Die steinigen Äcker waren und sind ein Kennzeichen der Schwäbischen Alb. Trotz des mageren Untergrunds ringen die Bauern dem Land bis heute verschiedene Feldfrüchte ab. Damals wie heute gehört zur Feldarbeit das Einsammeln der Steine dazu. Steine, die vom wahren Untergrund der Alb erzählen. Denn der fruchtbare Boden ist dünn und bedeckt an manchen Stellen nur notdürftig den darunterliegenden harten Kalkstein. „Des Teufels Hirnschale“ nannten die Bauern den Fels unter ihren Füßen.

Reh stürzt in Erdloch

Jene Hirnschale jedoch hat hin und wieder Risse und gibt tiefe Einblicke in die Geologie eines Landstrichs frei, der wohlbekannt ist für dessen Höhlen. Man schätzt ihre Anzahl auf etwa 2800. Und jene Zahl dürfte sich seit spätestens Anfang 2018 erhöht haben. Damals rückte die Feuerwehr zu einem eher ungewöhnlichen Einsatz in St. Johann aus. Sie wurde gerufen, nachdem an der Gemeindeverbindungsstraße zwischen Lonsingen und Bleichstetten ein Reh in ein Loch gefallen war. Zuvor hatte sich an jener Stelle die Erde aufgetan und gab den Blick in die Tiefe frei.

Zeichen von fließendem Wasser

Ein Jahr später, genauer im Mai 2019, war es die Höhlenforschungsgruppe aus Pfullingen, die sich dem so aktenkundig gewordenen Erdfall, mit Genehmigung der Gemeinde, annahm. Die Männer um den Vorsitzenden Frank Schüler sicherten das Erdloch mit einem Sicherungsschacht aus ausgedienten Leitplanken ab und begannen mit ihren Erkundungen. Nachdem sie das zunächst rund drei Meter senkrecht nach unten abfallende Loch inspizierten und Eimer für Eimer ausräumten, stießen sie auf eine offenliegende Spalte und auf gewachsenen Fels, der Zeichen von fließendem Wasser zeigt. Obendrein lassen sich an lehmigen Stellen deutliche Wasserstandsmarken ablesen. Der Schluss liegt also nahe, dass es sich um einen unterirdischen Wasserabfluss handelt, der seit tausenden Jahren das dortige Trockental entwässert – und es bis heute tut.

Erdfall erweitert sich nach Unwettern

Nach den Unwettern des Sommers, vor allem nach jenen über der Uracher Alb Ende Juli mit extremen Niederschlägen, hat sich der Erdfall Stück für Stück weiter vergrößert und weiterer Untergrund ist weggebrochen und verschwand spurlos in der Tiefe. Rund um den mit Erdreich aufgefüllten Schacht sackte der Boden erneut um rund 1,5 Meter ab. Im Schacht selbst klaffte dort, wo einstmals der Boden war, nun ein mannshohes Loch. Das Wasser hatte etliche Kubikmeter Erde fortgespült und dies gibt Anlass zur Annahme, dass sich unter dem eigentlichen Erdfall ein Hohlraum befindet, der die Erdmassen aufgenommen hat.

Kalter Luftzug weht aus Spalt

Ein deutlich spürbarer Luftzug, der aus der freigelegten Spalte weht, nährt zusätzlich die Hoffnung der Höhlenforscher, dass es sich um mehr als nur einen fossilen Höhlengang handelt, der bald sein Ende findet. Immerhin drang man bislang in eine Tiefe von knapp sieben Metern vor. Was sich aber noch genau im Untergrund verbirgt, ob sich unter dem zunächst unscheinbar dreinschauenden Erdloch vielleicht sogar eine offene Halle befindet, kann im Moment niemand sagen. Auch darüber, wohin das Wasser verschwindet, das bis heute in den Untergrund fließt, kann derzeit nur spekuliert werden.

Einzugsgebiet des Uracher Wasserfalls

Die Möglichkeit, dass es die Gächinger Lauter speist, oder doch den etwa vier Kilometer entfernten Uracher Wasserfall, zu dessen Einzugsgebiet die Gegend zählt, schätzt Frank Schüler auf 50 zu 50. Bevor jedoch weitere Erkundungen angestellt werden können, galt es zunächst, das Gelände rund um den Erdfall abzusichern und Passanten vor allzu neugierigen Blicken und Stürzen abzuhalten. Noch immer ist das Gelände in Bewegung. Entstanden ist so jüngst auch ein kleines zusätzliches Loch. Nachdem Frank Schüler ein Stein hineingeworfen hatte, schätzt er dessen Tiefe auf rund zwei Meter.

Weitere Überraschungen nicht ausgeschlossen

Auch haben sich zusätzliche Risse auf der Wiese neben dem Erdfall gebildet. Sie zeigen an, dass er sich in Richtung Trockental ausbreitet. Damit aber der Erdfall durch nachrutschenden Boden nicht so schnell wieder verschüttet wird, wie er aufgetaucht ist, haben Schüler und seine Mitstreiter den metallenen Sicherungsschacht inzwischen mit Stahlnadel im Fels verankert. Ein Einstieg in des Teufels Hirnschale sollte also für die nächste Zeit gesichert sein. Und dass die Pfullinger Untergrundforscher um Frank Schüler bald wiederkommen, um weitere, unangetastete Geheimnisse und Überraschungen, die im St. Johanner Untergrund schlummern, zu lüften, steht fest: „Es bleibt auf jeden Fall spannend.“

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In der Freizeit in Höhlen der Alb unterwegs


Die Höhlenforschungsgruppe Pfullingen besteht aus derzeit 53 Mitglieder. Davon zählt der Vorsitzende Frank Schüler etwa zehn zu den Aktiven. Vor allem aktiv auf der Alb, etwa in Dottingen oder in Engstingen. Uwe Leuze und Michael Hottinger gehören zudem der Höhlenrettung Baden-Württemberg an und sie waren aktiv bei der Rettung der zwei Höhlengänger in der Falkensteiner Höhle beteiligt. Michael Hottinger leitete den damaligen Einsatz. wag