Die Dinge des täglichen Bedarfs bekommt man in Metzingen immer noch dort, wo schon vor Jahrzehnten Einzel- und Fachhändler ihre Kundschaft bedient haben. In den Straßen rings um Martinskirche, Rathaus und Kelternplatz beispielsweise. Brot und Wurst, Duschgel, den Snack für zwischendurch, das Buch für das verregnete Wochenende oder den Feldsalat, damit der Sonntagsbraten bodenständig, aber vitaminreich eskortiert wird.

Schwieriger wird es, wenn es um den samstäglichen Einkauf im Supermarkt geht. Auf dem Kaufland-Parkplatz steht Auto an Auto, doch deren Insassen kaufen ganz woanders ein: drüben in der Outletcity. „Wir gehen zum Einkaufen nach Dettingen oder Reutlingen“, sagt Anne Z. (Name geändert), die in der Breitwiesenstraße wohnt. Auf die Outletcity ist sie nicht gut zu sprechen, auch ihre Nachbarn nicht. Zu viele Shopping-Touristen, zu viel Verkehr, zu viele Ortsfremde, die beispielsweise in der Christian-Völter-Straße am „Anlieger frei“-Schild vorbeifahren, am Straßenrand parken und noch nicht mal belangt werden können: Rein rechtlich sind sie Anlieger, sobald sie in der Outletcity einkaufen. Die Stadt wird das zügig ändern und das Anlieger-Schild weiter nach hinten versetzen, hinter den Zugang zum Hugo-Boss-Platz. Dann gibt es für Shopping-Touristen keine Ausreden mehr. Mehr und mehr mischt die Outletcity auch mit, wenn es um die Versorgungsfrage jenseits von Textil und Leder geht. Der neuen Gastronomiebetriebe rings um den Hugo-Boss-Platz wegen werden weniger Mittagessen in den alteingesessenen Restaurants verkauft.

Zwei neue Hotels in der Outletcity Metzingen

Das zumindest war während der Gründungsversammlung der City Initiative Metzingen (CIM) vergangene Woche zu hören. Jetzt geht die Outletcity die Übernachtungsproblematik an, das indessen ist nicht neu. Dass auf dem früheren G&V-Areal Hotels gebaut werden, hat die Holy AG als Betreiberin der Outletcity schon angekündigt, als die ersten Baupläne gezeichnet wurden.

Nun freilich haben die Hotels auch einen Namen: Die Kette Marriott eröffnet zwei Häuser. Eines für jüngere Gäste mit knapp unter 200 Zimmern soll im kommenden Jahr bezugsfertig sein, ein etwas kleineres Hotel kommt ein Jahr später dazu und soll mit vier Sternen dekoriert den Premiumgedanken der Modewelt aufgreifen.

Was sich in der Welt der Mode tut, spiegelt sich in der Regel in Metzingen wider. 300 Marken sind vertreten, sie alle bieten Preisnachlässe von mindestens 30 Prozent an. Allerdings auf Ware, die schon nicht mehr der jeweils neuesten Kollektion angehört, ein vermeintlicher Makel, der höchstens Mode-Designern und Direktricen auffällt.

Staatssekretär Bareiß in der Outletcity

Dass den von Berufs wegen gut gekleideten Parlamentarischen Staatssekretär Thomas Bareiß (CDU), der am Montag zusammen mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten des Wahlkreises Reutlingen, Michael Donth, die Outletcity besucht hat, modische Detailkompetenz durch seinen Lebensalltag begleitet, ist eher unwahrscheinlich. Er arbeitet dem Bundeswirtschaftsminister zu, insofern interessiert er sich für Zahlen. Dr. Stefan Hoffmann, einer der Outletcity-Geschäftsführer und für die Digitalisierung der Outletcity verantwortlich, kann damit dienen. Eine App mit 3-D-Ansicht sämtlicher Stores, die den Einkauf in der Outletcity erleichtert und einige Einkaufsvorteile parat hält, wurde schon 170 000 Mal heruntergeladen, dabei gibt es sie erst seit wenigen Monaten. Ein Team aus Informatikern, alle bei der Outletcity angestellt, hat sie entworfen. „Die App können wir nicht in Indien kaufen“, sagt Hoffmann. Viel zu schnelllebig ist die Modewelt, viel zu langsam wäre der Informationsfluss via Google-Maps.

