, mit der die gesamte Ortsdurchfahrt des 200-Seelen-Dorfes erneuert wird: „Für uns geht es darum zu sehen, was funktioniert und wo es noch Stolpersteine gibt“, so Schrode, der einlud, „eine der innovativsten Baustellen Deutschlands“ zu besichtigen.

Drei Jahre gesucht

Nach über dreijähriger Suche – diese scheiterte trotz Kosten- und Terminvorteil immer wieder an dem Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung. Man würde Bieter ausschließen, die nicht in der Lage waren, so eine Ausschreibung und Ausführung umzusetzen – hatte Schrode dann Anfang diesen Jahres  alles beisammen, was er brauchte: Eine Baustelle mit genügend komplexen Anforderungen, um BIM auch auf Herz und Nieren zu prüfen – bei der Sanierung sollen nämlich alle Kanäle und Straßen im Bestand komplett erneuert werden. Im Rücken sein eigenes Tiefbauunternehmen, das alle technischen und fachlichen Voraussetzungen für die 3D-Bauausführung erfüllt.  Dazu ein Planungsbüro, das motiviert und in der Lage war, im Vorfeld eine akribische 3D-Planung umzusetzen. Und eine Stadt, die den Vorteil der Prozess- und Kostensicherheit sofort für sich erkannte.

Keine Konfrontation

Das Modellprojekt: Die Sanierung einer Ortsdurchfahrt im Erbstetten. „Ein komplexes Bauvorhaben, bei dem es gilt, mitten im Bestand sämtliche Kanäle und Straßen zu erneuern“, so Schrode. „Nur unter solchen Realbedingungen lässt sich ernsthaft prüfen, ob und wie sich BIM im Tiefbau in der Praxis wirklich umsetzen lässt und welche Hürden einem auf dem Weg dorthin begegnen“. Und genau diesen Fragen muss sich die Bauwirtschaft laut Schrode stellen, wenn sie das Thema BIM von der Möglichkeit zur gelebten Praxis führen will.

In dem von ihm gewählten Setting konnte sich das klassischerweise auf Konfrontation ausgerichtete Zusammenspiel der am Bauprozess beteiligten Parteien zu einer sehr partnerschaftlichen Zusammenarbeit wandeln, die trotz aller Beschwerlichkeiten in der Startphase bis heute für eine große Zufriedenheit auf allen Seiten sorgt. Der erste Bauabschnitt ist mittlerweile abgeschlossen und der zweite bereits in Angriff genommen.

Rainer Schrodes Zwischenresümee: „Im Prinzip probieren wir auf dieser Baustelle gemeinsam mit den anderen am Bauprozess Beteiligten einfach das aus, worüber andernorts in Expertenkreisen meist sehr abgehoben von der Praxis abgehoben debattiert wird. Denn es ist höchste Zeit, die virtuellen Denkgebäude auf ihre Umsetzbarkeit zu prüfen und auch der Politik gegenüber aufzuzeigen, wo es noch klemmt.“

Vorgaben korrigieren

So sollte aus Schrodes Sicht die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure dringend an BIM angepasst werden, da hier aktuell noch keinerlei Honorierung des deutlich erhöhten Planungsaufwands von modellbasierten Bauen vorgesehen ist. „Dabei entsteht der Aufwand nicht neu, sondern wird einfach in die Planung vorverlegt.“ Auch müsse die Gemeindeprüfungsanstalt ihre Vorgaben dringend korrigieren, da sie ein digitales Aufmaß auch im Rahmen von BIM-Projekten Stand jetzt noch auf ein Jahrzehnt hin nur bedingt akzeptiert.

Vor Ort gab es insgesamt sechs Stationen, die von den in sechs Gruppen eingeteilten Tiefbaufachleuten unter die Lupe genommen worden, wobei es um Themen wie die 3D-Planung und -ausführung, die Dokumentation, digitales Abstecken oder das Gerätemanagement ging. MTS-Experten erläuterten die einzelnen Tiefbauaspekte, beantworteten zahlreiche Fragen.

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Digitales Bauen: Building Information Modeling


Ausgeschrieben steht das Kürzel BIM für „Building Information Modeling“, was sich am einfachsten mit „modellbasiertem Bauen“ übersetzen lässt. In der Umsetzung bedeutet das: Das zu erstellende Bauwerk wird erst digital in 3D (dreidimensional, sprich in Lage und Höhe) geplant und virtuell im Maßstab 1:1 errichtet und erst dann real.  Der Vorteil: Gebaut wird nicht nach einer vage definierten Vorstellung des Bauherren, sondern nach einem gemeinsam entwickelten und getesteten Modell, auf das alle gleichermaßen Zugriff haben.

So ergibt sich schon bei der Planung eine Kollisionsprüfung und Fehler können bereits vor dem Bau korrigiert werden. Darüber hinaus umfasst BIM den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks. Sprich: Bauunternehmer und Planer liefern dem Bauherren nicht mehr nur ein Bauwerk, sondern auch sämtliche Informationen, die für Bewirtschaftung und/oder Rückbau desselben notwendig sind. Damit bringt BIM auf der einen Seite zwar einen zusätzlichen Aufwand für die Planung mit sich, im Rückkehrschluss aber auch Prozess- und Kostensicherheit für die Bauherren. swp