Es ist ein Notstand, der seit langem prophezeit wurde und nun Realität ist: Es gibt viel zu wenig Hebammen, die schwangere Frauen betreuen und ihnen gegebenenfalls für eine Hausgeburt zur Verfügung stehen. Die Situation in der Region wurde obendrein durch den Wegfall der belegärztlichen Geburtshilfe an der Albklinik Münsingen im Mai vergangenen Jahres verschärft. Die Bemühungen, an der Albklinik eine Hauptabteilung für Geburtshilfe einzurichten sind ebenfalls gescheitert und wurden ad acta gelegt. Zu diesem Zeitpunkt kommt der Schritt von Saskia de Koning also fast schon einem kleinen Wunder gleich. Die ausgebildete und selbstständig arbeitende Hebamme, die seit 2002 in einer Praxisgemeinschaft in Sonnenbühl gearbeitet hat und nach zehn Jahren in eine Gemeinschaftspraxis nach Eningen wechselte hat jetzt in Engstingen eine eigene Praxis eröffnet. „Ich habe mich dazu entschieden, wieder auf die Alb zurückzukehren und habe in Engstingen überraschend schnell sehr gut geeignete Räume gefunden“, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Praxis in der Kirchstraße 2 direkt neben dem Rathaus verfügt über vier Räume und eine Fläche von 84 Quadratmetern. Platz genug also für ein kleinen „Familienzentrum“, wie es ihr vorschwebt. Sie bietet nicht nur die Begleitung von Frauen in der Schwangerschaft und Hausgeburten an, sondern auch Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse sowie Kurse für Mutter und Kind an, sondern beispielsweise auch Babymassage. „Ich bin auf der Suche nach Kooperationspartnern, um Yoga, Gymnastik oder Lefino-Kurse anbieten zu können“. Damit will sie Frauen, die in eine ganz neue Lebensphase gekommen sind, ermöglichen sich mit anderen zu treffen und sich auszutauschen. „Es wäre schön, wenn die Räume so gut wie möglich genutzt werden“.

Sie hofft obendrein auf Verstärkung. Ende des Jahres könnte, wenn alles klappt, eine Kollegin von ihr aus Reutlingen dazustoßen und ab April kommenden Jahres will Silke Israel aus Hohenstein nach dem Abschluss ihrer Ausbildung ebenfalls in die Praxis einsteigen. „Es ist viel schöner in einem Team zusammen zu arbeiten“, betont sie.

Und Arbeit gibt es genügend. „Wir haben einen Hebammennotstand“, bestätigt sie. Der Landesverband der Hebammen habe seit zehn Jahren vor dieser Entwicklung gewarnt – allerdings ohne Folgen. Wie sieht des in der Realität aus? „Ich bekomme Anrufe von Frauen, die 110 Kilometer entfernt wohnen“, berichtet sie. Sie selbst hat sich ein Limit von 60 Kilometern gesetzt. Und: Frauen, die ihre Schwangerschaft feststellen, sollten sich als erstes um eine Hebamme kümmern empfiehlt sie. Sie selbst kann aus Kapazitätsgründen nur noch Frauen annehmen, die erst im September entbinden.

Der Notstand hat sich bereits seit langem angekündigt. Sie bezahlt 8000 Euro an Haftpflichtversicherung, um Hausgeburten anbieten zu können. Insgesamt 18 Kindern hat sie im vergangenen Jahr dabei geholfen, auf diese Weise zur Welt zu kommen. „Allein zur Finanzierung der Versicherung benötige ich zehn Hausgeburten“. Hebammen können allerdings unter bestimmten Bedingungen einen Sicherstellungszuschlag beantragen und damit rund zwei Drittel der Haftpflichtprämie erstattet bekommen. Doch um den Verdienst ist es schlecht bestellt. Für de Koning ist das neben der hohen Versicherungsprämie ein weiterer Grund für die geringe Zahl an Hebammen. „Die Leistungen werden schlecht bezahlt, sind aber natürlich von den Kassen so ausgehandelt, wir können also nicht mehr Geld verlangen“. Das gelte allerdings auch für andere Berufe im sozialen Bereich, wie etwa bei Erzieherinnen oder Pflegekräften.

Dazu komme die enorme Arbeitsbelastung. Das führt dazu, dass nach einer Statistik des Hebammenverbands neu ausgebildete Hebammen im Schnitt schon nach vier Jahren das Handtuch werfen und sich nach einem anderen Beruf umsehen. Zudem fehlt es an Auszubildenden, weil der Beruf auch mit einem negativen Image kämpft, da die Diskussion um hohe Versicherungsprämien und die große Arbeitsbelastung viele junge Leute abschreckt. Ihr Fazit: „Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern“. Für sie kommt eine andere Arbeit nicht in Frage. „Mein Beruf ist mir eine Herzensangelegenheit“, betont sie, „ich will das Selbstbewusstsein der Frauen stärken und ihnen dabei helfen, zu einer Natürlichkeit zurückzufinden“. Schließlich seien Schwangerschaft und Geburt keine Krankheiten. Frauen sollten Vertrauen in ihren Körper haben und ihm Gehör schenken. Rund zehn Frauen hat sie im vergangenen Jahr pro Monat in der Schwangerschaft begleitet. „Ich mache mehr als ich eigentlich tun will“, räumt sie ein, „und die Qualität ist letztlich wichtiger als Quantität“.

Die Begleitung umfasst die komplette Schwangerschaft sowie die weitere Betreuung bis zu ersten Geburtstag des Kindes. „Wir arbeiten aufsuchend und präventiv“, erzählt sie weiter. Gibt es ein Problem oder eine Frage, können die Frauen einfach anrufen. Das sei in der Klinik so nicht möglich, weil es nicht nur einen Ansprechpartner gebe. „Aber die Frauen genießen es, wenn jemand persönlich für sie da ist“. Etwa sieben Kolleginnen auf der Reutlinger und Münsinger Alb hat sie derzeit – viel zu wenige, um alle schwangeren Frauen betreuen zu können.