Vier Stunden Deutsch unterrichtet, zwei Meetings mit Kollegen absolviert, und dann noch einen Text aus dem Spanischen übersetzt – ein normaler Tag, also? „Naja, abgesehen davon, dass ich eben weiterhin zu Hause bin“, erklärt Claudia Weichselfelder per Kurznachricht einer Freundin in Deutschland. Zu Hause, das ist für die Metzingerin die vier Millionen Menschen zählende Metropolregion Medellín in Kolumbien – einem „unglaublich vielfältigen Land in jeglicher Hinsicht“, was sich auch gerade in der Corona-Zeit zeige.

Eine Wahlheimat im kolumbianischen Medellin gefunden

Dort wurden am 16. März – etwa zur gleichen Zeit wie in Deutschland – die Schul- und Universitätsgelände geschlossen und weite Teile der Wirtschaft lahmgelegt. „Mit dem kleinen Unterschied, dass es gerade mal 57 Personen mit offiziell bestätigter Covid-19-Erkrankung gab. Sieben davon wurden in meiner Wahlheimat Medellín registriert.“ Die Bundesrepublik verzeichnete am selben Tag 6012 Fälle.
Corona-Serie: Eine Metzingerin berichtet aus Australien Vom Au-Pair zur Lehrerin

Metzingen/Melbourne

Eingestellter Flugverkehr, landesweite Ausgangssperre

Seitdem jage eine Entscheidung die andere: Die Grenzen werden geschlossen, auch für Kolumbianer im Ausland; der nationale wie internationale Flugverkehr eingestellt. „Nur wenige Wochen vorher hätte ich mir das noch nicht ausmalen können“, berichtet die Lehrerin. Als am 20. März die landesweite Ausgangssperre eingeläutet wird, kreisen Militärhubschrauber über den Dächern der Stadt und beschallen die Bewohner mit Durchsagen. „Die gesundheitliche Krise wird wie so vieles hier als eine sicherheitsgefährdende Bedrohung behandelt, welche das Aufgabengebiet dieser Einheiten ausweitet.“ Sie verlasse seit mehr als sieben Wochen maximal einmal pro Woche ihre vier Wände, erzählt Claudia Weichselfelder, und zwar an dem Tag, an dem es ihr die letzte Ziffer ihrer Identifikationsnummer erlaubt, „zum nächstgelegenen Supermarkt oder zur Apotheke zu huschen, wo mein Ausweis diesbezüglich kontrolliert wird“.
Das dürfe sie nur, weil sie zwischen 18 und 70 Jahre alt ist. Jüngere und Ältere dürften „bis heute überhaupt nicht vor die Tür“. Verstöße gegen die Quarantäne kosten bis zu 936 323 Pesos – derzeit umgerechnet 220 Euro. Die Währungen des globalen Südens verloren in den vergangenen Wochen stark an Wert. Da die Geldstrafe den monatlichen Mindestlohn übersteigt, entspreche sie in Deutschland aber etwa 1600 Euro.
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Metzingen/Melbourne

Bevölkerung verlangt drastische Maßnahmen

In der Republik Kolumbien sei es die Gesellschaft, die nach drastischen Maßnahmen verlange, und einzelne Bürgermeister verhängten strengere Regelungen als Präsident Iván Duque. Dies führe sogar zur Abriegelung einzelner Städte. „Das Gesundheitssystem ist, zumindest für einen Großteil der Bevölkerung, schwach aufgestellt und würde einer höheren Infektionsrate bald erliegen. Dessen ist sich die Bevölkerung bewusst.“ Auch sie selbst hoffe, in nächster Zeit nicht darauf angewiesen zu sein. Das Motto laute „#quédateencasa“, zu Deutsch „Bleib zu Hause!“. Mindestens 95 Prozent der Leute auf der Straße trugen schon Mundschutz, bevor das Pflicht wurde – zumindest in dem „wirklich schönen Viertel“, in dem sie wohne.

Frauen rufen auf den Straßen um Hilfe

Knapp 50 Prozent der Beschäftigten seien „im informellen Sektor tätig“. Die trifft es nun besonders hart. Indem sie Gemüse, Eis oder ein Lied auf der Straße darbieten, versuchen sie, sich und ihre Familie über den Tag zu bringen. „Neuerdings gehen Emberá-Frauen mit ihren Kindern um Hilfe rufend durch die Straßen und lassen sich von den Anwohnern Nahrungsmittel oder Hygieneprodukte zuwerfen. „Es geht ums Überleben für diese indigene Minderheit, die vor der Gewalt auf ihrem Land im Chocó am Pazifik geflüchtet, aber in der Großstadt fremd und chancenlos ist. Da, wo staatliche Hilfen nicht greifen, kann hoffentlich die Solidarität des Nächsten das Schlimmste abwenden.“ Aber es treffe auch gut Ausgebildete, denn soziale Absicherung gibt es nicht. Wie der Direktor des Deutsch-Kolumbianischen Friedensinstituts, Stefan Peters, jüngst schrieb: „Bei einem schweren Verlauf entscheiden hier weniger das Alter oder die Vorerkrankungen, sondern das Bankkonto und der Wohnort über Leben und Tod.“

