Junny ist eine einjährige Hündin der Rasse Shetland Sheepdog, auch Sheltie genannt. Von Berufs wegen geht sie mit ihrer Besitzerin Stefanie Grauer morgens ins Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium, wo sie seit wenigen Wochen ihren Dienst tut als Schulhund. Das ist ein anspruchsvoller Job. Kinder, zumal aus der sechsten Klasse, sind lebhaft. Im Kunstunterricht vergehen kaum ein paar Minuten, ohne dass ein Kind mit seinem Bild aufsteht, um es der Lehrerin zu zeigen, oder am Waschbecken den Farbpinsel ausspült. In dieses Gewusel mischt sich mit Freude und großer Aufmerksamkeit die kleine Junny ein.

Eine Hütenhündin für Schüler

Ihre Gene machen sie zu einer veritablen Hütehündin. Ihr Wesen beschreibt der Züchterverband mit „lebhaft, sanft, wachsam, kräftig“. Vor allem aber ist sie liebevoll, verständig gegenüber ihrem Frauchen, Fremden gegenüber reserviert, nie nervös und äußerst intelligent. Und weil sie ebenso wenig wie Menschen über den eigenen Schatten springen kann, diszipliniert die Hütehündin Kinder, wenn sie zu forsch aufstehen und der Klassentür zustreben, etwa weil sie mal raus müssen. Dann rennt Junny ihnen hinterher und stupst sie an, eventuell zwickt sie ganz vorsichtig in die Waden und gibt zu verstehen: „Ich bestimme, wer die Gruppe verlässt.“ Dadurch hält sie ihre Herde zusammen, was Stefanie Grauer dann dem entsprechenden Kind sagt: „Siehst Du, das findet sie ein bisschen ,strange’ jetzt“, also ein bisschen befremdlich.

Kinder suchen das Gespräch

Nun sind Schulhunde nicht dazu da, Kinder im Pferch zu halten. Junny, dessen ist sie sich freilich gar nicht bewusst, hat eine soziale, eine integrative Funktion. Über den Hund suchen viele Kinder das Gespräch mit ihrer Lehrerin, sagt Stefanie Grauer. Auch solche, die bislang eher zurückhaltend waren und wenig Privates preisgaben. Durch die Sheltie-Dame lernen die Kinder achtsam zu sein, Rücksicht zu nehmen und auf die Körpersprache von Junny zu achten. Der Hund wird so nebenbei zum Hilfspädagogen. Und weil Junny nicht aufdringlich ist, kommen nur jene Schüler mit ihr in Berührung, die das auch wollen.

Dennoch musste Stefanie Grauer einiges beachten, ehe sie ihren Hund ins berufliche Umfeld integrierte. Kein Kind darf gegen Hundehaare allergisch sein oder Angst vor dem Tier haben. In den Unterrichtsräumen bedarf es eines Handwaschbeckens. Zudem muss ein Tierarzt die gute Allgemeinverfassung des Hundes bescheinigen, und solche Dinge wie Entwurmung sowie vorgeschriebener Impfungen gilt es einzuhalten und nachzuweisen.

Integration durch einen Hund lernen

„In der Ära von Computerspielen, sozialer Isolation, steigender Aggression und Mobbing ist ein Umdenken an der Schule gefragt“, hat es Stefanie Grauer in ihrem Konzept zur Einführung eines Schulhunds formuliert. Schulhunde seien für ein ausgeglichenes Klassenklima wichtig: „Sie vermitteln Wärme, Frohsinn und Motivation.“ Das Lehrerkollegium hat über den Antrag positiv abgestimmt, es gab zwar Enthaltungen, aber keine Gegenstimmen.

Also flitzt Junny zwischen den Tischreihen und schaut nach dem Rechten, wobei sie durchaus auch von Neugier getrieben unterwegs ist und sich dort wohl fühlt, wo ein bisschen was los ist. Und wenn eines der Kinder sagt „Junny, sitz!“ fügt sich das brave Tier in freudiger Erwartung auf weitere Kommandos. Freilich nicht ahnend, dass die Kinder ihr eigentlich ungefragt nichts befehlen dürfen. Das ist Lehrerinnensache. Wenn es aber durchaus mal verlangt wird, wischt sich Junny auch mit der Pfote über die Schnauze, sofern ihr jemand zu verstehen gibt, sich schämen zu müssen. Doch wenn Stefanie Grauer die Hand hebt und sie langsam nach unten neigt, legt sich Junny hin und macht Platz, ohne dass es eines einzigen Wortes bedarf. Dann hat der Schulhund erst mal Pause, auch vor den Kindern.

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Der Hund als Aushilfslehrer


Durch die Rücksichtnahme auf das Tier wird bei den Schülern die Empathiefähigkeit gefördert und eine ruhigere Lernumgebung geschaffen.

Hunde reagieren unmittelbar und ehrlich. Werden sie grob behandelt, weichen sie zurück, werden ihre Bedürfnisse berücksichtigt, wenden sie sich dem Menschen zu. Das Verhalten der Schüler wird sofort widergespiegelt.

Die Erfahrung, von einem Hund vorbehaltlos gebraucht und akzeptiert zu werden, stärkt das Selbstbewusstsein.

Gestik, Mimik, Haltung, Atmung und Blickkontakt, Nähe oder Distanz sind Möglichkeiten, mit dem anderen zu kommunizieren. Schüler lernen den anderen wahrzunehmen und sein Verhalten, seine Stimmung zu erkennen.