Kündigungen? Standort­schließungen? Insolvenz gar? Über der Sternenbäck-Gruppe und ihren rund 1800 Mitarbeitern schweben vielerlei Damoklesschwerter. Wie berichtet, musste das Hechinger Traditionsunternehmen als Notbremse vor dem klaffenden Abgrund ein Schutzschirmverfahren beantragen.

Marco Linkenheil, Sprecher der Geschäftsleitung der Großbäckerei in der Brunnenstraße, glaubt nicht, dass die schlimmsten Szenarien wahr werden. Im Gespräch mit der HZ strahlte er große Zuversicht aus, dass das nun anlaufende Verfahren nicht dazu dient, die Großbäckerei abzuwickeln, sondern sie zukunftsfest zu machen: „Uns“, so sagte Linkenheil, „wird es weiterhin geben. Wir werden die 254-jährige Geschichte weiterschreiben.“ Anno 1766 war es, als mit der Familienbäckerei Bumüller im Gasthof „Zum Sternen“ in der Hechinger Unterstadt alles begann.

Kurzarbeit gibt es schon seit März

Ob Arbeitsplätze abgebaut werden müssen oder nicht – dazu könne er derzeit keine seriöse Aussage treffen, so der kaufmännische Leiter, aber: „Mit strukturellen Änderungen müssen nicht gleich Entlassungen einhergehen.“ Es herrsche in der Bäcker-Branche ohnehin ein Mangel an fachkundigen Mitarbeitern. Soll heißen: Dann schickt man die, die man hat, nicht so einfach weg. An Kurzarbeit in der Corona-Krise kam freilich auch Sternenbäck nicht vorbei. Bereits im dritten Monat fährt die Unternehmensgruppe nun mit diesem Modell.

Staatshilfe und Kredite kommen nicht so schnell, wie es die Politik darstellt

Arbeitsplatzsicherung ist auch die Überschrift, unter die Linkenheil den vergangene Woche gestellten Antrag auf ein Schutzschirmverfahren stellt. Bis zuletzt habe man im Unternehmen gehofft, dass man die Corona-Krise außer mit Kurzarbeit mit schnellen Krediten überstehen könne. Doch diese Hoffnung zerschlug sich. Mit Staatshilfen und KfW-Bank-Krediten gehe es in der Praxis „nicht so schnell, wie es im Fernsehen immer dargestellt wird. Man muss immer zuerst über die Hürden der eigenen Hausbank springen“. Diese Erfahrungen musste man bei Sternenbäck in den vergangenen Wochen machen. „Ich darf da nicht mit Hoffnungen operieren“, sagt der Co-Geschäftsführer. „Die Wahrscheinlichkeit, dass das Geld zu spät kommen wird, war einfach zu groß.“

Die Kanzlei Anchor stellt den Sachwalter

Deshalb nun „schweren Herzens“, so Linkenheil, der Griff nach dem Schutzschirm – und der bevorstehende Weg durch ein dreimonatiges Verfahren, an dessen Ende ein sogenannter Insolvenzplan stehen muss, der im besten Falle ein Sanierungsplan sein wird. Als frei gewählten Sachwalter in diesem Verfahren nominierte das Unternehmen den Stuttgarter Fachanwalt für Insolvenzrecht Prof. Dr. Martin Hörmann von der Kanzlei Anchor. Er hat in den nächsten Wochen die Aufgabe, den rettenden Anker für Sternenbäck auszuwerfen und das Schiff zu neuen Ufern zu führen. Just gestern sollte sich Hörmann das erste Mal mit der Geschäftsführung treffen.
Anker hin oder her – Marco Linkenheil wählte ein anderes Bild, als er die Belegschaft über das Schutzschirmverfahren informierte. „Ich sagte“, so erzählt er, „wir haben Schach gespielt und wir waren am Gewinnen. Dann hat uns jemand die Figuren vom Brett gehauen. Und jetzt müssen wir sie wieder aufstellen.“

Corona wird zum Spielverderber

Die ursprüngliche Gewinnaussicht bezieht sich darauf, dass Linkenheil das Unternehmen nach dem Schock von 2017, als Sternenbäck in Ostdeutschland 40 Filialen schließen musste, wieder auf einem „sehr, sehr guten Weg“ gesehen hat: „Wir haben uns in den letzten drei Jahren wirklich erholt. 2020 hätten wir erstmals wieder Geld verdient.“ Doch dann kam der Spielverderber Corona, der nicht nur die Cafés leerfegte, sondern auch die Umsätze von Bäckereien in Einkaufszentren wegbrechen ließ.
Die Hoffnung, dass mit den ersten Lockerungen das Geschäft gleich wieder brummen würde, hat sich auch zerschlagen. Gleichwohl ist man im Hause Sternenbäck überzeugt, dass es auch für die Bäcker- und Gastronomiebranche eine Zeit nach Corona geben wird – und das eigene Haus bis dahin krisenfest aufgestellt ist. „Wir sind nicht Alno und nicht Maredo“, betont Marco Linkenheil. „Unsere Struktur und unsere Substanz ist besser.“

Die Cafés werden nach und nach geöffnet

Schrittweise werden die Sternenbäck-Cafés nach dem Corona-Lockdown wieder geöffnet – jedenfalls dort, wo anderthalb Meter Abstand gewährleistet werden können. Die beiden Hechinger Cafés am Obertorplatz und in der Herrenackerstraße sind bereits wieder offen. Außenbewirtung ist aber nur in der Unterstadt möglich. Am Obertorplatz ist die Baustelle vor der Tür – was auch dazu beiträgt, dass von Publikumsandrang keine Rede sein kann. hy