Hechingen Mit dem Volkstrauertag vorausschauen

Hechingen / Ernst Klett 18.11.2018
Flandern und Stalingrad längst vergangen? Und die toten Flüchtlinge im Mittelmeer? Die Hechinger Feier war hoch aktuell.

Im Ersten Weltkrieg fielen 184 Männer aus Hechingen, elf blieben verschollen. Der Zweite Weltkrieg forderte 393 Tote und 150 Vermisste. Sämtliche Hechinger jüdischen Glaubens wurden verjagt, verschleppt, ermordet. Unzählige Male hat man dies gehört und gelesen. Aber Dr. Adolf Vees, der Ortsbeauftragte des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) weiß, wie man Betroffenheit erzeugt. Bei der Gedenkstunde zum Volkstrauertag verlasen er und seine Enkel Victoria, Benedikt und Constantin Namen der Gefallenen und Ermordeten. Straße für Straße, Stadtviertel für Stadtviertel. Es ist, wie wenn man im tiefsten Frankreich auf einem Soldatenfriedhof den Namen des eigenen Großvaters liest: das berührt.

„Wir sehnen uns nach Versöhnung mit unserem Nächsten“, stellte Adolf Vees fest. Um zu fragen, wer denn unser Nächster ist? Seine Antwort: „Unser Nächster liegt im Feld vor Kursk, vor Stalingrad, im Eismeer, in der Wüste Afrikas. Er liegt in Auschwitz, in Majdanek, in Mauthausen, in Babi Jar. Unser Nächster liegt in Syrien, in Afghanistan, in Lybien. Er ertrinkt im Mittelmeer.“ Nichts ist es mit alles gestern und alles vergangen.

Den äußerst aktuellen Bezug des Volkstrauertages hatte ebenfalls Bürgermeister Philipp Hahn hergestellt. Weil das Datum  passt, hatte das Stadtoberhaupt an die zehn Millionen toter Soldaten des am 11. Januar 1918 beendeten Ersten Weltkriegs erinnert. Hinzu waren sieben Millionen zivile Opfer gekommen. Diese enormen menschlichen Verluste seien einher gegangen mit dem Verlust des Glaubens an Fortschritt und Humanität. Das Erbe der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts war vor 100 Jahren im Keim schon vorhanden: der Zweite Weltkrieg.

Den Volkstrauertag nannte Philipp Hahn einen Tag der Besinnung darüber, wie man heute auf Gewalt reagiert und was man für die Menschlichkeit tut. Der Rückblick müsse deshalb gleichzeitig ein Blick in die Zukunft sein: Auf die Bewahrung von Demokratie und Frieden.

Die Feierstunde am Ehrenmal hinter der Stiftskirche war durchaus gut besucht. Besonders begrüßt wurde der CDU-Landtagsabgeordnete Karl-Wilhelm Röhm, der mit Wohnsitz Gomadingen den weitesten Anfahrtsweg gehabt haben dürfte. Ehrenformationen stellten die Bürgergarde, das DRK, die Feuerwehr, die Pfadfinder und das THW. Die musikalische Umrahmung war wie immer gute Sache der Stadtkapelle.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel