Aline Pronnet lebt das Leben einer ganz normalen jungen Frau: Die Kunsthistorik-Studentin reist gerne, trifft sich mit Freunden und gönnt ihrer Haut auch einmal ein Peeling. Aber eines mag die 27-Jährige gar nicht: Müll. Den vermeidet sie so sehr, wie sie nur kann. Mit Erfolg: Ihr Restmüll der vergangenen zwei Jahre passt in ein Einweckglas, auffallend viele Festivalbändchen sind darunter und machen eines deutlich: Aline Pronnet verzichtet nicht wirklich auf etwas in ihrem Leben – nicht auf ein Deo, ihr Geschirr wäscht sie in der Spülmaschine und geputzt wird bei ihr selbstverständlich auch, aber mit selbst hergestellten Mitteln.

Das müllfreie Leben hat sich nach und nach in ihrem Alltag breit gemacht. 2010 ging’s mit dem Verzicht auf Plastik los, dann kam das Badezimmer dran und dann all die anderen Lebensbereiche. Inzwischen hat Aline Pronnet viele Nachahmer über den Freundeskreis hinaus. „Immer mehr Leute haben nachgefragt, wie ich das so mache“, erklärt sie bei einem Workshop in Bad Urach. Seit 2017 hat Aline Pronnet deshalb einen Blog, berichtet darin über ihre persönlichen Erfahrungen, teilt Rezepte und vieles mehr mit. Darüber hinaus ist sie bundesweit zunehmend als Referentin gefragt: Rund 100 Zuhörer kamen am Samstag zu ihrem Vortrag in den Bürgersaal, 27 Frauen und Männer nahmen am Sonntag an einem Workshop teil. Eine überwältigende Resonanz, mit der Evelyn Vogel von der Volkshochschule nicht gerechnet hat: „Das Thema schlägt ein.“

Die Verantwortung steigt

Die Wegwerfgesellschaft bröckelt, viele Menschen werden sich ihrer Verantwortung bewusst und wollen darauf reagieren. Dabei ist vieles gar nicht so neu, Altbekanntes erlebt sozusagen eine Renaissance: „Viel Wissen ist verloren gegangen“, bedauert sie. Natron, Zitronensäure, Seife und Waschsoda fehlte einst in keinem Haushalt, das ist heute bei Aline Pronnet nicht anders. Daraus stellt sie ihr Waschmittel für weiße Wäsche her. Soll dunkle sauber werden, kommen getrocknete, zermahlene Kastanien dazu. Oder Efeu: „Einfach runterzupfen und verwenden.“ Aline Pronnet hat viel ausprobiert und getestet, nicht immer gelang alles auf Anhieb bei der Herstellung von Kosmetika oder Putzmitteln: „Man muss viel testen“, macht sie deutlich. Das durften die Teilnehmer am gestrigen Workshop denn auch, mischten sich zum Beispiel ein Peeling für das Gesicht aus Heilerde und Kaffeesatz. Auch der landet bei Aline Pronnet nicht im Bio-Müll: „Der hat noch ganz viel Power“, macht die Müllvermeiderin deutlich, Kaffeesatz eignet sich unter anderem fürs Blumendüngen.

Aline Pronnet ist ihren Weg der Müllvermeidung konsequent gegangen, doch sie erhebt anderen gegenüber nicht den moralischen Zeigefinger. Locker und lässig gibt sie ihre Erfahrungen weiter, es wird viel gelacht beim Müllvermeidungs-Workshop. Und sie nimmt sich Zeit für diejenigen, die sich noch auf den Weg machen wollen. „Ich will gerne, es ist aber schwierig“, berichtet eine Frau. „Ich rechne mit einem langsamen Prozess, das geht nicht von jetzt auf nachher.“ Eine Einschätzung, die Aline Pronnet durchaus teilt: „Die Umstände müssen passen.“ Befindet sich kein Unverpacktladen in der Nähe, wird’s schwierig mit der Müllvermeidung. Und hat der Hofladen ungünstige Öffnungszeiten, geht’s zum Gemüsekauf doch mal in den nächsten Supermarkt – da sind Salate und Tomaten eben meistens verpackt. Ihr Rat: Es lässt sich oft eine Lösung für ein vermeintlich großes Problem finden. Sie sieht sich als diejenige, die Anregungen gibt und das Bewusstsein weckt – die lokale Umsetzung ist natürlich in einer Gemeinschaft größer: „Tauscht eure Tipps aus und teilt den anderen mit, was ihr wisst.“ Wo’s zum Beispiel Bienenwachs gibt, der mit Olivenöl erhitzt zu einem Lippenbalsam wird. Die Gesprächsthemen gingen den Workshop-Teilnehmern nicht aus, irgendwann landeten sie auch beim Toilettenpapier. „Rumtüfteln“ rät da Müllvermeidungs-Fachfrau Aline Pronnet und überlegen, was realisierbar ist: „Es gibt zum Beispiel portable Bidets.“ Müll ist ein ernstes Thema, das von Aline Pronnet trotzdem mit viel Spaß vermittelt wurde. Sie jedenfalls verzichtet in ihrem Leben im Prinzip auf nichts. Außer auf Müll. Und das in aller Konsequenz.