Zum wiederholten Mal ist die Hechinger Werbefachfrau nun schon im Gebäude Marktplatz 1 präsent. Auch mit dieser Ausstellung verleiht sie dem eingetragenen Denkmal eine ganz spezielle Note, und ein Besuch der Ausstellung wird an dieser Stelle absolut empfohlen. Schön anzuschauen ist die Fotokunst von Nadine Ottenbreit immer. Aber mit ihren neuen Arbeiten entfernt sie sich thematisch vom Wilden und Unterhaltenden. Sie legt richtig Tiefgang rein. Schließlich geht es um eine Frage, welche die Menschheit schon lange umtreibt: Was ist typisch männlich, was ist typisch weiblich – oder steckt vom einen Geschlecht nicht auch ein Gutteil im anderen?

Frauen sind schwach, Männer sind stark. Dieses Klischee dreht Nadine Ottenbreit mit ihren Bildern durch den Wolf. Da ist sie im Selbstportrait zu sehen als Kriegerin („Entschlusskraft“), dann gibt’s den Schönling, dem die Kullertränen übers Gesicht laufen („Emotion“), und es folgt wieder die zähneknirschende Maid, die sich an der Halskette nach oben zieht („Ehrgeiz“). Keine klaren Grenzen also zwischen den Geschlechtern, aber wieso auch, wo sie es doch eh nicht gibt.

In seiner zweiten Einführung in eine Ottenbreit-Schau drehte Peter Rall das ganz große Rad und erinnerte an den Analytiker C.G. Jung, der vor gut 100 Jahren die Begriffe von Anima und Animus geprägt hat – und die Nadine Ottenbreit als Titel ihrer Ausstellung genommen hat. Der Vorsitzende der Senioren der Wirtschaft Baden-Württemberg übersetzte: Im Unbewussten des einen Geschlechts schlummert immer etwas vom anderen. Und der Laudator empfahl: Es geht nicht um das eine Bild, die Ausstellung hat einen spannenden roten Faden, eben die Frage, was nun typisch Mann und was typisch Frau ist, und das bringe  interessante Perspektivwechsel zur Visualisierung.

Die Fotografin war zwar einverstanden mit der Farbe des Fadens, hob aber ein Bild exemplarisch heraus: „Starke Schulter“, eine Darstellung der Mutter Maria mit ihrem sterbenden Sohn im Schoß nach Ottenbreit-Art. Das klassische Rollenbild ist auf den Kopf gestellt: die Frau stark, der Mann schwach. Aber: „Auch er ist kein Opfer. Sein Mut sich fallen zu lasen, Trost anzunehmen, gehalten zu werden, bewirkt in mir das Überdenken der klassischen Rollenbilder.“

Die trotz der hitzigen Umstände stattliche Besucherschar hatte der Bürgermeister begrüßt. Philipp Hahn erkannte, dass die Hechinger Fotokünstlerin ein großes Stammpublikum hat, sich aber auch etliche neue Interessierte eingefunden hatten. Ihn beeindruckt bei den ausgestellten Bildern insbesondere die Frische, die sie ausstrahlen. Und das Thema selbst? Sehr menschlich!

Mit schwäbischen Chansons umrahmte Gitte Müller die Vernissage. Auch sie ist eine alte Bekannte, und ihre Lieder sind äußerst hörenswert.

Info „Anima/Animus“ ist zu sehen bis 16. August, wenn das Rathaus geöffnet hat, also montags bis freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr, donnerstags außerdem von 14 bis 18 Uhr.