Metzingen Altpietisten treffen sich

Helmut Fischer (rechts) und Pfarrer Albrecht Schäfer rücken die Bibel in den Mittelpunkt.
Helmut Fischer (rechts) und Pfarrer Albrecht Schäfer rücken die Bibel in den Mittelpunkt. © Foto: Thomas Kiehl
Metzingen / Von Nicole Wieden 18.01.2019

Dass der Glaube nicht nur eine Angelegenheit für den Sonntagmorgen sein sollte, davon ist Helmut Fischer überzeugt. Aus diesem Grund macht sich der 81-jährige Leiter des altpietistischen Kreises in Metzingen regelmäßig auf, um die Bibelstunden im Gemeindehaus der Martinskirche zu besuchen: Jeden Sonntag und jeden Mittwoch versammelt sich im Apostelsaal am frühen Abend die kleine Gruppe der Pietisten, um sich eine Stunde ausgewählten Versen zu widmen. Mit einem Vortrag bereiten sich drei bis vier Gemeindemitglieder im Wechsel auf die Abende vor. „Und die anderen hören einfach zu“, sagt Fischer.

Diese ruhigen Stunden haben in Helmut Fischers Leben feste Tradition, denn er ist eine altpietistische Familie hineingeboren. Zwar engagierte er sich in seiner Jugend mit Leidenschaft auch an den Aktivitäten des CVJM, doch mit zunehmendem Alter hat er sich wieder auf seine Wurzeln besonnen.

Ergänzung zum Gottesdienst

Während sich die Jungen im Bibelkreis des CVJM in regen Gesprächen über ihren Glauben austauschen, haftet der pietistischen Herangehensweise zuweilen eine vergeistigte, ein wenig verstaubte Note an. Allerdings zu Unrecht, wie die Vergangenheit bezeugen kann: Wurde nämlich noch im 17. Jahrhundert von Seiten der Kirche allein der Gottesdienst als legitime Zusammenkunft von Gläubigen akzeptiert, förderte der Theologe Philipp Jakob Spener – gewissermaßen der Vater des Pietismus – zu dieser Zeit die Bildung der ersten Hauskreise. Die gemeinsamen Stunden außerhalb des Gotteshauses sollten nicht etwa in Konkurrenz zur Kirche stehen, sondern vielmehr als Ergänzung fungieren. Dass sich im Rahmen dieser Kreise fortan an auch Laien an die Auslegung der Bibel heranwagten, war selbst unter den Protestanten ein revolutionärer Schritt und Ausdruck für den Wunsch, die Reformation weiter voranzutreiben.

Mit dem Pietistenreskript im Jahr 1743, das ihnen die Versammlungsfreiheit zustand, waren die Gläubigen innerhalb der Landeskirche nun nicht mehr wegzudenken. In die protestantischen Gemeinden integriert, hielten sie dennoch an ihrem unabhängigen Selbstverständnis fest. Auf diese Weise erwarben sie sich den Ruf, sowohl obrigkeitskritisch als auch bildungsbewusst zu sein – und damit alles andere als verstaubt. Weil sich die Metzinger Pietisten in diesen Tagen allerdings mit dem Ausbleiben des Nachwuchses konfrontiert sehen, hat der Kreis für das anstehende Jahrestreffen Besonderes vorbereitet.

Zum Gottesdienst und zur anschließenden Festveranstaltung am 3. Februar sind 19 Studenten aus dem Alfred-Bengel-Haus, einem Studienhaus für evangelische Theologiestudenten der Universität Tübingen, eingeladen. Weil im Rahmen des Studiums der Kontakt zu Gemeinden eine Seltenheit ist, fördert das Haus, dessen Namensgeber als Vikar und Vertreter des Pietismus auch in Metzingen wirkte, begleitende Projekte in Gemeinden und Bildungseinrichtungen. Mit einem gemeinsam gestalteten Gottesdienst möchten an diesem Sonntag nicht nur die Pietisten aus Metzingen, sondern auch aus Bad Urach, Nürtingen und Kirchheim als Gastgeber die evangelischen Gemeindemitglieder der Umgebung zusammenführen. Nach dem Mittagessen, zu dem die Studenten bei Familien zu Gast sind, versammelt man sich um 14 Uhr für eine Bibelbetrachtung im Gemeindehaus. Dann wird zu hören sein, was denn nun die Jungen zu sagen haben.

19

Studenten aus dem Tübinger Alfred Bengel-Haus sind zum Jahrestreffen der Altpietisten eingeladen. Im Gemeindehaus werden sie sich mit Hiob 19 befassen.

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