Fallzahlen aufgrund von schnellen Maßnahmen verhältnismäßig gering

Bislang seien die Fallzahlen verglichen mit Europa, Nordamerika und anderen südamerikanischen Staaten relativ niedrig, erklärt die 31-Jährige: Am 10. Mai gab es 11 063 Infizierte, 463 Tote und 2705 Genesene. „Die schnell ergriffenen Maßnahmen scheinen sich als effizient zu erweisen, aber wer weiß das schon so genau in einem Land, in dem Schnelltests rar sind und so manches vertuscht oder verscharrt wird. Die strikten Vorschriften wirken in Kolumbien tragischerweise zugleich lebensrettend und tödlich. Die Krise wird hier Menschen ins Grab bringen, nicht nur wegen des Virus, sondern wegen des Hungers.“

Der Liebe wegen in Kolumbien

„Im Grunde die Liebe“ habe sie vor drei Jahren nach Kolumbien gebracht. Und die Arbeit ermöglichte es ihr, „zumindest vorerst zu bleiben“, schreibt die Absolventin des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums, die in Siegen und Jena unter anderem Deutsch als Fremdsprache studierte und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) dann wunschgerecht in Medellín eingesetzt wurde. Seither hat sie ihren Aufenthalt mehrfach verlängert und vor einem halben Jahr eine Stelle an der Deutschen Schule angetreten. Dort arbeitet sie jetzt als Deutschlehrerin und in der Kommunikationsabteilung.

Langsam rollt das Leben und die Wirtschaft wieder an

Das Bildungswesen reagierte schnell und professionell: „Die Deutsche Schule läuft virtuell weiter, von Langeweile keine Spur. Die Umstellung sei fordernd, aber sie ist dankbar dafür, dass die Schule so überbrücken und immer noch pünktlich das volle Gehalt zahlen kann.
Am 27. April wurde der Shutdown gelockert, Bausektor und Textilbranche wieder angekurbelt. Im Valle de Aburrá, wo Medellín liegt, darf man sich nun zwischen 14 und 15 Uhr mit fünf Metern Abstand zu anderen sportlich im Freien betätigen – „Freiheit zur heißesten Zeit des Tages“, die Claudia Weichselfelder aber nur am Wochenende nutzen kann.
Ansonsten tauscht sie sich beim „virtuellen Kaffeetrinken“ mit deutschen Frauen in ganz Kolumbien aus, schnuppert auf dem Balkon Luft, die so gut ist wie nie seit Beginn der Qualitätsmessungen, lauscht dem Geplapper kleiner grüner Papageien, freut sich an Kolibris und unbeschwerten Eichhörnchen.

Reisen in der Fantasie

Ihren 31. Geburtstag im April feierte die Metzingerin auf neue Art: Freundinnen überraschten sie mit einem per Kurier gelieferten selbstgebackenen Kuchen. „Demnächst will ich mir eine Pizza meines Lieblingsrestaurants gönnen. Das darf seit neuestem wieder Kunden beglücken“ – zuhause, aber immerhin.
Corona-Serie: Eine Metzingerin berichtet aus Australien Vom Au-Pair zur Lehrerin

Metzingen/Melbourne

Claudia Weichselfelder wird wohl den Sommerurlaub daheim verbringen müssen, hofft aber, irgendwann wieder eines der noch offenen Reiseziele in Kolumbien ansteuern zu können. Bis dahin ist sie „froh über das Gute, was immer noch sein darf oder sogar in dieser Zeit erst Raum gewinnt“.
Vielleicht verreise sie auch einfach in ihrer Fantasie. „Inzwischen habe ich zahlreiche fabelhafte Bilder von diesem wunderschönen und so vielfältigen Land in meinem Herzen gespeichert: das Meer der sieben Farben rund um die Karibikinsel Providencia, die Flamingokolonie in Camarones, das Pferd, das mich auf seinem Rücken um Jardín trägt und es mir ermöglicht, in aller Ruhe die umhertänzelnden Schmetterlinge zu beobachten . . .“

Corona-Berichte aus aller Welt


Teil 9 Viele Menschen in der Region sind weltweit vernetzt, haben Freunde, Familie, Mitschüler, die im Ausland leben. Wie erleben sie dort die Coronakrise? Auf Berichte aus London, Stockholm, Paris, Seoul, Costa Rica, Kanada, Australien, den USA und Malta folgt der Bericht einer Metzingerin in Kolumbien.

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