Outletcity Metzingen: Botox für die Lippen

Auf dem Gelände der ehemaligen Seifenfabrik Enzian soll eine Ärztegemeinschaft Kieferchirurgie und nichtinvasive Schönheitsbehandlungen anbieten, also Lippenformung mit Botox beispielsweise. Das passt zu den Reichen und Schönen, die zwischen Lagerfeld, Boss und Burberry die Wahl haben. „Aber das passt nicht zu Metzingen“, sagt die Frau aus der Breitwiesenstraße. „Hausärzte und Fachärzte gibt es immer weniger“, klagt sie an, die sich nicht damit trösten möchte, bald schon eine Adresse zu haben, wenn sie sich etwaige Falten wegspritzen lassen möchte: „Alles mit Maß und Ziel, aber kein Übermaß“, ist ihr Rat, den sie den Machern der Outletcity, aber auch der Stadtverwaltung gerne mitgeben würde.

Der „Outletcity Club“

Sollen noch mehr Shopping-Touristen in die Stadt? Kürzlich wurde der Vorstandsvorsitzende der Holy AG, Wolfgang Bauer, in der Süddeutschen Zeitung zitiert. Er möchte die jährliche Zahl von derzeit 4,2 Millionen Besuchern auf fünf Millionen erhöhen. Dem widerspricht Bauer. Diese Zahl habe er nie genannt. Ihm gehe es um qualitatives, nicht aber um quantitatives Wachstum. An mehr Freude am Einkaufen, wie sie die App und die Mitgliedschaft im „Outletcity Club“ bieten. Am Montag, im Beisein von Thomas Bareiß und Michael Donth, bekräftigt er ebenfalls: „Es geht nicht mehr um riesige Zuwächse an Besuchern, das ist auch nicht das Ziel.“

Metzingen

Mit den Menschenmassen gibt es immer wieder Ärger, vor allem an Brückentagen, oder wenn besondere Anlässe besondere Rabatte versprechen. „An so einem Tag kommt bei uns nicht mal mehr der Notarztwagen durch“, sagt ein Anwohner aus dem Harthölzle.

Ihm geht es wie der Frau aus der Breitwiesenstraße: Er will lieber anonym bleiben. Ihre Nöte mit Menschenmassen hat auch die Outletcity: Wenn zu viele gleichzeitig ihre Selfies durch den Äther jagen, bricht das Netz zusammen, berichtet Stefan Hoffmann. Er hat mit allen vier wichtigen Providern darüber gesprochen. „Rushhour-Tage“, so das zwischenzeitliche Fazit, „sind ein Problem“.

Coronavirus im Blick

Dem Coronavirus begegnet die Outletcity wachsam gelassen, wie Isidora Muthmann, Sprecherin der Outletcity, berichtet: Aufgrund der Ausreisebestimmungen in China sind Gruppenreisen nach Deutschland abgesagt worden, trotzdem sind chinesische Individualreisende und Ansässige aus China vor Ort. „Dadurch, dass wir so international breit aufgestellt sind, können wir vieles gut auffangen.“

Was die Prävention angeht, hat die Outletcity ihre Mitarbeiter bezüglich der Etikette im Hinblick auf generellen Infektionsschutz instruiert: In die Armbeuge niesen, regelmäßiges Händewaschen, Abstand zu Erkrankten halten. „Zudem haben wir sowohl zahlreiche zusätzliche Desinfektionsspender als auch Mundschutzmasken zur Verfügung gestellt, und stellen es unseren Mitarbeitern frei, diese zu nutzen.“

Chinesische Touristen freilich produzieren relativ wenig bis gar keinen Individualverkehr. Der stammt von Kunden, die aus der näheren Region, aus Stuttgart oder Norddeutschland kommen.

Problem an Brückentagen

Stadtrat Dr. Georg Bräuchle (Grüne) hatte dazu kürzlich im Gemeinderat eine Idee: Man müsste an einem Brückentag die Christian-Völter-Straße komplett sperren. Auch für die Anwohner. Die könnten freilich auch ihr Wohngebiet an diesem Tag nicht mehr verlassen, weshalb diese Idee vermutlich nur eine Idee bleiben wird. Zumal es jetzt ja eine Lösung gibt. Aber sie zeigt, unter welchem Leidensdruck die Anwohner stehen. Um es am Beispiel der Frau aus der Breitwiesenstraße zu verdeutlichen: Kürzlich erhielt sie Besuch von ihrer Tochter, die auf Grund des Autokennzeichens als auswärtig zu erkennen ist. Sie hatte das Auto kaum verlassen, da wurde sie schon von zwei Nachbarn gerüffelt, die sich freilich entschuldigten, als sie sie erkannten: „Sie müssen verstehen, wir haben so eine Wut!“