Seit gut zehn Jahren werden in drei Langzeituntersuchungsgebieten in Deutschland, den Biodiversitäts-Expoloratorien, wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, um zu klären, inwieweit sich die Bewirtschaftung der Areale auf die Artenvielfalt und die von der Natur bereitgestellten Ökosystemdienstleistungen auswirkt. Im Biosphärenreservat Schorfheide Chorin nordwestlich von Berlin, dem Nationalpark Hainich im Westen Thüringens sowie im Biosphärengebiet Schwäbische Alb wurden dafür jeweils 50 Areale auf Grünland und 50 im Wald ausgewählt, die mehr als 300 Wissenschaftler aus Deutschland und dem benachbarten Ausland für ihre Untersuchungsprojekte, die von der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) genehmigt werden müssen, zur Verfügung stehen. Die Ergebnisse werden unter anderem in eine Datenbank eingearbeitet, die für weitere Forschungen genutzt werden kann. Die eingangs formulierte Hypothese eines Zusammenhangs zwischen hoher Landnutzungsintensität und geringer Biodiversität hat sich bislang nur für das Grünland bestätigt. Im Fokus der vielfältigen Projekte stand die Suche nach unmittelbaren Zusammenhängen unterschiedlicher Faktoren.

Jetzt haben die Wissenschaftler die Fragestellung erweitert, um auch kausale Zusammenhänge erforschen zu können. „Die Gutachter bei der DFG haben vorgeschlagen, nicht mehr nur nach statistischen Zusammenhängen sondern nach kausalen Ursachen zu suchen“, erläuterte jetzt bei der Vorstellung des neuen Projekts gegenüber den Medien Professor Dr. Manfred Ayasse, Mitglied im Leitungsgremium der Biodiversitäts-Exploratorien, von der Universität Ulm. Das neue Experiment im Wald befasst sich mit der Frage, wie sich bewusst vorgenommene Veränderungen in vorhandenen Alt-Waldbeständen auf die biologische Vielfalt auswirken.
Zum einen wurde das geschlossene Kronendach des Waldes geöffnet und zum anderen die Menge des am Boden liegenden Totholzes erhöht. „Die geplanten Maßnahmen wurden im Vorfeld intensiv mit den Waldeignern diskutiert und die Wissenschaftler sind dankbar, dass sie mit dem Kreisforstamt, den Gemeinden Eningen, Münsingen und Gomadingen, sowie der Forst-BW, welche die Staatswaldflächen bewirtschaftet, so aufgeschlossene Partner haben“, erläuterte Ayasse weiter.

Vielfalt der Baumbestände

In der Nähe von neun der bestehenden 50 Waldflächen wurden jeweils drei weitere Untersuchungsflächen mit jeweils 70 mal 70 Meter Länge eingerichtet, erläuterte Dr. Julia Bass, die neue lokale Gebietsmanagerin im Exploratorium Schwäbische Alb. Als Vergleichsfläche dient die bereits bestehende Untersuchungsfläche, die unverändert blieb. Bei zwei der neuen Untersuchungsflächen wurde ein „Lochhieb“ vollzogen, in einem Fall wurde die Fläche mit zusätzlichem Totholz angereichert. Im dritten Areal wurde lediglich zusätzliches Totholz ausgebracht, das Krondach jedoch unverändert gelassen.  Der Lochhieb führt zu stärkerer Sonneneinstrahlung und größeren Temperaturunterschieden im Tages- und Nachtverlauf und lässt zudem mehr Niederschläge den Waldboden erreichen. Das zusätzliche Angebot an Totholz erhöht die „biotischen Ressourcen“ und kann sich damit ebenfalls auf die Zusammensetzung der Arten auswirken.

Für Messinstrumente

„Unser Ziel war es, die drei neuen Experimentierflächen im ähnlichen Bestand wie die bereits bestehende Untersuchungsfläche einzurichten, das war hier auf der Alb angesichts eines heterogenen Bestandes gar nicht so einfach“, berichtete Diplom-Forstingenieur Jörg Hailer vom lokalen Managementsystem. Ein Punkt, den der Leiter des Kreisforstamts, Matthias Kiess, wiederum sehr zufrieden zur Kenntnis nahm. „Darin spiegeln sich die Anstrengungen der Forstwirtschaft im Kreis, vielschichtige Baumbestände in den Wäldern aufzubauen“. Genauso sei die Artenvielfalt ein wichtiges Ziel. „Wir brauchen diese Vielfalt in der Waldwirtschaft, daher freue ich mich über das neue Experiment“, so Kiess. Die Waldflächen seien ganz normal bewirtschaftet und daher sei es „sehr spannend zu prüfen, was passiert, wenn einzelne Faktoren verändert würden“, betonte der Forstchef weiter. Der hier angewandte „Lochhieb“ diente früher zur Verjüngung, findet jedoch in der naturnahen Waldwirtschaft keine Anwendung mehr, erläuterte Kiess.
Die neuen Experimentierflächen wurden sowohl in Buchen- und Fichtenbeständen sowie auch im Mischwald eingerichtet. Dabei richtet sich die Größe der Auflichtung nach der mittleren Höhe des umliegenden Bestands. In der Lochmitte wurde ein Stamm stehen gelassen, der nun zur Befestigung von Messinstrumenten, Kameras oder Insektenfallen dient. Angelegt sind die neuen Experimente zunächst für die Dauer von drei Jahren. „Dann müssen jeweils neue Anträge bei der DFG gestellt werden“, verdeutlichte Ayasse.
Für die neuen Plots wurden insgesamt 180 Festmeter Holz gefällt und die Stämme in vier Teile zersägt, die dann mit Pferden ab- beziehungsweise als Totholz in die anderen Plots transportiert wurden. „Das ging sehr schonend vonstatten und die eingeschlagene Gesamtmenge wächst in nur rund vier Stunden im Landkreis nach“, sagte Kiess.

Biodiversität: Neues Studienfeld


In drei großen Langzeituntersuchungsgebieten (Biosphärenreservat  Schorfheide-Chorin, Nationalpark Hainich und Biosphärengebiet Schwäbische Alb), den Biodiversitäts-Exploratorien, wird unter standardisierten Bedingungen der Einfluss der Landnutzungsintensität auf die Artenvielfalt untersucht. Dabei werden sowohl Flächen im Grünland wie auch in Waldgebieten einbezogen. rot