Münsingen / Von Joachim Lenk  Uhr

Im Jahr 1907 war Baubeginn für das prächtige Kommandantenhaus. Das Grundstück liegt außerhalb des vor mehr als einem Jahrzehnt ins Leben gerufene Barackenlager. Das Gebäude ist für den jeweiligen Kommandanten des deutschen Militärcamps reserviert.

Historismus und Jugendstil

Architektonisch ist der dreistöckige Prachtbau im Übergang zwischen dem malerischen Historismus und dem Jugendstil angesiedelt. Karl Friedrich Wächter, Architekt beim Militärbauamt in Ulm, hat das opulente Gebäude aus hellem Muschelkalksandstein mit seinem rechteckigen Grundriss geplant.

Zwei runde Erkertürme mit spitzem Kugeldach flankieren das mittelalterlich, mit Treppengiebeln abschließende Zwerchhaus der westlichen Hauptfassade. Ein viereckiger Treppenturm dominiert die Ansicht mit seinem malerisch einschwingenden Pyramidendach.

Die großen Fenster im Erdgeschoss sind spitzbogig und gotisch gestaltet. Alles zusammen sind Elemente aus der Geschichte, die dem Kommandantenhaus ein ehrwürdiges Aussehen geben. Es erinnert an eine Burg beziehungsweise an ein Schloss.

Deshalb nennt die Bevölkerung das repräsentative Gebäude liebevoll Schlössle. Generalmajor Max Freiherr von Hügel, der zweite Kommandant im Alten Lager, ist 1909 der erste Offizier, der dort mit seiner Familie einzieht. Der abgelegene Standort außerhalb der Soldatensiedlung, die über einen direkten Fußweg erreichbar ist, verheißt eine gewisse Privatsphäre.

Was das Kommandantenhaus von außen verspricht, hält es im Innern. Der Kommandant hat schließlich gesellschaftliche Verpflichtungen. Deshalb auch die herrschaftliche Ausstattung. Das Gebäude verfügt, wie in Villen des Großbürgertums üblich, über eine große Eingangshalle.

Der Treppenaufgang hat Stuck­elemente an der Decke und ist hell beleuchtet durch ein großes Fenster mit St. Georg-Verzierung und dem Hinweis „Anno Domini 1908“. Das Geländer ist aus gelbem Granit. Im oberen Stockwerk sind die Arbeits- und Schlafräume sowie die Kinderzimmer. Der Küchentrakt im Erdgeschoss ist vornehm von den Wohnräumen, dem Salon und dem Esszimmer abgetrennt.

Zwei Eingänge

Es gibt zwei Eingänge: Vorne für den Hausherren mit aufwendig gefertigten schmiedeeisernen Beschlägen an der Türe, zu der eine Freitreppe führt. Hinter dem Gebäude ist der Eingang für das Personal. Der weitläufige Park, der an die Hauptstraße grenzt, bietet genügend Abstand zu den Nachbarn.

Mit Inkrafttreten des Gutbezirkes im Oktober 1942, zu dem der Truppenübungsplatz, das Alte Lager und Teile des Vorlagers in Auingen gehören, heißt die Kommandantenvilla von nun an „Schloss im Heeresgutsbezirk“.

Am 16. Juli 1944 kommt Benito Mussolini ins Alte Lager, um seine knapp 20 000 Mann zählende Division, die auf der Schwäbische Alb aufgestellt wurde, zu inspizieren. Nach dem Abschreiten der Front und dem anschließenden Empfang im Offizierskasino fragt der Duce nach einem Ort, an dem er sich für ein Weilchen ungestört zurückziehen könne. Kommandant Generalmajor Eberhard Rösler bietet daraufhin dem hohen Gast sein privates Arbeitszimmer im Schloss an, das Mussolini als kurzzeitigen Rückzugsort dankend annimmt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt die Besatzungsmacht Frankreich das Gebäude und stellt es dem jeweiligen Kommandanten des Alten Lagers zur Verfügung. Von nun an weht am Schloss die Trikolore im Wind. Während Commandant Comté Lambert de Bousjan von 1952 bis 1957 dort wohnt, der ein begeisterter Pferdefreund ist, finden im parkähnlichen Garten Reitturniere statt, an denen unter anderen Günzel Graf von der Schulenburg teilnimmt.

Commandant de Bousjan und seine Frau Betty haben sieben Kinder. Es ist üblich, dass die Jungs und Mädchen ihre Eltern mit Sie anreden. Für das Wohl der Großfamilie sorgen ein Hausmeister, eine Waschfrau, ein Kindermädchen, eine Putzfrau sowie eine Köchin. Letztere ist die 17-jährige Gerda Claß (heute Gerda Wittich), die, wie die anderen Angestellten, unter dem Dach ihre Stube hat. Der 17. und letzte französische Kommandant, der im Schloss logiert, ist Colonel André Lanotte.

Nach dem Abzug der Streitkräfte Mitte 1992 übernimmt die Bundesvermögensverwaltung das Gebäude in der Königstraße 10. Die Bundeswehr hat kein Interesse an dem stattlichen Haus. Die Idee, es dem jeweiligen Bürgermeister der Stadt Münsingen als Dienstwohnung oder dem Bundesforstamt als Büroräume zu überlassen, wird bald wieder verworfen. Ebenso der Vorschlag, dort ein Militärmuseum einzurichten. Vorübergehend wird das inzwischen zum Kulturdenkmal auserkorene Haus zweieinhalb Jahre lang an das Münsinger Finanzamt vermietet, deren Räume in der Stadtmitte renoviert werden.

Viele Beschwerden

Schon bald beschweren sich Anwohner, dass das Staatliche Liegenschaftsamt das parkähnliche Anwesen immer mehr verkommen lasse. Die Wiesen würden nicht gemäht und der Holzzaun um das Gelände sei morsch und marode. Früher hatten sich drei zivile Bedienstete des „Service General“ um das Gebäude und die Außenanlagen gekümmert.

Die Immobilienfirma Anugraha kauft 1997 von der Bundesvermögensverwaltung das rund 670 Quadratmeter große „Schloss im Gutsbezirk“, lässt es sanieren und zieht dort ein. Außerdem vermietet sie Räume an den Holzhaushersteller Rolf Dan-Projekt und an die Stauffer Auktionen OHG.

Mitte November 2001 ist das Gebäude, das seit 1. Januar des Vorjahres nicht mehr zum Gutsbezirk, sondern zur Gemarkung Münsingen gehört, in aller Munde. Einbrecher hatten 13 antike Langwaffen, eine Ritterrüstung, antike Uniformen, Orden und Militaria-Spielzeug mit einem Wert von 100 000 D-Mark (50 000 Euro) bei einem Einbruch mitgehen lassen. Das Auktionshaus setzt eine Belohnung von 10 000 D-Mark (5000 Euro) aus, für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen. Zwei Wochen später sitzen die drei Täter hinter Schloss und Riegel.

2008 übernimmt ein privater Investor das Areal, der dem Gebäude den Namen „Schloss Albgut“ gibt. Den Rittersaal unterm Dach gestaltet er zu einem Trauzimmer um. Dort können sich Hochzeitspaare das Ja-Wort vor dem Münsinger Standesbeamten geben.

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