Zimperlichkeit kann ihnen gewiss keiner nachsagen: Trotz schlechter Wetterprognosen haben sich am Sonntagmorgen Scharen von Gläubigen auf den Weg gemacht, um das Jubiläum des Jusitreffens zu feiern – unter ihnen auch prominente Besucher wie Landesbischof Frank Otfried July und Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Es wäre doch zu schön und passend gewesen, den ältesten Gottesdienst im Grünen an eben dem Ort zu feiern, wo er vor 100 Jahren als pietistische Pioniertat der Freiheit aus der Taufe gehoben wurde. Hoch droben auf diesem alten Vulkan, inmitten der Natur und unter freiem Himmel. Doch der Regen, der anfangs nur leicht nieselte, wurde immer stärker, die Wege wurden rutschig, die Gottesdienstbesucher waren nach kurzer Zeit nass bis auf die Knochen.

Gottesdienst in halle verlegt

So beschlossen die Veranstalter kurzfristig, den Gottesdienst mit anschließendem gemütlichen Beisammensein doch noch in die Kohlberger Jusihalle zu verlegen. Da das Hoch- und Runtergehen, sowie das Umkleiden recht viel Zeit in Anspruch genommen hatte, wurde das Festprogramm etwas gerafft, wie Pfarrer und Vorsitzender der Apis, Steffen Kern, in seiner Begrüßung erklärte. Er erinnerte in seiner Ansprache an die Anfänge im Nachkriegsjahr 1919, als die Gründer, die Apis,  beschlossen hatten, „die Kirchenmauern zu verlassen, um nach draußen zu gehen“. Sie hätten gewagt, neue Wege zu gehen. So sei das Jusitreffen stets ein Jesustreffen im besten Sinne gewesen, das Hoffnung macht und Kontrapunkte setzt. Viele beteiligten sich auch in diesem Jahr an der Feier, gestalteten Puzzleteile, die zusammengesetzt die Zahl 100 ergaben.

Auch Landesbischof Frank Otfried July, der übrigens nur 17 Minuten benötigt hatte, um den Jusi zu erklimmen, ging in seiner Predigt auf diese besondere Form des Gottesdienstes ein, der seit nunmehr 100 Jahren abertausende von Gottesdienstbesuchern angelockt hat. In vielen geschichtlich schweren Zeiten habe dieser Gottesdienst oben auf dem Berg Weitblick und Sprengkraft vermittelt, gab Orientierung, Mut und Zuversicht. Aber auch neue Fragen wurden und werden immer wieder aufgenommen.

 „Demokratischer Aufbruch“

An diesem idyllischen Fleckchen  Erde sei damals eine besondere Form kirchlichen Lebens geschaffen worden, wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann in seiner Festrede erläuterte. Ein Gottesdienst in der Natur wurde ins Leben gerufen, mehr noch auf einem Berg, denn Berge spielen seit jeher eine Rolle in der Verkündigung. Außerdem erinnerte er in seiner Rede an einen anderen wichtigen 100. Geburtstag in diesem Jahr, den der Weimarer Reichsverfassung. „Beide Geburtstage, beide Ereignisse“, so Kretschmann, „haben etwas miteinander zu tun. Das ist zum einen der demokratische Aufbruch und zum anderen die Freiheit des Glaubens.“  

Kirche und Demokratie gemeinsam aufgebrochen

Damals sei auch die Kirchenbasis aufgebrochen, um den Kirchenraum zu verlassen und ihren Gottesdienst unter freiem Himmel zu feiern. „In gewisser Weise war auch das eine demokratische Bewegung: der Gottesdienst draußen, volksnah, familiär, offen.“ Eine Erfolgsgeschichte, die auch nach 100 Jahren noch andauert, denn es ist etwas völlig anderes, einer Predigt auf einer Wiese oder auf einer harten Kirchenbank zu lauschen.  Kohlbergs Bürgermeister Rainer Taigel benannte in seiner Rede etliche Gründe für die Wahl des Jusi als Ort des Geschehens. So stifte der Kohlberger Hausberg Heimatgefühl und Zusammengehörigkeit für die Menschen, die unter ihm leben, gleichzeitig bietet er Weitblick und Tiefenwirkung.

100 Jahre sind seit den Anfängen  vergangen, das Treffen der Apis ist fester Bestandteil, war sogar Initialzündung für die Gottesdienste im Grünen. Bis heute sind die Treffen ein lebendiges Fest des Glaubens. „Und das kann Vorbild für die ganze Kirche sein“, betonte Kretschmann, „lebendig sein, in Bewegung bleiben, aus­strahlen.“ Auch für aktuelle Fragestellungen, wie die nach Klima- und Artenschutz haben diese Treffen für alle Christen eine große Bedeutung.

Das Fest war auch im Jubiläumsjahr lebendig und abwechslungsreich, die Kohlberger Jusihalle gut besucht. Nach dem offiziellen Teil, den der Posaunenchor und das evangelische Jugendwerk Nürtingen mitgestaltet haben, gab es ein Kinderprogramm und natürlich viel Zeit für Gespräche.