Im Landkreis Reutlingen fielen im Jahr 2017 knapp 140 Kilogramm Abfall pro Einwohner an. Maximal ein Kilogramm pro Jahr produziert hingegen Aline Pronnet. Die Zero Waste-Aktivistin (Null Müll) aus München begann schon vor mehreren Jahren damit, ihr Konsumverhalten zu ändern.

Tipps und praktische Hinweise

Seit 2015 gibt die 27-jährige auf ihrem Blog (aufdiehand.blog) zudem Tipps und praktische Hinweise, wie ein jeder zur Reduzierung des Müllaufkommens beitragen kann. Auch ihre Vorträge und Workshops stoßen auf wachsende Resonanz. Wir haben uns mit Aline Pronnet über Alternativen zur Wegwerfgesellschaft, über bewusste Konsumentscheidungen aber auch über fast schon vergessene Hausmittel unterhalten.

Frau Pronnet, wann genau und warum haben Sie angefangen möglichst viel Müll zu vermeiden?

Aline Pronnet: Plastikfrei zu leben habe ich, ehrlich gesagt, aus reiner Faulheit begonnen. Das war 2010 und die nächste Entsorgungsmöglichkeit für Plastik war mir zu weit weg. Die logische Konsequenz war für mich: Plastik wird ab jetzt schon beim Einkauf gespart. Für mich war klar, wenn ich es nicht wegbringen kann, muss ich es reduzieren. Zuerst ging das etwas stockend, aber mit der Zeit hat es sich dann mehr und mehr auch auf andere Wertstoffe und Lebensbereiche ausgebreitet. Ein Beitrag im französischen Fernsehen hat mich zum ersten Mal den Begriff „Zero Waste“ entdecken lassen. Da war auf einmal ein Begriff, der meinen Lebensstil treffend benennt und damit habe ich mich natürlich sofort identifiziert.

Wie viel Müll haben Sie denn im letzten Jahr verursacht?

Ich sammle den Müll in zwei kleinen Eimern unter meiner Spüle. Der eine ist für Plastik und der andere für Metall. Und einmal im Jahr – immer an meinem Geburtstag – bringe ich es dann weg. Und ab und zu wiege ich es, nur aus Neugierde. Es ist meist nicht mal ein Kilo, manchmal nicht mal ein halbes Kilo. In den letzten Jahren waren es meist 200 bis 300 Gramm Plastik und der Rest Metall. Das schwerste sind dabei die Kronkorken (lacht). Restmüll habe ich in der Form gar keinen mehr. Das sammle ich in einem Glas, auch um ihn bei Workshops zu zeigen.

Da Sie Kronkorken ansprechen: Der Spaß in Ihrem Leben bleibt also nicht ganz auf der Strecke?

(lacht) Nein, überhaupt nicht. Ich bin Teil dieser Gesellschaft und ich falle auch nicht als weirdo auf. Im Gegenteil. Ich konsumiere eben sehr bewusst. Jedes Lebensmittel, jedes Kleidungsstück, jede Reise die ich unternehme sind sehr bewusste Entscheidungen. Und das macht mir Spaß, weil es richtig ist und weil es sich gut anfühlt. Diese Lebensweise ist eine, die auch sehr viel zurückgibt. Und wenn ich die Möglichkeit habe, eine Flasche mit Bügelverschluss zu kaufen, ist sie mir lieber als eine mit Kronkorken. Diese Option gibt es ja.

Man muss sich Sie also nicht als asketisch und verbittert lebende Ökoaktivistin vorstellen?

(lacht) Nein. Ich habe überhaupt nicht den Eindruck auf irgendetwas verzichten zu müssen. Im Gegenteil. Meine Entscheidungen, die ich treffe und die Art wie ich lebe, passen nun endlich auch zu meinen Werten. Wenn Wale angespült werden mit dem Bauch voller Plastik oder sich Mikroplastik in unserem Wasser, Wäldern und Wiesen findet, dann stellt man fest, dass Mülltrennung alleine eben doch nicht reicht. Außerdem merke ich jeden Tag, dass ich keinen Müll habe, den ich heruntertragen oder zum Wertstoffhof fahren muss. Alleine schon die gewonnene Zeit ist es das wert. Mir fehlt es an nichts.

