Die Suche und der Erhalt alter Obstsorten ist für Thilo Tschersich nicht nur Teil des Berufes, sondern Berufung. Mit Herzblut und fundiertem Wissen referiert er spielerisch und voller Hingabe über Sorten wie den Aglishardter Kalvill, den Christiansapfel, die Ermstäler Knorpelkirsche oder die Kleinbettlinger Luike. „Es ist geradezu eine ehrenhafte Aufgabe, sich um solch alte Obstsorten kümmern zu dürfen“, sagte der Grünflächenberater des Landratsamtes Reutlingen. Sein Kollege Ulrich Schroefel ist mit ebenso großem Feuereifer und Sachverstand bei der Sache.

Gestern wurde ein kleiner Schlussstrich gezogen unter das gemeinsame Sortenerhaltungsprojekt des Kreisobstbauverbandes und der Grünflächenberatungsstelle. Es basiert auf einer Idee des Verbandsvorsitzenden Dietmar Bez aus dem Jahr 2010, der daraufhin zunächst erfolglos Anträge auf Fördergelder gestellt hatte. „Erst im dritten Anlauf waren wir erfolgreich“, erinnerte sich Bez gestern, das Ministerium für Ländlichen Raum sagte Unterstützung für die Suche nach alten Obstsorten für zunächst drei Jahre zu.

Projektstart war 2015

2015 war schließlich Projektbeginn, 2017 präsentierte Tschersich beim internationalen Pomologentag bereits erste Ergebnisse, und 2018 begann die wissenschaftliche Kreuzungsarbeit mit den wiederentdeckten alten Sorten. 2020 nun haben Schroefel, Tschersich und die Autorin Felicitas Wehnert über eben jene alten Sorten im Auftrag der Obst- und Gartenbauvereine im Kreis Reutlingen eine Broschüre erstellt, die ab sofort für alle Interessierten erhältlich ist. Reich bebildert und verständlich geschrieben ist das Heft „Die Vielfalt unserer Streuobstwiesen“ nicht nur für Fachpublikum, sondern für jeden Anhänger gesunden Obstes und der hiesigen Kulturlandschaft mit den Streuobstwiesen.
5177 Bäume wurden von rund 800 verschiedenen Besitzern gemeldet. 461 Sorten Äpfel, Kirschen, Birnen, Zwetschgen und Mirabellen kamen dabei zum Vorschein. Knapp 30 davon, die als sehr selten eingestuft werden (mit weniger als drei bekannten Bäumen), sind nun als besonders sicherungswürdig eingestuft worden. 20 dieser Sorten sind in der Broschüre näher erläutert samt Eigenschaften und geeigneter Verwertungsart.

Dreifach gesichert

Gesichert wird das Genmaterial der alten Sorten in einem dreistufigen Modell: in Sortenerhaltungsgärten wie jenem etwa, der im vergangenen Jahr oberhalb Glems’ angelegt wurde; bei privaten Sortenpaten, von denen es für jede Sorte je zwei im Landkreis gibt und in der Sortenerhaltungszentrale des Landes am Bodensee.
Das alte Genmaterial zu bewahren ist daher wichtig, weil es zum Beispiel Sorten gibt, die sehr spät blühen und damit weniger frostanfällig sind. Andere Sorten sind schorfresistent, andere besonders schmackhaft und die vierte Sorte eignet sich besonders gut für eine längere Lagerung. Solche Merkmale müssen gesichert werden, um sie später vielleicht sogar durch Kreuzung miteinander verbinden zu können.
Doch nicht nur das Obst, auch die Bäume sind erhaltenswert. „Jede Sorte hat ihre eigene Geschichte“, bewundert Autorin Felicitas Wehnert, „und die landschaftsprägenden Bäume sind das Gesicht unserer Kulturlandschaft, die den größten Streuobstgürtel Europas beinhaltet.“
Der Strich unter dem Projekt ist übrigens ein gestrichelter, was bedeutet, dass man auch weiterhin seine Bäume melden kann. Unter www.sortenerhalt.de findet man alle nötigen Informationen.

Info Die Broschüre „Die Vielfalt unserer Streuobstwiesen“ kann in der Geschäftsstelle des Kreisobst- und Gartenbauverbandes im Kreisamt für nachhaltige Entwicklung, Haydnstraße 5-7 in Reutlingen erworben oder unter gruenflaechenberatung@kreis-reutlingen.de bestellt werden.

Nun werden auch alte Gemüsesorten gesucht


Der Verein Genbänkle startet in diesem Jahr gemeinsam mit dem Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft Baden-Württemberg (LOGL) die Kampagne Sortendetektive, um verschollene Gartenschätze wieder zu finden.

Die Kampagne bietet allen die Möglichkeit, „Sortenretter“ zu werden. Gefragt wird: Wer hat alte Sorten im Garten, wer erinnert sich an besondere Sortennamen oder deren Geschichte, wer hat Lust auf die Suche nach alten Sorten? Der kann Sortendetektiv werden und dabei helfen, durch das Ausfüllen eines Steckbriefes verschollene Gemüsesorten wiederzufinden.

Ein Großteil der alten Sorten gilt mittlerweile als verschollen, wodurch die Breite wertvoller Sorteneigenschaften sowie die Vielfalt an Farbe, Form, Duft und Aroma auf den Tellern geschmälert wird. Bei der Kampagne stehen besonders historische Gemüsesorten im Vordergrund, denn diese sind durch ihre Kurzlebigkeit besonders vom Sortenschwund betroffen. Entdecker von alten Sorten tragen zum Erhalt der Kulturpflanzenvielfalt und dem Gemeinwohl bei. Systematische Recherche können nach Absprache unterstützt werden.

Der Verein Genbänkle hat sich das Ziel gesteckt, Initiativen und Organisationen zum Thema „Alte und seine Gemüsesorten“ in Baden-Württemberg zu vernetzen und sichtbar zu machen. Die tollen Sorten im Obstbereich oder etwa die Alblinsen zeigen eindrücklich, wie bereichernd alte Sorten in vielerlei Hinsicht sein können. Jetzt schon konnten durch das Projekt Sorten wie die „Hagnauer Rote Bohne“, die „Söflinger Zwiebel“ oder die „Nürtinger Hockerbohne“ ausfindig gemacht werden. Als Netzwerk für Sortenretter und Sortenerhalter setzt sich der Verein dafür ein, dass die Thematik weiterhin bestärkt wird und viele Gärten zu lebendigen „Genbänkle“ mit einem großen Sortenreichtum werden.

Mehr Informationen und den Steckbrief zur Kampagne findet man auf der Homepage www.genbaenkle.de.