Es war eine Sache von Sekunden – vielleicht ein kurzer Moment des Übermuts. Der junge Mann hat richtig Gas gegeben auf dieser vermeintlich harmlosen Strecke. Doch bei hohem Tempo reicht eine winzige Unaufmerksamkeit, um die Kontrolle über das Motorrad zu verlieren. Die Maschine fliegt aus der Kurve, der Fahrer knallt mit den Kopf gegen einen Baum. Bei diesem Unfall hat Achim (Name von der Redaktion geändert) schwerste Verletzungen des Gehirns davongetragen. Er ist körperlich und geistig behindert und rund um die Uhr auf die Hilfe anderer angewiesen.

Hilfe für Menschen, die nach Unfällen auf andere angewiesen sind

Menschen wie Achim finden seit 30 Jahren ein Zuhause im Pflegeheim „Gemeinsam im Leben“ in Dettingen. 1990 starteten die Gründer, die Ehepaare Budweg und Keppeler, ihr Projekt in der Silcherstraße, und zwar mit sechs Plätzen für Patienten mit schweren Schäden des neurologischen Zentrums, wie es in der Fachsprache heißt.

Seitdem ist die Nachfrage nach Langzeitpflege für Schwerstbehinderte ständig gestiegen, sagt Wolfgang Budweg, Geschäftsführer der „Gemeinsam im Leben GmbH“.

Wolfgang Budweg und seine Kollegen kümmern sich um Frauen und Männer, die nach Schlaganfällen, Arbeits- und Verkehrsunfällen nicht mehr in ihren Alltag zurückkehren können. Manche liegen im Wachkoma, einige wenige schaffen es, sich im Rollstuhl selbstständig vorwärtszubewegen. So wie Achim.

Der neue Standort in der Dettinger Buchhalde bietet Platz für 25 Patienten mit schweren Verletzungen des Gehirns

Um dem steigenden Bedarf an Betreuung für diese Patienten nachzukommen, hat das Dettinger Pflegeheim immer wieder expandiert. Die jüngste Erweiterung ist die bislang größte. Und sie geht mit einem Neubau des Pflegeheims einher: Anfang des Jahres hat „Gemeinsam im Leben“ am neuen Standort in der Richard-Wagner-Straße 39 seinen Betrieb aufgenommen. Statt der zuletzt zwölf Pflegeplätze stehen im neuen Haus künftig 25 Plätze zur Verfügung. 16 sind aktuell belegt, erklärt Wolfgang Budweg: „Um langsam zu wachsen, nehmen wir monatlich zwei neue Bewohner auf.“

In diesem Verhältnis soll auch die Zahl der Mitarbeiter steigen. 20 sind es derzeit, bis zu 40 sollen es werden. Die Patienten, die sie versorgen, kommen aus ganz Baden-Württemberg, aber auch aus Mecklenburg-Vorpommern und dem Rest der Republik.

Anfragen aus dem Landkreis Reutlingen haben Vorrang, doch Beachtung findet das Unternehmen über die Grenzen der Region hinaus: „Wir gehören zu den wenigen Einrichtungen im Land, die sich auf die Pflege Schwerstbehinderter mit Schädel-Hirntraumata und gleichartigen Verletzungen spezialisiert haben“, erklärt der Geschäftsführer.

Viereinhalb Millionen Euro haben die Verantwortlichen in Neubau investiert

Viereinhalb Millionen Euro haben die Verantwortlichen nun in den lichtdurchfluteten Neubau in der Dettinger Buchhalde  investiert. Ganz oben auf dem Flachdach des Pflegeheimes wohnen Wolfgang Budweg und seine Frau Ute in einem hübschen Holzhaus. Gleich daneben lebt ihre Tochter Tabea mit Lebenspartner und Kindern.

Denn im Grunde hat Pflegeheimchef Budweg (auch) eine familieninterne Sache zum Bauen bewogen: Zum Jahresbeginn hat er die Leitung des Pflegeheimes an seine Tochter Tabea abgegeben. Die 29-Jährige ist Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie Pflegewissenschaftlerin. Und dem Lebenswerk ihrer Eltern fühlt sich Tabea Budweg eng verbunden. Schon als Schülerin arbeitete sie als Praktikantin im Haus. „Ich wusste in der 11. Klasse, dass ich hier einmal einsteigen will“, sagte die neue Heimleiterin.

Nach Abitur und Freiwilligem Sozialen Jahr in Südafrika sowie Studium in München kehrte Tabea Buweg immer wieder zu „Gemeinsam im Leben“ zurück. Zuletzt absolvierte sie berufsbegleitend im Fernstudium an der Hochschule Wismar den Masterstudiengang Gesundheitsmanagement.

Auch die restliche Familie ist voll in das Projekt eingebunden: Ute Budweg managt die Verwaltung, und Tabea Budwegs Brüder Johannes und Samuel arbeiten ebenfalls im Pflegeheim-Team. Sie sind regelmäßig für Achim und die anderen Bewohner des Hauses da.

Neubau für 4,5 Millionen Euro: Drei Ebenen und 660 Quadratmeter Fläche


Insgesamt verfügt der Neubau in der Buchhalde über 1660 Quadratmeter Nutzfläche, aufgeteilt auf mehrere Ebenen. Im Erdgeschoss findet sich der Eingangsbereich, eine Etage darüber ist der Empfang, außerdem sind die Räume für die Verwaltung, die Aufenthaltsbereiche für Mitarbeiter, Therapieräume sowie die Waschküche untergebracht.

Auch gekocht wird auf dieser Etage, das Essen für die Bewohner wird täglich frisch in der Küche zubereitet. Der zweite und dritte Stock gehören den Bewohnern. Jeder hat sein eigenes Zimmer mit Zugang zum Balkon, jedes der Zimmer ist großzügig geschnitten und hell. Die Badezimmer sind barrierefrei gestaltet und mit Liegeduschen ausgestattet.