Hechingen / Diana Maute  Uhr
Thilo Scholle referierte über Paul Levi, ein großer Sohn Hechingens und Politiker in der Weimarer Republik.

Stoff für mehr als ein Leben: So lautete die Überschrift eines Kapitels, in dem der Rechtswissenschaftler Thilo Scholle bei seinem Vortrag in der Alten Synagoge den Lebensweg Paul Levis nachvollzog. „Verteidiger und enger Freund Rosa Luxemburgs“ stand da ganz oben auf der Liste. Gleich danach reihten sich „Mitbegründer der KPD, politischer Rechtsanwalt in der Weimarer Republik und Reichstagsabgeordneter“ – erst für die KPD, dann für die SPD – in die Aufzählung ein. Und damit nicht genug: Auch Levis Wirken als „intellektueller Leitstern des linken Flügels der SPD“, viel gelesener politischer Publizist mit eigener Zeitschrift sowie „bedeutende Stimme gegen die reaktionäre Justiz“ wurden gewürdigt.

Wer war dieser Mann, der 1883 in Hechingen geboren wurde? Paul Levi stammt aus einer bürgerlich-liberalen jüdischen Familie; seine Eltern besaßen eine Weberei. Levi interessierte sich bereits in jungen Jahren für Politik, schon als Schüler soll er sich als Sozialist verstanden haben. Nach einem Jurastudium in Berlin legte er 1909 das Staatsexamen ab und ließ sich als Rechtsanwalt in Frankfurt nieder. Im gleichen Jahr trat er in die SPD ein.

Seine erste große politische Mandantin war Rosa Luxemburg, die er 1913 in einem Verfahren, in dem ihr „Aufforderung von Soldaten zum Ungehorsam“ vorgeworfen wurde, verteidigte. Im Jahr darauf folgte ein zweites Verfahren, weil Luxemburg „Soldatenmisshandlung“ anprangerte. Erst viel später sei herausgekommen, dass Levi und die große Sozialistin in dieser Zeit eine Liebesaffäre verband, die zwar nicht sehr lange dauerte, für Levi aber „wohl emotional sehr bedeutend war“, konstatierte Thilo Scholle in seinem Vortrag.

Ab 1914 begab sich Paul Levi „immer mehr in das Zentrum der politischen Umtriebe der Sozialdemokratie.“ Während des Ersten Weltkriegs schloss er sich der innerparteilichen revolutionären Spartakusgruppe an, später auch der USPD, rückte in die Führung auf und war bei der Zeitschrift „Die Rote Fahne“ aktiv. Levi gehörte zu den Mitbegründern der KPD und wurde im Zuge des sogenannten Spartakusaufstands inhaftiert, „was ihm wahrscheinlich das Leben rettete.“ Nach der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht – „ein sehr schwerer Schlag für Levi“ – übernahm er den Vorsitz der KPD. Sein rigider Kurs dort spaltete die Partei. 1921 verließ er die KPD, deren putschistische Taktik beim Märzaufstand er in der Broschüre „Unser Weg. Wider den Putschismus“ öffentlich kritisierte. Kurz darauf wurde er von der KPD ausgeschlossen.

Wie Referent Thilo Scholle erklärte, habe Lenin bedauert, dass er als „Abweichler“ endete: „Levi hat den Kopf verloren. Er war allerdings der einzige in Deutschland, der einen zu verlieren hatte“, wird Lenin zitiert.

Nach seiner Rückkehr zur Sozialdemokratie wurde Levi als SPD-Reichstagsabgeordneter und Herausgeber der Zeitschrift „Sozialistische Politik und Wirtschaft“ zu einem der maßgeblichen Akteure auf deren linken Flügel. Öffentlich trat er unter anderem als Kritiker der alten reaktionären Eliten und einer gegen die Gefahr von rechts untätigen Justiz auf. Im Februar 1930 erkrankte er an einer Lungenentzündung und starb nach einem Fenstersturz.

„Die Wahrnehmung von Levi war sehr ambivalent“, konstatierte der Referent. Die Reaktionen auf ihn reichten von blankem Hass bis hin zu tiefster Wertschätzung. Carl von Ossietzky etwa habe ihn als „Redner von elementarer Kraft“ beschrieben, als selbständigen Kopf, der „den politischen Durchschnitt in Minutenfrist mit der flachen Hand erledigt“, in der eignen Partei jedoch fast immer nur „wie ein glänzender Gast, wie ein wandernder Virtuose wirkt, der für einen Abend leuchtet und dann weiterzieht.“ Albert Einstein habe Levi als eine der größten Persönlichkeiten bezeichnet, denen er je begegnet sei. In der Tat also Stoff für zwei Leben, den Paul Levi in nur 47 Lebensjahren für sich verbuchen konnte.