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Europawahl
Metzingen / Alexander Thomys  Uhr

Die Entwicklung der Firma Lechler in Metzingen ist eine Erfolgsgeschichte. 1967 zog die Produktion in die Gebäude der ehemaligen Tuchfabrik Braun in der Ermstalkommune – was damals übrigens dem Arbeitskräftemangel in Stuttgart geschuldet war. 1995 kamen dann auch Vertrieb und Verwaltung in die Sieben-Keltern-Stadt, die damit zum Hauptsitz des heute weltweit operierenden Düsenproduzenten avancierte. 2010 wurde auf der gegenüberliegenden Seite der Erms die neue Produktionshalle eröffnet, 2016 folgte ein Entwicklungs- und Technologiezentrum. Jetzt will die stiftungseigene Firma erneut investieren und die Metzinger Erfolgsgeschichte fortschreiben. „Wir werden in Kürze das Baugesuch einreichen“, erklärte Guido Kunzmann, Sprecher der Geschäftsführung, am Rande eines Gesprächs mit dem Grünen-Landtagsabgeordneten Thomas Poreski und der baden-württembergischen Spitzenkandidatin für die Europawahl, Anna Deparnay-Grunenberg.

Geplant ist der Bau eines neuen Logistikzentrums, unmittelbar angrenzend an die bisherige Produktionshalle. Die Abläufe sollen damit wesentlich erleichtert werden, zumal derzeit Produktion und Logistik durch die Erms getrennt wird – sämtlicher Verkehr muss über zwei schmale Brücken abgewickelt werden. „Und das bei Wind und Wetter“, verdeutlicht Thomas Winkler, Geschäftsführer für Fertigung und Logistik, die Problematik. Wegen der Erms lasse sich auch das Firmengelände nicht adäquat gegen ungebetene Gäste absichern – künftig kann das Gelände auf beiden Seiten des Flusses eingefriedet werden, ohne dabei die Abläufe zu stören. Rund 19 Millionen Euro soll das neue Logistikzentrum kosten. „Für uns ist das ein weiteres klares Bekenntnis zum Standort Metzingen und zum Erhalt der Arbeitsplätze in der Region“, betont Guido Kunzmann.

Doch eigentlich sollten die Zukunftspläne nicht Gegenstand des Treffens sein – galt es doch vielmehr, den Dialog mit der Politik zu suchen. „Als klassisches Industrieunternehmen rücken wir nicht oft in den Fokus der Öffentlichkeit“, sagt Kunzmann. „Aber der Dialog mit der Politik ist uns schon wichtig.“ Die Partei spiele dabei keine Rolle. „Wir sind aber ein weltoffenes Unternehmen, von den Parteien an den Rändern, egal ob links oder rechts, halten wir uns fern.“

Politische Entscheidungen hätten derweil einen großen Einfluss auf das Unternehmen, erklärt Kunzmann. Ein Beispiel hierfür sei die Entschwefelung von Abgasen, etwa in Kraftwerken oder der Schifffahrt. Letztere unterliegt nach einer neuen EU-Richtlinie in naher Zukunft strengeren Grenzwerten. Was die Branche in Zugzwang bringt. Lechler bietet dafür Lösungen: Über Düsen des Metzinger Unternehmens kann Kalkmilch in die Abgasreinigung eingespritzt werden. „Die feinen Partikel nehmen den Schwefel auf“, erklärt Kunzmann, der selbst Diplom-Ingenieur ist. „Heraus kommt dann gewöhnlicher Gips, der sich auf dem Bau verwenden lässt.“ Für Lechler sei dieser Bereich der Umwelttechnik ein Zukunftsmarkt. „Es gibt rund 70 000 Schiffe auf den Weltmeeren“, weiß Patrick Muff, in der Lechler-Geschäftsführung zuständig für Vertrieb und Marketing.

Dennoch, so kritisieren die Geschäftsführer, sei die EU-Richtlinie zu plötzlich aufgekommen, die Wirtschaft komme nicht in allen Bereichen nach. Grundsätzlich seien rechtliche Vorgaben gerade in Sachen Umweltschutz aber notwendig, räumt Kunzmann ein. „Keiner zahlt sonst freiwillig für etwas, dass ihm eigentlich nichts bringt“, ergänzt Kunzmann. Für Unternehmen allerdings, die „in einem Zeithorizont von zehn bis 15 Jahren denken“ würden, sei es schwierig, die politischen Entwicklungen vorherzusagen. Eine Frage sei deshalb auch, wie lange die Firma noch in Bereichen mit fossiler Technik lohnend investieren könne.

„Umweltauflagen sind also ein Teil ihres Geschäftsmodells“, stellt Thomas Poreski darauf schmunzelnd fest. Dass die Politik nicht immer planbar sei, räumt der Grünen-Landtagsabgeordnete gleichwohl ein, verweist zugleich aber auch auf die Zwänge, denen die Politik unterliegen würde: „Wenn Sachen kommen, dann oft ruckartig. Aber gerade in der Umweltpolitik hängt das oft vom richtigen Zeitpunkt ab, manchmal ist eine Regelung nur jetzt oder nie durchzusetzen. Das ist durchaus auch ein politisches Dilemma.“

Unmittelbar zu kämpfen hat das Unternehmen derweil mit neuen Regelungen zur A1-Bescheinigung, welche die sozialversicherungspflichtige Anstellung eines Mitarbeiters im Ausland bestätigt. „Wir brauchen diese Bescheinigung sogar für Messebesuche in Frankreich, sonst drohen Bußgelder“, ärgert sich Kunzmann. Und auch wenn Mitarbeiter kurzfristig in ein Werk im Nachbarland erscheinen müssten, um Probleme zu beheben, sei die Antragstellung so kurzfristig kaum möglich. „Das ist ein richtiges Bürokratiemonster“, bilanziert Kunzmann. Anna Deparnay-Grunenberg räumt die Schwierigkeiten ein, betont aber, dass hier die nationale Umsetzung der EU-Regelung, die Sozialbetrug verhindern soll, zu kompliziert umgesetzt werde. „Vieles lässt sich auf europäischer Ebene eigentlich besser regeln, als wenn es jeder selbst macht – und anders“, sagt die Spitzenkandidatin der baden-württembergischen Grünen für das Europaparlament.

Einig waren sich Geschäftsführer und politischen Vertreter in Sachen Brexit. „Das ist ein politischer Wahnsinn“, sagt Guido Kunzmann. Lechler selbst betreibt ein Tochterunternehmen in Großbritannien. England macht allerdings nur rund zwei Prozent des Zielmarktes für Lechler-Produkte aus.