Bad Urach will die Nutzung von Geothermie wieder forcieren und plant, die derzeit brachliegenden Tiefenbohrungen III und IV, unweit des Kurgebiets gelegen, wieder zu erschließen. Neben den beiden Bohrlöchern aus den 70er Jahren (I und II) sind sie Überbleibsel von Versuchen, dem heißen Untergrund Energie zu entlocken. Vor allem ging es dabei um das Hot-Dry-Rock-Verfahren (HDR), das in Bad Urach seit 1977 erprobt wurde und in ein Kraftwerk münden sollte. 2004 jedoch mussten die Pläne zunächst wegen technischer und 2010 letztlich wegen finanzieller Probleme aufgegeben werden.

20 Millionen Euro vergraben

Angelehnt an eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2013 und eines 2017 ebenso fortgeschriebenen Gutachtens des Radolfzeller Unternehmens „Hydro-Data“ standen seither verschiedene Überlegungen im Raum, wie die Bohrungen bis in eine Tiefe von 2,8 und 4,4 Kilometer weiterhin genutzt werden könnten. Bei einer Nichtnutzung müssten die Löcher, zum allgemeinen Schutz etwa vor Gasaustritten, geschlossen werden. Im Erdreich für immer begraben wären so rund 20 Millionen Euro, die Stadt, Land, Bund und EU seinerzeit in das Geothermieprojekt investiert hatten.

Bohrungen in den Muschelkalk

Nun aber sollen die Bohrlöcher aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden. Hierfür, so erläuterte es den Räten im Rahmen der Gemeinderatssitzung, Diplom-Ingenieur Friedrich Cammerer (Hydro-Data), werden die Löcher bis in eine Tiefe zwischen 900 und 1300 Metern verfüllt. In einer Tiefe von etwa 630 bis 710 Metern soll demnach ein seitlich abgelenkter Bohrkopf in den dort liegenden wasserführenden Muschelkalk eindringen. Das aufsteigende Wasser soll schließlich abgepumpt werden und mehrere Wärmetauscher durchlaufen. Auf diesem Wege stünden weitere Thermalwasserquellen zur Verfügung, die den Albthermen, der Reha-Klinik aber auch einem Nahwärmenetz, zu Gute kommen könnten.

Denn sollten sich die Bohrungen und die Wasserausschüttung als ergiebig genug herausstellen, könnten sie nicht nur als Ersatz für das brüchig gewordene Bohrloch I dienen, und die vertraglich fixierte Liefermenge Thermalwasser an die Albthermen sicherstellen, sondern auch als geothermale Quelle zur Gewinnung von Heizenergie genutzt werden.

1100 Tonnen CO2 weniger

Cammerer rechnet mit einem Ertrag von 20 Litern in der Sekunde. Durch Abkühlung des knapp 57 Grad Celsius heißen Wassers um 20 Grad, könnte zwischen 5 und 6,7 GWh Heizenergie pro Jahr gewonnen werden. Heißt: rund 500 Wohneinheiten mit 100 Quadratmetern könnten mit Wärme versorgt werden. Nach dem neuestem Heizstandard gar 1000 Wohnungen. Im Vergleich zur Gasheizung ließen sich so rund 1100 Tonnen CO2 einsparen.

Sollte eine geothermische Energienutzung in Frage kommen, ist eine weitere Bohrung in etwa 800 bis 1000 Meter Entfernung notwendig, um dort das entnommene Wasser wieder in den Untergrund zu pumpen und den unterirdische Lagerdruck nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Angedacht ist eine solche Bohrung (V) im Bereich des Maisentals, wie Cammerer ausführte. Doch noch bewegt man sich im Konjunktiv.

Pumpversuche verraten Wirtschaftlichkeit

Auch wenn die Behörden, so wie jetzt auch der Gemeinderat, dem Vorhaben grundsätzlich grünes Licht geben, hängt ein Gelingen von Pumpversuchen an den beiden Bohrlöchern ab. Sie sollen Aufschluss geben über die Beschaffenheit des Untergrunds, den möglichen Wasserertrag und damit auch über die Wirtschaftlichkeit des Projekts. Im Sommer 2020 sollen zunächst die Bohrungen mittels eines zwölf Meter hohen Bohrturms durchgeführt werden, im folgenden Herbst oder Winter die Fördertests. Sollte alles wie geplant klappen, könnten die beiden Bohrlöcher bereits im Jahr 2021 an die Albthermen angeschlossen werden.

Keine Risiken für Anwohner zu erwarten

Auch wenn das Verfahren selbst Risiken berge – das HDR-Projekt scheiterte an einem abgebrochenen Bohrgestänge – für die Bad Uracher selbst erwartet Cammerer keine Folgen. Der Uracher Untergrund besteht aus Muschelkalk und nicht wie in Staufen aus quellfähigem Anhydrit, weswegen es dort zu Hebungen und Schäden gekommen ist. Auch durch die Injektion des entwärmten Wassers seien keine seismologischen Effekte zu erwarten.

Derlei Sorgen und weitere Fragen zum angedachten Projekt hat Cammerer bereits direkten Anwohnern des Bohrplatzes, in der Nähe des Kurgebiets, während einer Infoveranstaltung am Montag beantwortet. Eine weitere, breiter geöffnete soll folgen.

Kosten von zwei Millionen Euro

Die Kosten des Projekts belaufen sich nach aktuellen Berechnungen auf rund zwei Millionen Euro. Förderfähig ist rund die Hälfte. Aus dem Fördertopf des Tourismusinfrastrukturprogramms erwartet die Stadt zwischen 490 000 und 245 000 Euro. Im März soll darüber eine Entscheidung fallen. Anschließend können die Arbeiten ausgeschrieben werden. In Frage kommen, laut Cammerer, europaweit nur etwa vier bis fünf Brunnenbaufirmen. Noch nicht im Preis inbegriffen sind die Kosten für eine notwendige Wärmezentrale, das zusätzliche Bohrloch V, sowie für die Leitungen zum Aufbau des möglichen Versorgungsnetzes.

Beitrag zum Klimaschutz

Bürgermeister Elmar Rebmann verteidigte den jetzigen Mittelaufwand und verwies darauf, dass die technische Sicherung der Löcher ohne weitere Nutzung alleine rund 1,6 Millionen Euro verschlungen hätte. Den Aufwand hält er auch vor dem Hintergrund für lohnend, als die Stadt einen gewichtigen Beitrag zum Klimaschutz liefere. Er hält die Entscheidung zudem für eine, die weit in die Zukunft hineinrage. Einstimmig positiv auch der Tenor im Bad Uracher Ratsrund. Ausdrückliches Lob gab es hier für die beharrliche Suche der Verwaltung nach einer Nachnutzung der Bohrlöcher.

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Grad Celsius heiß ist das Thermalwasser, das man aus dem Untergrund Bad Urachs fördern will. Die darin gespeicherte Energie will man nutzen, um bis zu 1000 Haushalte zu heizen. Die Wärme im Uracher Erdinneren resultiert aus einer geologischen Anomalie. Auf einer Fläche von 40 mal 50 Kilometern entstanden vor rund 17 Millionen Jahren rund 360 Vulkane. Im Zentrum dieses Gebiets liegt heute die Stadt Bad Urach.