Aber Sie wollen schon mit gutem Beispiel vorangehen? Oder wie kam es zu Ihrem Blog, den Sie seit 2015 schreiben?

Das hat sich irgendwie so ergeben. Hauptsächlich durch die Neugierde von Freunden, die immer wieder nachgefragt haben. Irgendwann habe ich dann angefangen Rezepte in meinem Blog aufzuschreiben und ihnen den Link zu schicken. Auch um es nicht jedes Mal neu schreiben zu müssen. Durch meine Wahl es digital zu machen und es zu veröffentlichen, hat sich dann dieser Blog ergeben, der dann von selbst gewachsen ist und immer professioneller wurde.

Frischkäse aus Joghurt herzustellen beispielsweise ist doch aber eine eher althergebrachte Methode?

Absolut! Nur die meisten wissen ja noch nicht mal mehr wie man Brot backt. Ich habe den Eindruck, dass es bei vielen an elementaren Kenntnissen mangelt. Auch in meinem Freundeskreis werden Dinge oft nur warmgemacht und nicht mehr gekocht. Viele wissen beispielsweise auch nicht, welchen Reiniger man für was verwendet.

Welche Reiniger verwenden Sie denn?

Keine konventionellen mehr. Den einzigen, den ich mir im Unverpackt-Laden abfülle, ist Spülmittel. Ansonsten reinige ich vieles nur noch mit Kernseife, mit Essig oder Natron. Hausmittel von früher, die für meine Großmutter noch ganz selbstverständlich waren. Ich habe das Glück, sie noch nach vielem fragen zu können. Eigentlich ist es gar nicht so schwer, aber viele wissen es halt nicht mehr, sondern vertrauen den bunten und stark duftenden Produkten, die da im Regal stehen.

Wohl dem, der einen Unverpackt-Laden in der Nähe hat..

Ja, das ist natürlich praktisch. Ohne die nötige Infrastruktur ist so ein Leben in unserer Gesellschaft nicht möglich.

Und was raten Sie jenen, die die Idee ganz gut finden, sie aber mangels Alternativen nicht umsetzen können?

Das machen was geht und das machen was Spaß macht. Wenn jemand kein Spaß daran hat, Brot zu backen, warum soll er sich dann damit quälen? Oder wenn jemand keine Zeit hat, dann ist es Stress und Stress macht keinen Spaß. Aber wenn es möglich ist zum Bäcker zu gehen und seinen Jutebeutel mitzunehmen, dann ist da schon mal die Tüte eingespart. Es kann ja auch der To-Go-Becher sein, den man durch seinen eigenen ersetzt. Es können so viele Kleinigkeiten sein. Aber man darf sich dadurch nicht stressen lassen. Unsere Gesellschaft hat die notwendige Infrastruktur einfach noch nicht flächendeckend etabliert bisher und dann geht es eben nicht.

Momentan aber, so könnte man jedenfalls den Eindruck haben, grassiert eher die Liefermentalität. Ob es nun Nahrung ist oder aber Kleidung? Wollen Sie da einen Kontrapunkt setzen?

Nicht unbedingt. Ich selbst bestelle zwar fast nichts, in manchen Bereichen macht es für manche aber vielleicht auch Sinn, die Liefermentalität zu bedienen etwa durch Öko-Kisten mit saisonalem Gemüse von Landwirten aus der Region. Nicht jeder hat ja einen Markt bei sich in der Nähe oder Zeit nach Feierabend noch einzukaufen. Die Gewohnheit, zu den einfachen Dingen zu greifen, herrscht halt vor.

Wie putzen Sie sich denn die Zähne?

