Keramikscherben und Metallstücke häufen sich in einer Holzkiste, die in der Sonne auf der Baustelle in der Nachbarschaft zum Charlottenhof in Gomadingen steht: Dort wird einer der neuen Masten für die Stromleitung, die von Rommelsbach nach Herbertingen führt, errichtet. Die Firma Amprion investiert insgesamt 85 Millionen Euro in die 61 Kilometer lange Strecke. Künftig stehen zwei 380-Kilovolt-Stromkreise zur Verfügung. Derzeit allerdings ruhen nach einer Anordnung des Landesdenkmalamtes die Bauarbeiten. Denn das Fundament für den hier auf der Alb geplanten Masten soll nicht auf unberührtem Terrain errichtet werden: Etwa 90 bis 100 nach Christus haben die Römer hier unter der Herrschaft von Kaiser Trajan als Teil des Alb-Limes ein Kastell errichtet. „Dieses war mit Abmessungen von 160 mal 190 Meter Länge ein stattliches Bauwerk“, berichtet Klaus Besch, der zusammen mit seinem Bruder Heinz seit vielen Jahrzehnten den Zeugnissen der römischen Geschichte in Gomadingen sachkundig und akribisch auf der Spur ist. Ihre zahlreichen Funde haben die Brüder in einem eigenen kleinen Museum dokumentiert. Rund um das Kastell zog sich ein Wehrgraben, der in eine Holzpalisade überging, die wiederum auf der Innenseite mit einem Erdwall geschützt wurde. Die Entdeckung des Kastells, das nach Ansicht der Experten von rund 400 Soldaten einschließlich Reitern belegt wurde, gelang den Brüdern Besch durch Luftbildaufnahmen in den 70er Jahren. Dort wo im Boden die Reste der aus Stein gemauerten Häuser stehen, wächst das Getreide nicht ganz so hoch. „Wenn das Sonnenlicht passt, lassen sich diese Strukturen gut von oben erkennen“, erläutert Klaus Besch das Verfahren.

„Vor rund zehn Jahren erfolgte dann eine geomagnetische Untersuchung“, erläutert Dr. Marc Heise vom Referat für operative Archäologie an der Tübinger Außenstelle des Landesdenkmalamtes. Die Ergebnisse der Luftbilder wurden bestätigt. Direkt im Umfeld des Kastells entstand eine größere römische Zivilsiedlung in der Militärangehörige, Händler, Handwerker und Dienstleister lebten. Im Unterschied zum Kastell, das nur rund zwei Jahrzehnte lang militärisch genutzt und dann mit dem Ausbau des Neckarlimes bedeutungslos wurde, bestand die Siedlung noch bis etwa 290 nach Christus, wie Münzfunde belegen.

„Es war also klar, dass Reste der römischen Besiedelung auf der Baustelle zu Tage gefördert werden“, betonte Klaus Besch gegenüber unserer Zeitung. Im Dezember 2016 wurde bereits eine eineinhalbtägige Prospektion des geplanten Maststandorts vorgenommen. Die Änderung der Planungen aufgrund des benötigten größeren Fundaments führte allerdings dazu, dass jetzt eine zusätzliche Fläche von den Archäologen untersucht wird.

Das Terrain des ehemaligen Kastells wird heute durch die Landesstraße 230 zerschnitten. Errichtet wurde es auf einer leichten Anhöhe am Nordrand des heutigen Gomadingen. Hier treffen die Täler der Großen Lauter, der Gächinger Lauter und des Schörzbaches aufeinander. Der Alblimes war als Straße angelegt, die von den im regelmäßigen Abstand errichteten Kastellen gesichert wurde. Von Gomadingen aus waren dies Burladingen im Westen und Donnstetten im Osten. Am Kastell vorbei führte eine Verbindungsstrecke zwischen Neckar und Donau.

Wie lange die Bauarbeiten unterbrochen sind, lässt sich Heise zufolge nicht genau sagen. Gefunden wurden die Reste eines römischen Erdkellers von drei mal drei Metern Umfang, Gruben und Steinmauern. „Wir wollen die Fundstücke rausholen, die ansonsten zerstört würden“, so Heise, „der Rest bleibt im Boden und wird mittels einer Geotextilfolie abgedeckt. Das vorrangige Ziel besteht in einer genauen Erfassung und Dokumentation der im Erdreich vorhandenen Hinweise. „Wir dokumentieren, beschreiben, fotografieren und vermessen mit Hilfe von GPS das Areal präzise“, erläutert Heise. Auf diese Weise können Ausmaß und die Einzelheiten sowohl des Kastells wie auch der dazugehörigen Siedlung rekonstruiert werden. Unter den Fundstücken gibt es im Regelfall keine wertvollen Gegenstände. Heise: „Wir untersuchen zum Beispiel die Gruben, da haben die Bewohner ja ihren Abfall entsorgt“. Wertvoll für die Archäologen sind diese trotzdem, denn „genau daraus lassen sich Rückschlüsse über die damaligen Alltagsgewohnheiten ziehen“, fügt Heinz Besch hinzu.