In Verbindung mit ihrer Sommertour informiert sich die Bundestagsabgeordnete Beate Müller-Gemmeke (Grüne) regelmäßig auch über den regionalen Umgang mit aktuellen, raumübergreifenden Themen. So fand dieser Tage in Ödenwaldstetten ein Fachgespräch über „Insektensterben und Artenvielfalt“ statt. Vertreter des Kreisbauernverbands, des Biosphärengebiets, des Landschaftserhaltungsverbands sowie den Stadtwerken Nürtingen berichteten über Aktivitäten, mit denen in der Region der Erhalt der Artenvielfalt unterstützt wird.

Insgesamt 2,5 Prozent der weltweit bekannten Insektenarten sterben jährlich aus, von den acht Millionen Tier- und Pflanzenarten ist etwa eine Million „ernsthaft gefährdet“, sagte Müller-Gemmeke und verwies auf den „Global Assessment Report“, eine breit angelegte wissenschaftliche Bestandsaufnahme, die der Weltbiodiversitätsrat im Frühjahr vorgestellt hat. Doch gerade auch die Aktivitäten auf regionaler Ebene können zur Problemlösung beitragen, unterstrich Müller-Gemmeke.

Nicht zuletzt beim Kreisbauernverband steht daher das Thema auch auf der Agenda. Die Landwirte hätten ein Interesse an Artenvielfalt und benötigten Insekten als Bestäuber. „Die Landwirtschaft ist ein Teil des Problems aber auch der Lösung“, betonte der Kreisbauernvorsitzende Gebhard Aierstock.

Erfolg für "Blühende Alb"

So ging im Frühjahr die Initiative „Blühende Alb“ an den Start, wie der Mitinitiator Peter Werner aus Strohweiler berichtete. Auf freiwilliger Basis haben sich bislang rund 100 Landwirte dem Projekt angeschlossen. Überwiegend am Rand von Maisfeldern wird auf einem drei Meter breiten Streifen eine Blühmischung ausgesät, die Insekten Lebensraum und Nahrung bietet. „Es war uns sehr wichtig, dass die Flächen und damit die Lebensräume vernetzt sind und größere Distanzen zurückgelegt werden können“, betonte Werner, der zusammen mit seinem Vater Albert Werner einen Milchviehbetrieb bewirtschaftet. „Der Streifen verursacht keine größeren ökonomischen Beeinträchtigungen“, sagte er weiter. Das Landwirtschaftliche Infozentrum Augustenberg wurde mit dem Ziel eingeschaltet, durch eine wissenschaftliche Auswertung Daten über den konkreten Nutzen der Initiative zu erhalten.

Eine Förderung über das Landesprogramm FAKT ist allerdings nicht möglich, da dort geforderten Flächen mindestens zehn Meter breit sein müssen, erläuterte der Kreisbauernvorsitzende Gebhard Aierstock, der zugleich an den Verein Blumenwiesen Alb erinnerte, der sich seit zehn Jahren für Blühflächen einsetzt. Zugleich warnte er davor, die Landwirte „vorschnell an den Pranger zu stellen“. Konkret vorliegenden Zahlen seien rar, andere Faktoren wie das Bevölkerungswachstum, die Lichtverschmutzung oder den Elektrosmog seien ebenfalls verantwortlich.

Biosphärengebiet beteiligt

Das Bienenstromprojekt unter dem Dach der Stadtwerke Nürtingen stellte deren Vertriebsleiter Tobias Länge vor. Die inzwischen 400 Kunden zahlen einen Aufpreis von einem Cent pro Kilowattstunde. 20 Hektar Blühflächen werden derzeit mit den Mehreinnahmen bewirtschaftet. Mit im Boot sitzt das Biosphärengebiet. „Unser Ziel war es, auf freiwilliger Basis die Förderung der Artenvielfalt zu erreichen“, sagte Geschäftsstellenleiter Achim Nagel. Für Bastian Rochner, Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbandes im Kreis Reutlingen, ist neben dem Angebot an blühenden Pflanzen die Etablierung von Magerrasenflächen oder Saumstrukturen essentiell wichtig, um die oft sehr spezialisierten Insektenarten zu erhalten.

Biobetriebe in Gefahr

Vehement kritisierten die Vertreter der Landwirtschaft das geplante „Volksbegehren Artenschutz“. Darin wird unter anderem der Ausbau der ökologischen Landwirtschaft auf 25 Prozent der Fläche bis 2025 und bis zu 50 Prozent bis 2035 gefordert. „Die Nachfrage der Verbraucher liegt aber nur bei 5 bis 10 Prozent“, betonte Peter Werner. Der Markt vertrage solch eine Steigerung nicht, daher seien die Landwirte gezwungen, ihre aufwendiger produzierten Produkte zu Preisen für konventionelle Erzeugnisse zu verkaufen. Das gefährde die Existenz vieler Betriebe. „Dann müssen die Verbraucher auch ihr Kaufverhalten ändern“, unterstrich Aierstocks Stellvertreter Albert Werner.

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