Ich habe eine Bambuszahnbürste, die kann man, so wie sie ist, kompostieren. Ich verwende sie aber noch zum Putzen weiter, bis keine Borsten mehr drin sind (lacht). Und dann nutze ich noch Zahnputztabletten aus der Apotheke, die es inzwischen aber auch schon in großen Drogeriemärkten gibt.

Und Sie reiben sich Honig zur Reinigung der Haut ins Gesicht?

Ja, Honig ist einerseits ein Naturprodukt, von daher ist es auch kein Problem wenn es in den Abfluss gelangt, andererseits ist er entzündungshemmend und hat viele Wirkstoffe. Würde man eine Creme, mit dem was Honig kann, bewerben, dann wäre es ein tolles Luxusprodukt.

Sie kommen am kommenden Wochenende nach Bad Urach zu einem Vortrag und Workshop. Was erwartet die Gäste?

Zunächst erkläre ich erst einmal was Zero-Waste ist. Viele haben die Vorstellung von einem elfengleichen Wesen, das im Jahr mal eben noch nicht einmal ein Einmachglas voll mit Müll macht. So einfach ist es natürlich nicht. Es wird darum gehen, was Leute wie mich antreibt. Es wird aber auch einen konkreten Einstieg geben: Wie kann man selbst anfangen, nachhaltiger zu leben. Ich versuche dabei so viele Fragen zu beantworten wie möglich. Die Leute sind neugierig, sonst wären sie nicht da.

Hat sich die Resonanz in dem Jahr indem Sie derlei Vorträge halten verändert?

Ich habe den Eindruck, dass sich gesellschaftlich viel mehr tut als noch vor zwei Jahren. Inzwischen ist es bei manchen Supermärkten an der Fleischtheke möglich, seine eigene Box mitzubringen. In Café gibt es Rabatt wenn man seinen eigenen Becher nutzt. Solche Dinge waren vor einigen Jahren noch undenkbar. Jetzt ist es ganz normal und die Leute nutzen es. Auch immer mehr Firmen Schulen, Kindergärten aber auch Vereine und insbesondere auch Jugendliche kommen auf mich zu.

Gibt es denn auch Momente in denen Sie schwach werden?

2012 war ich beispielsweise in Havanna. Da habe ich es in Kauf genommen zu fliegen. Das sind dann Momente, in denen ich immer wieder hadere, weil oft die Zeit oder das Geld nicht da ist. Es ist ja auch absurd manchmal. Mitunter sind Flüge billiger, als einmal mit der Bahn quer durch Deutschland zu fahren. Das sind Punkte, bei denen ich mich dann schon ärgere, weil die Mobilität dann auf Kosten des Planeten geht. Wenn ich mir die S-Bahn-Preise in München anschaue ist klar, dass die Leute mit dem Auto fahren. Da ist Falschparken günstiger, als sich eine Tageskarte zu kaufen. Das kann doch nicht sein.

Themenschwerpunkt Müllvermeidung


Am kommenden Wochenende wird Aline Pronnet in Bad Urach über die Zero-Waste-Bewegung sprechen und praktische Tipps zur Abfallvermeidung geben.

Am Samstag, 23. Februar, um 19.30 Uhr hält sie in der Schlossmühle den Vortrag „Zero Waste – Ein Leben ohne Müll“.

Während an diesem Abend keine Anmeldung erforderlich ist, wird die Teilnehmerzahl beim folgenden Workshop am Sonntag, 24. Februar, auf 30 begrenzt sein. Von 10 bis 13 Uhr wird sie, ebenfalls in der Schlossmühle, kreative Wege zur Müllvermeidung demonstrieren. Teilnehmer sollten Glasbehälter mitbringen.

Eine Anmeldung ist bei der VHS Bad Urach-Münsingen unter (0 71 25) 89 98 möglich. In Zusammenarbeit mit dem Biosphärengebiet Schwäbische Alb organisiert, stehen im Rahmen der Themenreihe weiteren Veranstaltungen auf dem Programm. Infos unter: www.vhsbm.de. wag